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"Für St. Jakob läuft die Zeit davon"

Städtische Altenhilfe "Für St. Jakob läuft die Zeit davon"

Die rot-grüne Koalition forciert den wirtschaftlichen Untergang des Altenzentrums am Richtsberg - das erklärt der Betriebsrat der Marburger Altenhilfe. Ähnlich äußern sich auch Genossen. Die CDU bringt einen Dringlichkeitsantrag ein.

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Thema Altenhilfe in Marburg.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Noch vor einigen Wochen hatten die Spitzen von SPD und Grünen öffentlich Harmonie bekundet und erklärt, vor der Sommerpause nach jahrelangem Streit gemeinsam ein Konzept vorzulegen, wie es mit dem Wohnheim der Marburger Altenhilfe in der Sudetenstraße weitergehen soll. Nun brodelt es intern: Aus der SPD-Basis sowie aus der Fraktion regt sich Widerstand. Während SPD-Fraktionschef Steffen Rink auf Anfrage der OP erklärt, dass noch keine Entscheidung gefallen ist und noch über Konzepte diskutiert wird, erklären Genossen, dass bereits Zahlen präsentiert worden seien.

Forderung: mindestens 80 vollstationäre Plätze

Das Altenheim am Richtsberg, bisher hatte es fast 140 vollstationäre Plätze, soll grundlegend saniert, aber nur noch mit 48 vollstationären Plätzen ausgestattet werden, schreibt der Betriebsrat des städtischen Tochterunternehmens. Auch die Arbeitsgemeinschaft der SPD „60plus“ greift die Zahl 48 auf. Weitere 32 Plätze sollen in Senioren-Wohngemeinschaften entstehen. „Das ist aber etwas ganz anderes, und das hätte nichts mehr mit der Marburger Altenhilfe zu tun“, sagt die SPD-Stadtverordnete Erika Lotz-Halilovic. Der Betriebsrat der Altenhilfe befürchte daher zurecht, dass Arbeitsplätze wegfallen. Die Bewohner dieser „Senioren-WG“ könnten sich auch private Träger für den ambulanten Dienst ins Haus holen, erklärt sie. „Wir sind nicht dafür, dass jeder 24 Stunden lang sein privates Hausmädchen hat“, sagt sie. Lucia Bodenhausen, Einrichtungssprecherin des städtischen Heims Auf der Weide und ebenfalls SPD-Mitglied, befürchtet „die schleichende Privatisierung der kommunalen Altenhilfe“. Sie berichtet, dass nicht nur unter den Mitarbeitern, sondern auch unter den Bewohnern und Angehörigen eine große Verunsicherung und Unruhe vorhanden sei.

Die SPD-AG 60plus fordert ebenso wie der Betriebsrat die sofortige Erstellung eines wirtschaftlichen Konzepts mit 80 vollständigen Pflegeplätzen am Richtsberg. „Für St. Jakob läuft die Zeit davon“, erklärt die AG in einem Schreiben. Die Forderungen: Das Heim soll saniert werden und mit mindestens 80 Plätzen ausgestattet sein, davon sollen 20 Plätze für Demenzkranke reserviert werden. Ein Heim mit weniger als 80 Plätzen würde die Altenhilfe in den Ruin treiben, sagt Dieter Kopp, Vorsitzender der AG 60plus. Er stützt sich dabei auch auf Gutachten, welche die Stadt Marburg in Auftrag gegeben hatte.

Dass die Grünen immer wieder das Wort „Bettenburg“ verwenden, um sich gegen größere Heime auszusprechen, passt einigen Genossen nicht. „Damit wird die Arbeit der Mitarbeiter abgewertet. Das ärgert mich“, sagt Lotz-Halilovic. Die SPD-Stadtverordnete Johanna Seelig erklärt, es komme nicht auf die Größe, sondern auf das Konzept an. „In der Marburger Altenhilfe steckt viel sozialdemokratisches Herzblut. Die Institution darf nicht in private Hände gelangen“, sagt auch Theresa Jacobi von der AG sozialdemokratischer Frauen in Marburg. Dass sie sich mit ihrer Schelte in der eigenen Partei und Fraktion unbeliebt machen könnten, stört die Kritiker nicht. Karriere wolle man in der Partei ohnehin nicht mehr machen, heißt es. Man kämpfe für menschliche Pflege, für den Erhalt der tariflich bezahlten Arbeitsplätze.

CDU bringt Dringlichkeitsantrag ein

Einen Arbeitsplatzabbau wolle keiner in der SPD-Fraktion, sagt Rink im OP-Gespräch. Daher findet er den Zeitpunkt der Debatte nicht angemessen. Man sei noch intern dabei, die Grundlagen für ein Konzept zu erstellen. Die Debatte ist aber nicht mehr aufzuhalten: Die CDU will das Thema am Freitag auch in die Stadtverordnetenversammlung bringen und hat einen Dringlichkeitsantrag gestellt.

Die Stadtverordneten sollen beschließen, dass zur Sicherung der Zukunft der Marburger Altenhilfe ein Altenzentrum am Richtsberg mit 80 vollstationären Betten aufrecht erhalten werden soll. Die CDU-Fraktion ist allerdings gegen eine Sanierung des jetzigen Gebäudes und fordert einen Neubau, weil dieser nicht teurer sein werde. Das bisherige Gebäude könnte zum Beispiel für Studentenwohnungen genutzt werden, so ein Vorschlag.

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