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Frust statt Reiselust

Zugausfälle Frust statt Reiselust

Ein Kurzschluss ist schuld an den Zugausfällen. Für Analyse und Reparatur nimmt ein Bahn-Sprecher das Wort Sisyphosarbeit in den Mund. Wann die Pendlernerven wieder geschont werden, ist noch nicht sicher.

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Zugreisende steuern auf den Marburger Bahnhof zu.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Fast sieben Stunden habe die Fahrt nach Frankfurt und zurück in Anspruch genommen, sagt Anna-Lena Duncker aus Sterzhausen. Die 16-Jährige macht derzeit ein Schüler-Praktikum in der hessischen Bankenstadt. Doch an diesem Montag gestaltete sich die Zug-Reise besonders kompliziert. Auch deswegen, weil die digitalen Anzeigen an den Bahn­höfen falsche Informationen geliefert hätten. Zudem seien wichtige Ansagen häufig erst nach einer gewissen Fahrzeit gemacht worden. Und Züge, die die Strecken normalerweise durchfahren sollten, seien plötzlich nicht mehr gefahren. Dadurch hätten sich lange Wartezeiten ergeben, inklusive zusätzliche Fahrten mit S-Bahn und Bus.

Für Dunker sind die Auswirkungen der Störung weitreichend: Solange die Arbeiten nicht abgeschlossen sind, wird sie nicht zu ihrem Praktikumsplatz fahren, „da der Zeitaufwand viel zu hoch ist“.

Gestern war der Zugverkehr in und um Friedberg immer noch stark von der Stellwerkstörung betroffen. Diese trat bereits am Sonntag auf. „Wir versuchen, ein halbstündiges Angebot hinzubekommen“, sagte ein Bahn-Sprecher und nahm damit Bezug auf den Regional-Express, der im Stundentakt zwischen Frankfurt und Gießen unterwegs ist - mit Halt an allen Bahnhöfen zwischen Nieder-Wöllstadt und Gießen. Das würde die Lage ein bisschen entschärfen, sagte der Bahn-Sprecher. Der IC zwischen Frankfurt und Kassel-Wilhelmshöhe halte weiterhin nicht in Gießen und lege stattdessen den Umweg über Fulda ein.

Elektronische Bauteile müssen getauscht werden

Die Ursache für all die Unannehmlichkeiten ist nach Angaben des Pressesprechers ein Kurzschluss in der Oberleitung. Dadurch habe es in den Kabelkanälen eine Überspannung gegeben, was sich wiederum im Stellwerk fortgesetzt habe. Durch diese Überspannung im Stellwerk seien einzelne elektronische Bauteile kaputt gegangen, die dann ausgetauscht werden müssten. Welche genau betroffen sind, ist noch nicht vollständig ermittelt. Der Bahn-Sprecher bezeichnete die Untersuchung als „Sisyphosarbeit“. „Es muss alles komplett durchgemessen werden.“ Die Bahn sei in direktem Kontakt mit dem Hersteller des Stellwerks. Der Pressesprecher machte am Nachmittag weder Angaben dazu, wann der Regional-Express zwischen Gießen und Frankfurt im Halbstundentakt fahren wird, noch zum Ende der Störung - „wegen der Komplexität dieser Elektronik“.

Wie es zu dem Kurzschluss in der Oberleitung gekommen ist, sei auch noch unklar. Eine klassische Ursache könnten beispielsweise Vögel sein, die sich auf der Oberleitung nieder­lassen und Isolatoren überbrücken. Sogenannte Reiselenker, die den Fahrgästen informativ zur Seite stehen, hielten sich gestern auf den Bahnhöfen in Friedberg, Nieder-Wöllstadt und Gießen auf.

Frustrierte Reisende beschweren sich

Die Situation am Gießener Bahnhof habe im Berufsverkehr einem „Ausnahmezustand“ geglichen, beschwert sich Bahnkunde Felix Leiter auf der Facebook-Seite der Deutschen Bahn. Schon im vergangenen Jahr habe es auf seiner Strecke zwischen Marburg und Frankfurt immer wieder Verzögerungen und Ausfälle gegeben aufgrund von Baustellen. Zuletzt sei dann der Fahrpreis erhöht, „und nun auch noch das“, schreibt Leiter. „Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt - tiefer geht es nicht“, so der frustrierte Pendler.

Auch viele andere Kunden (darunter einige aus dem Landkreis) machen ihrem Ärger in den sozialen Netzwerken Luft. „Inoffizielle Info für alle die nach Frankfurt zur Arbeit wollen - nutzt den Nahverkehr in den nächsten drei Monaten mit Regio und Sbahn so, als wolltet ihr drei Stunden früher anfangen. Dann kommt ihr pünktlich an!“, schreibt Sascha Lock mit einer gehörigen Prise Sarkasmus.

„Ich verstehe gut, dass die täglich Reisenden auf der Strecke nicht gerade von der Störung erbaut sind“, so ein Social-Media-Manager der Bahn. „Ich kann hierfür nur vielmals um Verzeihung bitten.“ Laut „aktuellem Stand“ gestern Abend solle die Störung heute „mit Betriebsschluss“ behoben sein. Festlegen wollte sich ein Bahn-Sprecher darauf aber bei einem OP-Anruf kurz vor Redaktionsschluss nicht. Man hoffe, dass es „im Laufe des Tages Entspannungen“ gebe.

von Christoph Agel und unseren Redakteuren

Umfrage

Sebelius Kruse, 19, aus Marburg: „Ich wollte eine Freundin in Aschaffenburg besuchen. Glücklicherweise wusste ich schon vorher, dass es zu Ausfällen kommen könnte, deswegen bin ich drei Stunden früher losgefahren. Ich muss jetzt mit dem Zug nach Butzbach, steige in den Bus, danach mit der S-Bahn und fahre dann mit dem Zug nach Aschaffenburg.“

Hannelore Meister, 66, aus Berlin: „Ich habe spontan erfahren, dass die Züge ausfallen. Das ist sehr schade, da ich mit einer Freundin nach Berlin fahren wollte. Ich hoffe, dass noch ein Ersatzzug fährt. Ich ärger mich zwar, aber gehe gelassen mit der Situation um. So ist das Leben nun mal. Es gibt schlimmere Dinge und vielleicht hat es ja auch etwas Positives.“

Patrik, 26, aus Marburg: „Ich werde jetzt erst einmal zum Schalter gehen und mir eine
Ersatzverbindung geben lassen. Das ist eine doofe Situation, da ich bis nach Berlin muss und dadurch alle meine Anschlüsse verpasse. Da ich ein Spar­ticket habe, befürchte ich, dass ich noch nicht einmal den Fahrpreis erstattet bekomme.“

Laura Bangen, 32, aus Hamburg : „Ich bin gerade sehr damit überrascht worden, dass mein Zug ausfällt. Ich weiß jetzt gar nicht, was ich machen soll, und muss schauen, wie ich jetzt mit meinem kleinen Kind nach Hamburg kommen soll. Normalerweise bekommt man über die App der Deutschen Bahn eine Warnung, wenn ein Zug ausfällt, das war diesmal nicht so.“

Sebastian Pfeiffer, 20, aus Gießen : „Ich wollte gerade nach Hause fahren, aber der Zug, den ich nehmen wollte, kommt jetzt nicht und ob der nächste Zug kommt, steht auch
noch nicht sicher fest. Das nervt mich gerade ziemlich. Ich brauche jetzt für die kurze Strecke nach Gießen viel länger und das ist ziemlich

Umfrage: Can Sisamci

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