Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
"Für Olympia schiebe ich den Bob bis nach Timbuktu“

Sportler Richard Adjei "Für Olympia schiebe ich den Bob bis nach Timbuktu“

Boxen, American Football, Bob, Handball, American Football und wieder Bob: Das ist Richard Adjeis sportlicher Lebenslauf. Im OP-Gespräch erzählt er über seinen Traum von Olympia und die Höhen und Tiefen des Profisports.

Voriger Artikel
Die Flucht soll in Marburg beendet sein
Nächster Artikel
Pilotprojekt startet

Richard Adjei im Dress der Marburg Mercenaries.

Quelle: Lisa-Martina Klein

Marburg. „Ich wollte immer schon zu Olympia“, sagt Richard Adjei. Schon damals, als er mit 15 noch in einem Club in Düsseldorf, seiner Geburts- und Heimatstadt, boxte.

Ein Freund brachte ihn mit 18 Jahren zum American Football. „Das ist wie Fangen spielen“, habe der gesagt. Beim Football legte Adjei, halb Ghanaer, halb Deutscher, als Linebacker in der Defense (Verteidigung) eine rasante Karriere hin.

Innerhalb kurzer Zeit wurde er Stammspieler bei den Düsseldorf Panthers in der 1. Bundesliga der German Football League (GFL) und war 2004 somit der jüngste deutsche Spieler in der Profiliga.

„Alles, was ich bis jetzt gemacht habe, habe ich volle Möhre gemacht“, sagt der heute 32-Jährige. Nächster Karriere-Meilenstein: das Team der NFL Europe, der europäische Ableger der amerikanischen National Football League (NFL), bis die Liga 2007 pleiteging. „Da dachte ich, ich bin Mitte 20, was mach ich jetzt? Ich will Profi bleiben.“ Blieb er auch, nur nicht im Football.

( Richard Adjei (links) beim Anschieben des Viererbobs beim Männer Weltcup 2011 in Winterberg. Foto: Julian Stratenschulte)

„1996 schaute ich mit meinen Brüdern den Film ‚Cool Runnings‘. Wir haben uns alle kaputtgelacht und ich sagte, das werde ich auch mal machen. Meine Brüder haben nur gemeint, ‚du Spinner, du machst das nie‘.“ Der Film über die jamaikanische Bobmannschaft, die unbedingt zu Olympia will, inspirierte den jungen Adjei so sehr, dass er, als er Jahre später den Schweizer Bob-Anschieber Ali Dincer kennenlernt, den Entschluss fasst, „irgendwann mal Bob zu fahren“. Dieser Traum ging in Erfüllung, als der Deutsche Bobverband ihn fragte, ob er Anschieber im Bobfahren werden wollte.

„Für Olympia schiebe ich den Bob bis nach Timbuktu“, habe er geantwortet. „Ich habe das alles nicht ganz so ernst genommen“, lacht er. 2009, nach nur zwei Jahren Trainingszeit, wurde Adjei mit Manuel Machata Vize-Juniorenweltmeister und Europacup-Gesamtsieger im Zweier-Bob. 2010 dann der ganz große Wurf: Silber bei Olympia im Zweierbob mit Thomas Florschütz. 2011 folgten weitere Welt- und Europameisterschaftstitel im Viererbob.

Nach Olympia kam der Durchhänger. „Es war alles zu viel“, meint Adjei im Rückblick. Seine Freunde holten ihn aus dem Loch und er spielte Handball beim TSV Kaldenkirchen.

Doch dann kam das Ende vom Bobfahren. „Die Olympischen Spiele in Sotschi liefen nicht so gut und ich hatte eine Fuß-OP. Da passte ich dann auf einmal nicht mehr ins Konzept und war ganz schnell auf dem Abstellgleis.“ Das sind die Kehrseiten des Profisports. „Beim Bobfahren lebt man in einer Traumwelt und das ist eine kleine Welt. Sobald du verletzt bist, oder irgendetwas passiert, was nicht in deinen Plan passt, zerplatzt diese Welt und auf einmal bist du in der Realität und die ist manchmal verdammt hart.“

Richtige Freundschaften zeigten sich erst dann, wenn es nicht so gut läuft, meint der gelernte Fahrzeuglackierer. „Die Sportwelt ist sehr schnelllebig. „Als ich erfolgreich war, kannte mich Gott und die Welt. Manche stehen nur auf den Adjei, nicht auf den Richard. Aber ich bin Richard Adjei, also beides.“ Trotzdem, den zweiten Platz in Vancouver 2010 lässt er sich nicht nehmen. „Als Sportler will man immer gewinnen. Wenn es dann aber passiert, dann ist das – wow, einfach wow“, beschreibt er seinen Erfolg bei Olympia.

Nach dem Bobfahren ging er zurück zum American Football und spielt für die Marburg Mercenaries. Dort läuft es momentan nicht gerade rosig. „Wir haben viele Spiele dieser Saison unglücklich verloren.“ Schade findet es Adjei, dass auch im Football das Geld die guten Teams bestimmt. Welches Team die meisten Spieler aus Amerika kauft, sei vorn dabei. „Aber Marburg hat so viel Potenzial“, bleibt Adjei positiv.

„Gerade wenn man älter wird, merkt man, dass es auch im Profisport nicht nur um das ‚Ich‘ geht, sondern viel mehr um das ‚Wir‘. Wenn ich sehe, der andere kann nicht mehr, gebe ich umso mehr Gas. Oder wenn ein Rookie sein erstes gutes Spiel macht, das sind die Momente, die Spaß machen.“ Vor allem für die jüngeren Sportler will er ein Vorbild sein, auf und abseits des Spielfeldes.

Aber es wäre nicht Adjei, wenn er bei einer Sportart bliebe: er fährt wieder Bob. Er trainiert in Winterberg, wechselt aber bald in die Schweiz. „Ich habe das nicht ganz ernstgenommen, als mich das Schweizer Team gefragt hat“, meint er. Dort fährt er wieder im Zweier- und Viererbob.

Was ein baldiges Ende seiner Football-Karriere bedeuten könnte, bleibt doch durch das Pendeln zwischen Heuchelheim und der Schweiz nicht mehr viel Zeit für die Spiele. Aber das Geld locke dann doch. „Mit Football wird man in Deutschland nicht reich,“ sagt er. Sein Ziel mit der Schweizer Bobmannschaft? „Das Deutsche Team schlagen“, sagt er. Und auf Europa- und Weltebene erfolgreich sein, natürlich.

 Neben dem Berufs-Sport ist Adjei mit seinem Fitnesscenter „Fitclub 360°“ selbstständig, gibt Sportkurse und bietet Ernährungsberatung an. „Ich will etwas von meinem Erfolg zurückgeben“, sagt er. „Sport muss immer einen Sinn machen. Ich trainiere nicht für dicke Arme.“

von Lisa Martina Klein

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr