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Für Mitmenschen immer zur Stelle

OP-Serie "50 mit 50" (Teil 36) Für Mitmenschen immer zur Stelle

Für Guido Müller „geht der andere Mensch immer vor“. Menschen helfen zu wollen, ist die Motivation, die seinen Job als Arbeitsvermittler mit der Tätigkeit bei der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte verbindet.

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Bei Einsätzen mit der Feuerwehr – Guido Müller setzt sich gerne für andere Menschen ein.

Quelle: privat

Marburg. In der Oberstadt fühlt er sich „sauwohl“. Guido Müller bezeichnet sich selbst als einen echten „Alt-Marburger“ – mit gutem Recht. Aufgewachsen im Stadtteil Weidenhausen hat er das Zentrum der Stadt niemals verlassen und kann sich heute, zumindest räumlich, zu den „oberen Zehntausend“ zählen, denn „über mir wohnen ja nicht mehr viele“, schmunzelt er. Von seinem Charakter her ist er dabei aber immer ein bodenständiger Mensch geblieben.

Schon mit 12 Jahren folgt er einer Familientradition und tritt wie sein Vater und sein Bruder der freiwilligen Feuerwehr bei. Dort übernimmt er zwischenzeitlich sogar die Funktion eines Gruppenleiters und eines Jugendausbilders. „Ich bin da einfach reingewachsen“, sagt er.

Viele Einsätze hat er in all den Jahren mitgemacht – in Erinnerung geblieben sind ihm vor allem sein erster Einsatz an Weihnachten 1981, der Brand der Marburger Tapetenfabrik drei Jahre später, ein Feuer, bei dem Anfang der 90er-Jahre ein Kind am Richtsberg ums Leben kam sowie ein Einsatz bei einem Squashcenter, bei dem zwei Kameraden schwer verletzt wurden. Heute, mit nunmehr 50 Jahren, muss er manches „dann doch den Jüngeren überlassen“, fährt aber im Notfall nachts noch immer raus. Auch an Heiligabend steht er bereit, denn „aus unserer Feuerwehr sind zum Beispiel viele Studenten dann nicht da“.

Tagsüber hingegen ist Guido Müller Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit. Für ihn kein Kontrast zu seinem Hobby. Feuerwehr und Arbeitsvermittlung – „das ist eine Kombination, die zusammengehört“, sagt er. Schließlich gehe es in beiden Bereichen darum, anderen Menschen zu helfen.

Von seinen Kunden im Beruf bekomme er schwere Schicksale und viele private Dinge mit, „da muss man dann gucken, wie man weiterhelfen kann“, erklärt er. Er müsse sich „jeden Tag auf neue Leute und neue Situationen einstellen“ – gerade das sei es jedoch, was den Job als Arbeitsvermittler so reizvoll mache. „Es gibt sicher Fälle, die man im Kopf mit nach Hause nimmt“, gesteht er, doch könne man auch dort immer wieder „kleine Erfolge“ feiern. Dass er seine Arbeit gut gemacht habe, wisse er zum Beispiel, „wenn man von den Leuten Jahre später noch auf der Straße gegrüßt“ werde. Seine größte Herausforderung sei vor rund zwei Jahren die Unterbringung der „Schleckerfrauen“ gewesen.

Im Einsatz mit der Feuerwehr kann Müller im Gegensatz zum Büroalltag auch mal rauskommen – um aber den Kopf frei zu kriegen, sind die Einsätze nicht geeignet.

Theater als Kontrast zu Job und Rettungseinsätzen

An dieser Stelle kommt ein weiteres Hobby des 50-Jährigen zum Tragen, denn im Theaterverein Moischt kann er sich auf der Bühne austoben. Seit 2003 spielt er mit der Gruppe Märchen für Kinder nach und musste unter anderem schon als Spiegel in Schneewittchen herhalten. „Eine schöne Ablenkung“, sagt Müller über das Theaterspielen – „vielleicht ist das auch ein bewusster Kontrast zu meinem sonstigen Leben“. Besonders erfreut er sich aber an den Reaktionen der kleinen Zuschauer, denn „Kinder können einem sehr viel zurückgeben“.

Eigene hat er dennoch nicht, denn seine Partnerin Heike Werner „hat beruflich 40 davon“, scherzt er. Die Erzieherin lernte er Ende der 80er-Jahre auf einer Maifeier kennen. Gemeinsam fahren die beiden einmal im Jahr – in der ersten Dezemberwoche – nach Sylt. „Ein für uns ganz wichtiger Urlaub“, so Müller. „Um diese Zeit ist dort nichts los und wir haben unsere Ruhe“.

Im Sommer genießen sie hingegen die Sonne in ihrem Garten. Große Träume oder Pläne für die Zukunft hat er nicht, ist vielmehr ein „Genussmensch. Zumindest versuche ich das“, sagt er. Wichtig ist ihm außerdem der Zusammenhalt in der Familie.

Darauf, zum geburtenstärksten Jahrgang zu gehören, ist Müller stolz. Er erinnert sich an große Schulklassen und daran, dass „einige von uns viele, viele Bewerbungen schreiben mussten, um eine Lehrstelle zu bekommen“ – ein Problem, das nun im Alter von 50 Jahren zurückkehrt. Menschen aus dem Jahrgang 1964 an neue Stellen zu vermitteln sei nicht einfach, erzählt Müller.

Dabei sei es „eigentlich das beste  Arbeitsalter“, denn „auch Erfahrung ist in vielen Berufen wichtig“. Mit gewissen Bemühungen handele es sich auch bei Menschen in den 50ern um „eine Gruppe, die man durchaus vermitteln kann“.
Selbst im Rentenalter muss noch nicht Schluss sein, zumindest nicht für einen wie Guido Müller, der immer helfen möchte. „Wenn es so weit ist, werde ich mich wohl im Ehrenamt engagieren“, blickt er voraus.

von Peter Gassner

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