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„Fünf ist Trümpf“, und das seit 20 Jahren

Postleitzahlen „Fünf ist Trümpf“, und das seit 20 Jahren

Vor 20 Jahren konnte Rolf feiern: Seine Idee von „Fünf ist Trümpf“ hatte sich in ganz Deutschland durchgesetzt.

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Rolf in Aktion: Auf der Cebit wirbt die Post im März 1993 mit der gelben Fingerfigur für die ünfstelligen Postleitzahlen.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Am. 1. Juli 1993 stellte die Deutsche Post um: von vierstelligen auf fünfstellige Postleitzahlen.
Es war ein Wagnis: Vierstellige Postleitzahlen waren vergleichsweise leicht zu merken. „3550 Marburg“ – das wusste jeder, heute fragen sich die meisten jedoch, ob es „35037 Marburg“ oder „35039 Marburg“ heißen muss – von den Stadtteilen mal ganz abgesehen. Oder Wetter beispielsweise: Die Stadt im Nordkreis hieß vorher mit Vornamen „3552“, heute „35093“: der Unterschied entspricht bei menschlichen Wesen dem zwischen der Kurzform Fritz und dem ungelenken Doppelnamen „Friedrich Wilhelm“.
Der Unterschied ist nur: Während im Kindergarten, in der Schule oder im Elternhaus kein Mensch auf die Idee käme, den Kurzen mit „Friedrich-Wilhelm“ zu rufen, sondern immer nur mit „Fri-Hitz“, haben sich die fünfstelligen Postleitzahlen weitgehend durchgesetzt. Schon wenige Wochen nach der Umstellung verkündete die Post, mehr als drei Viertel der Postkunden hätten die neuen Zahlenkombinationen intus.
Schuld daran ist zu großen Teilen Rolf.

"Reim dich oder ich fress´dich"

Dieses Wesen, irgendwie an einen Ottifanten erinnernd und genauso albern (kein Wunder, sein Schöpfer hat eben auch für den Ottifanten-Vater Otto Waalkes gearbeitet), nervte in diesem Sommer vor 20 Jahren die Menschen in Ost und West.  Nach dem Motto „Reim dich oder ich fress‘ dich“ verkündete Rolf im Fernsehen „Fünf ist Trümpf“. Rolf nervte, aber Rolf war omnipräsent.
Noch heute kommt es bei vielen, auch jüngeren Menschen auf die Frage, was ihnen zu den fünfstelligen Postleitzahlen einfällt, wie aus der Pistole geschossen: „Rolf, die Hand!“
Man muss der Gerechtigkeit halber sagen, dass es Rolf damals vergleichsweise einfach hatte: Handys waren noch nicht verbreitet, E-Mails und SMS gab es noch nicht einmal als Begriff. Alles, was nicht per Telefon erledigt wurde, geschah per Post. Rolf war omnipräsent.

Der Postleitzahlen HipHop

Ein einziges Mal hat sich Rolf auch unter die Künstler getraut: Der Song des einzigen Titels lautete „Postleitzahlen HipHop“ und bedeutete für die Post und den nun in der Öffentlichkeit sogenannten „Post Rolf“ einen Erfolg im Musikgeschäft, der bis dato nur von den Beatles oder anderen namhaften Bands bekannt war.
Weder als Werbeikone noch als Sänger passte Rolf in die Klischees, die man so von Künstlern baut: Eine gelbe Hand mit kurzen Beinen, die in weißen Turnschuhen stecken, ein Zeigefinger, auf dessen Kuppe eine Sonnenbrille sitzt, und ein riesiger Mund – Rolf war alles andere als schön.

Aber er hatte halt das besondere Etwas. Rolf als Zauberer, Rolf als Rapper, Rolf als Zotenreißer, der fragt, ob auch stille Örtchen nun eine eigene Postleitzahl erhalten – zehn Werbespots liefen im Frühsommer im deutschen Fernsehen, dazu eine Fernsehshow auf RTL mit dem inzwischen verstorbenen Showmaster Rudi Carell.

Strategie ging auf

Und Regisseure und Künstler wie Doris Dörrie, Helmut Dietl, Wolfgang Petersen und Loriot drehten noch sieben hochwertige Werbespots mit menschlichen Darstellern dazu.
Was auch immer man von Rolf halten mag: Die Strategie der Post ging auf, die fünfstellige Postleitzahl wurde schnell zur Selbstverständlichkeit.
Alexander Böhm, Pressesprecher bei der Deutschen Post und – um beim Thema zu bleiben – zuständig für die Postleitzahlen, die mit „35“ anfangen, sagt, dass die alte, vierstellige Postleitzahl nur noch vereinzelt auf Briefen und Postkarten auftaucht. Zahlen kann Böhm nicht nennen, „vereinzelt eben“, sagt er.

Für die Zustellung ist dies noch nicht einmal sonderlich schwerwiegend: Sendungen, die mit einer falschen Postleitzahl ausgestattet sind, werden von der automatischen Sortiermaschine aussortiert. „Immer, wenn aus Postleitzahl und Ort der gewünschte Adressat nicht zweifelsfrei zu identifizieren ist, wird von Hand ermittelt“, sagt Böhm. Der Zusteller bekommt die korrigierte Adresse und kann zustellen. Das Schlimmste, was laut Böhm passieren kann: „Die Sendung ist nicht nach einem Tag beim Empfänger.“ In Zeiten, da Ansichtskarten aus dem Urlaub, geschweige denn handgeschriebene lange Briefe per Post aus der Mode gekommen sind, ist dies sicherlich zu verschmerzen.

von Till Conrad

Hintergrund

  • Postleitzahlen gibt es in Deutschland seit 1941. Sie waren zunächst zweistellig und galten nach dem Krieg und der deutschen Teilung zunächst weiter. Aufgrund der zunehmenden Automatisierung in der Briefzustellung stellte die Post in Ost und West 1962 um. Marburg wurde in den Postleitzahlbezirk „35“ (Kassel) eingeteilt und hieß nun „3550“. Als in den Dörfern nach und nach viele Postämter verschwanden, half man sich mit Zusätzen wie „3550 Wehrshausen, Post Marburg“.  Die Gebietsreform 1974 mit der Aufgabe zahlreicher ehedem selbstständiger Gemeinden brachte Kombinationen wie „3550 Marburg 7“ – immer schwerer zu merken.
    Den endgültigen Anstoß zur Reform brachte aber die deutsche Wiedervereinigung. Zuvor hatten Orte in Ost und West die gleiche Postleitzahl: Bonn und Weimar (5300) etwa. Zunächst half man sich mit einem großen „O“ vor der Ost-Postleitzahl. Bis Rolf kam und alles über den Haufen warf.
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