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Für ein sicheres Leben in den Medien

Umgang mit Medien Für ein sicheres Leben in den Medien

Studien zufolge besitzen 90 Prozent der Jugendlichen in Deutschland ein Smartphone. Das ist nicht nur praktisch, sondern kann auch eine Vielzahl an Problemen mit sich bringen. Hier setzt ein neues Schulprojekt an.

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 90 Prozent der Jugendlichen in Deutschland besitzen inzwischen ein Smartphone. In einem Schulprojekt sollen sie den richtigen Umgang damit lernen.

Quelle: Josep M. Suria

Marburg. Cybermobbing, Cybergrooming, Sexting – mit der steigenden Anzahl an Mobiltelefonen steigt auch die Möglichkeit von Kindern und Jugendlichen zu Opfern zu werden. Opfer der eigenen Klassenkameraden, Opfer von Kriminellen, Opfer virtuellen sexuellen Missbrauchs. Auch vor Schulen macht dieser Trend nicht Halt. Die Auswirkungen reichen bis weit in den Unterricht hinein. Mit einem großangelegten Pilotprojekt will das Staatliche Schulamt dem nun entgegenwirken.

„Schule und soziale Netzwerke“ (SuN) heißt das Medienprojekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, Schüler im verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Netzwerken zu schulen und ihnen die dramatischen Folgen von Unachtsamkeit und zu viel Offenheit aufzuzeigen.

Was erst einmal sehr theoretisch klingt, ist sehr praktisch angelegt: Vier Pilotschulen wurden ausgewählt, an denen jeweils vier Schüler zu sogenannten Peer-Experten und zwei Lehrer zu sogenannten Coaches ausgebildet werden. Die Peer-Experten zeigen ihren Mitschülern auf Augenhöhe, worauf es beim Umgang mit dem Smartphone ankommt, was man preisgeben kann und was man tunlichst vermeiden sollte. Die Peer-Experten sollen zudem Vertrauenspersonen sein, wenn jemand Opfer von Cybermobbing (Mobbing in sozialen Netzwerken), Cyber-grooming (sexuelle Anmache in Chats) oder Sexting (Versenden von freizügigen Fotos) geworden ist.

Schüler beraten Schüler

Yannik Beging ist ein solcher Peer-Experte. Der Achtklässler der Mittelpunktschule (MPS) Hartenrod findet das Projekt „cool“ und ist gerne bereit, anderen Schülern im Umgang mit sozialen Netzwerken zu helfen. Alica Drews von der Georg-Büchner-Schule Stadtallendorf sieht das ähnlich: „Wir gehen auch in die Klassen der jüngeren Jahrgangsstufen hinein, halten dort eine Stunde Unterricht zum Umgang mit sozialen Netzwerken und klären über die Gefahren auf“, erklärt die Achtklässlerin ihre Aufgabe.

Die Peer-Experten sind zudem extra geschult, Opfer von Cyber-Kriminalität – sei es an der Schule oder in der Freizeit – bei Eltern-Gesprächen, zu Beratungsterminen oder der Polizei zu begleiten.

Neben der MPS Hartenrod und der Georg-Büchner-Schule Stadtallendorf sind die Elisabethschule und die Martin-Luther-Schule aus Marburg an dem Pilotprojekt beteiligt.

„Wir haben uns die Wahl der Schulen nicht leicht gemacht“, erklärt Ulrich Müller, der das Projekt von Seiten des Staatlichen Schulamtes leitet: „Uns war es wichtig, dass sich die Schulen schon im Vorfeld mit dieser Thematik, deren Stellenwert und Relevanz auseinandersetzen und prüfen, ob die entsprechenden Ressourcen und Kapazitäten, die eine Teilnahme bedingt, vorhanden sind.“

"Eine Motorsäge gibt man ja auch keinem in die Hand, ohne vorher Sicherheitshinweise zu geben."

Urban Sersch, Schulleiter der Georg-Büchner-Schule, sieht in dem neuen Projekt auch eine große Chance: „Wir haben die digitale Welt in der Schule bisher immer nur über Konflikte wahrgenommen. Über ,SuN‘ können wir mit den Schülern ins Gespräch kommen und präventiv arbeiten“, sagt er und ergänzt: „Eine Motorsäge gibt man ja auch keinem in die Hand, ohne vorher Sicherheitshinweise zu geben.“

An jeder Pilotschule wird das Projekt von einer Steuergruppe getragen, in der neben den Schülern, Lehrern und der Schulleitung auch die Eltern mitwirken. An jeder Schule wird darüber hinaus ein Medienbildungskonzept entwickelt und Überlegungen angestellt, wie die Thematik nachhaltig in Unterricht und Schulleben einfließen kann. „Wir wollen, dass ein Leitfaden erstellt wird zum schulinternen Umgang mit digitalen Medien, sozialen Netzwerken, Cybermobbing, Cyber­grooming und Sexting“, betont Müller.

Unterstützt wird das Projekt „SuN“ von Medienbeauftragten und Schulpsychologen des Staatlichen Schulamtes, von Medienpädagoge Thomas Graf sowie der Polizei mit der „Arbeitsgemeinschaft Gewalt an Schulen“, dem Marburger Verein „Make IT Safe“ sowie dem Netzwerk „Einsicht – Marburg gegen Gewalt“ und Staatsanwalt Oliver Rust.

„Mit einem Smartphone legen Sie die komplette Erwachsenenwelt in die Hände Ihres Kindes – Pornografie inklusive“, sagt Staatsanwalt Oliver Rust bewusst provokativ an alle Eltern gerichtet. Er will aufrütteln und hat sich deshalb gerne zur Unterstützung des Pilotprojektes bereit erklärt. Bei der Marburger Staatsanwaltschaft gehört er zur Abteilung Aufklärung von Cyber-Kriminalität und hat tagtäglich mit den Folgen von unbedachtem Umgang mit dem Internet und sozialen Netzwerken zu tun.

Eltern- und Schüleraufklärung sind Hauptaufgaben des Pilotprojekts

„Und immer wieder frage ich mich dabei: Wie kann es sein, dass Eltern einem Kind einen Rund-um-die-Uhr-Internetzugang ermöglichen? Und wie kann es sein, dass Kinder dort teilweise alles von sich preisgeben?“, berichtet Rust. Er sehe für das Pilotprojekt zwei Hauptaufgaben: Elternaufklärung einerseits, Schüleraufklärung andererseits.

„Ein Verbot von Smartphones, beispielsweise an Schulen, ist nicht weiter hilfreich. Wir müssen den Kindern vielmehr helfen, damit klarzukommen“, betont Medienpädagoge Thomas Graf und ergänzt: „Ich bin mit Medien groß geworden. Unsere Kinder werden in Medien groß. Das ist ein riesiger Unterschied.“

Das Pilotprojekt ist auf ein Schuljahr angelegt und läuft noch bis Mitte Juni 2016. Wie es danach weitergeht, ist offen. „Das Projekt ist definitiv nicht für alle Schulen im Schulamtsbezirk durchführbar“, erklärt Müller. Im Idealfall werde aber ein Leitfaden erstellt, der an alle rund 100 Schulen im Bezirk weitergegeben werden könne.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

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