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Für den Frieden braucht es Mutige, die ihre Gräben verlassen

Bildmeditation Für den Frieden braucht es Mutige, die ihre Gräben verlassen

Weihnachten 1914, mitten im großen Krieg geschieht ein kleines Wunder. Das Schießen hört auf. In den Schützengräben wird gesungen. Kerzenschein löst das Blitzen und Donnern der Granaten ab. Engländer und Deutsche machen für ein paar Tage Frieden.

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Deutsche und britische Truppen während des Weihnachtsfriedens 1914.Fotografie aus der Sammlung des Imperial War Museums London

Marburg. Niemand hatte damit gerechnet. 160 Tausend Engländer und je 300 Tausend Deutsche und Franzosen waren seit Beginn des Krieges im August gefallen. Fast überall wird auch zu Weihnachten erbittert weitergekämpft. Der Soldat Ludwig Finke schreibt über den 24. Dezember 1914 an der Front in Belgien: „Das Schreien der Verwundeten, das Pfeifen der Gewehrkugeln, das Platzen der Granaten - eine furchtbare Weihnachtsmusik.“ Finke starb sechs Monate später, 21 Jahre alt.

Wie war es möglich, dass sich an einigen Stellen der Westfront eine Waffenruhe ausbreiten konnte? Womit fing es an? Für Deutsche und Engländer, die sich hier gegenüberlagen, hatte das Weihnachtsfest traditionell eine große Bedeutung. So hatte das englische Königshaus hunderttausende Päckchen zu den Soldaten ins Feld geschickt mit Tabak, Alkohol und Schokolade. Und tausende von kleinen Weihnachtsbäumen waren eine Woche vor dem Fest von der obersten Heeresleitung aus Deutschland an die Front geliefert worden.

An Heilig Abend werden die Kerzen angezündet. Manche platzieren das Bäumchen oben auf den Brüstungen der Unterstände. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ wird angestimmt auf der einen Seite und „O, Holy Night“ auf der anderen. Man hört sich, 50 oder 80 Meter voneinander entfernt. Die einen klatschten und rufen „More, more“ - Zugabe, Zugabe! Die anderen singen lauter „...schlaf in himmlischer Ruh...“, bis einer sich traut, den Graben zu verlassen. Normalerweise reiner Selbstmord. „We not shoot, you not shoot“, rufen die Deutschen, wir schießen nicht - ihr schießt nicht. Eine spontane Waffenruhe. Ohne Vertrag, nur auf Vertrauen. Einfach weil Weihnachten ist. Im Niemandsland, zwischen Stacheldrahtverhauen und Granattrichtern reichen sich die Männer die Hand, tauschen Zigaretten, Rum und Schokolade. Einige Deutsche können ein paar Brocken Englisch. Sie haben es in der Schule gelernt, weil der Kaiser angekündigt hatte, man werde demnächst gute Beziehungen zu England aufbauen. Die Männer zeigen sich Fotos von ihren Familien, dazu brauchen sie keine Worte.

Bayrisches Regiment rollt Bier zu den Schotten rüber

Der Weihnachtsmorgen, so die Berichte, ist klar und trocken nach langen Regenwochen, die Stimmung gut. Man feiert Gottesdienste, spielt zusammen Fußball. Ein bayrisches Regiment rollt zwei kleine Fässer Bier zu den Schotten herüber - diese beiden verstehen sich besonders gut. Die Offiziere sehen weg zur Verblüffung der Mannschaft. Stehen doch sonst auf das „Fraternisieren“, auf die Verbrüderung, hohe Strafen. Die Generäle streiten, ob sie hart durchgreifen oder es zulassen sollen. An manchen Stellen hält die Waffenruhe bis über Neujahr. Viele Soldaten schreiben davon nach Hause. Einige haben Fotos gemacht, wie das, was hier zu sehen ist. In Deutschland verhindert eine strenge Zensur jede Veröffentlichung. Doch in England schaffen es einige der Bilder und Berichte in die Presse. „Der kleine Frieden im großen Krieg“, so beschreibt Michael Jürgs das Wunder in seinem gleichnamigen Buch.

Weihnachten 2014. Hundert Jahre nach dem großen Krieg. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Soldaten von damals, in deren Erleben wir kurz Einblick genommen haben, für einen Moment in unsere Gegenwart sehen könnten. Sie würden staunen: Nach den großen Kriegen ist tatsächlich ein großer Frieden in Europa eingekehrt. Das, was sie nur für Augenblicke erleben konnten, wofür sie so mutig aus den Gräben kamen, wovon sie träumten, dass es weitergehen müsste, ist für uns Realität.

Seit Jahrzehnten Frieden, inzwischen fast achtlos hingenommen. Wir können uns frei in den meisten Ländern Europas bewegen, wir reisen, arbeiten, handeln, heiraten, forschen, beinahe, ohne es zu merken, über die alten Grenzen hinweg. Die Nationen stimmen ihre Interessen ab, auch wenn das manchmal schwierig ist. Man braucht sich einfach, kein europäisches Land kann mehr allein in der Welt zurechtkommen. Und wir haben uns geschworen, nie mehr gegeneinander Krieg zu führen.

Vielleicht müssten wir den Männern aber auch erklären, dass unser großer Frieden zurzeit gefährdet ist, von außen durch Konflikte an den Rändern und von innen dadurch, dass er von vielen für selbstverständlich gehalten wird. Ich stelle mir vor, wie sie fragen: Gibt es denn unter euch keine Mutigen, die so wie wir damals einfach Vertrauen haben, sich aus ihren Gräben wagen und auf die anderen zugehen? Menschen, die ins Niemandsland gehen, um freundlich oder leidenschaftlich zu verhandeln, auch wenn noch sie zweierlei Sprachen sprechen? Und wir könnten sagen, ja, die gibt es.

Es gibt die muslimischen Gemeinden in Europa, die sich klar distanzieren vom brutalen Vorgehen der Terrormiliz IS in Syrien und im Irak. Und es gibt christliche Gemeinden, die sich distanzieren von einem Generalverdacht gegenüber dem Islam als Religion, von populistischen Hetzkampagnen und von den Anschlägen, die es auf Moscheen gegeben hat.

Eine Frau auf dem Weg ins Flüchtlingsheim

Es gibt eine neue Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. Und es gibt viele, die sich dafür engagieren. So wie jene Frau, die gesehen hat, dass neue Bewohner in das Gemeinschaftsquartier am Stadtrand eingezogen sind, dunkelhäutige, Familien, aber auch junge Männer. Sie will zu ihnen gehen und ist doch unsicher. Sie kann die Sprache nicht. Die jungen Männer machen ihr Angst. Doch dann geht sie einfach los und nimmt ihre kleine Tochter mit. Es ist kurz vor Weihnachten. Sie hat grüne Zweige dabei, Kerzen und Kekse. Die Hausbewohner reagieren zunächst verschlossen. Man steht im Flur, kann sich nur über Gesten verständigen. Aber es entsteht Vertrauen. Allein der Besuch und die Geschenke sagen: Ihr seid willkommen. Ich interessiere mich für euch, als eine aus dieser Stadt... Als die Frau geht, sieht sie ein Lächeln auf den Gesichtern.

Sie wird wiederkommen. Vielleicht kann sie den Flüchtlingen zeigen, wo sie einkaufen können. Sie werden Deutsch von ihr lernen. Vielleicht wird es bald eine kleine Gruppe von Leuten aus der Stadt geben, die sich zusammen um die Fremden kümmern - und damit um den großen Frieden.

von Probst Helmut Wöllenstein

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