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Früher sind die Kinder daran gestorben

Offene Bäuche und andere Fehlbildungen Früher sind die Kinder daran gestorben

"Kinder sind nicht einfach nur kleine Erwachsene", sagt der kommissarische Direktor der Marburger Kinderchirurgie. "Sie müssen ganz anders behandelt werden."

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Kinderchirurg Dr. Dario Zovkoerklärte im OP-Gespräch, worum sich die Ärzte seiner Zunft kümmern.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Schon das erste Foto, das Dr. Dario Zovko zeigt, erinnert an Kriegsfilme: Ein Baby aus dessen Bauch der Darm quillt. Doch das Bild ist nicht in einem Lazarett entstanden, sondern in Zovkos OP-Saal und das Baby hat sich nicht verletzt, sondern wurde genau so geboren.

„Nach der Geburt wird immer gefragt, ob alle Finger dran sind, aber es gibt noch ganz andere Fehlbildungen. Viele Kinder werden mit Krankheiten geboren, die chirurgisch behandelt werden müssen“, sagt Zovko. Dass ein Kind zum Beispiel mit dem Darm außerhalb des Bauchs geboren wird, kommt ungefähr alle 2000 Geburten vor. Ein schrecklicher Anblick für Laien, ein großer Schock für die Eltern, aber Routine für den Kinderchirurgen.

Perinatales Zentrum im Uniklinikum Marburg

Solche Fehlbildungen lassen sich in der Regel schon auf Ultraschallbildern oder bei Fruchtwasseruntersuchungen erkennen. Die Geburt wird dann sorgfältig von Geburtshelfern, Kinderärzten und Kinderchirurgen geplant. In Marburg findet diese Zusammenarbeit im sogenannten Perinatal-Zentrum des Uniklinikums statt. Perinatal bedeutet wörtlich „rund um die Geburt“ - praktisch, dass sich hier Spezialisten vor, während und kurz nach der Geburt um Mutter und Neugeborenes kümmern. Als das Baby mit dem außenliegenden Darm mit einem Kaiserschnitt zur Welt kam, stand Zovko mit seinen Kollegen schon im OP bereit.

Sie mussten den Bauch des Kindes aufschneiden und den Darm hineinpacken. Klingt einfach, aber wer die Fotos kennt, die Zovko Medizinstudenten in der Vorlesung zeigt, hat eine Ahnung, wo das Problem liegt: Alles was das Baby im Mutterbauch verdaut hat, bleibt bis kurz nach der Geburt im Magen. Und obwohl vor der Geburt auf dem Speiseplan nichts Bissfestes steht, wirkt der Darm auf dem Foto nicht viel kleiner als das ganze Baby. Wenn das Gewebe entzündet ist, schwillt der Darm noch zusätzlich an. In manchen Fällen muss er gut verpackt draußen bleiben - in anderen ist schon wenige Wochen nach der Geburt kaum noch etwas zu sehen.

Viel zu oft sind es die Türen

Von den Fehlbildungen, die Zovko und seine Kollegen operieren, haben die meisten Menschen noch nie gehört. Es werden auch Kinder geboren, bei denen die Speiseröhre irgendwann aufgehört hat zu wachsen. Anstatt im Magen, endet sie dann ohne Anschluss im Bauch. Es werden auch Kinder mit verschlossenem Darmausgang geboren oder mit einer offenen Blase. Ein Kind mit so einer Fehlbildung könnte ohne chirurgischen Eingriff nicht überleben.

Sehr viel häufiger behandeln Kinderchirurgen allerdings Kinder mit Unfallverletzungen. „Je kleiner ein Kind ist, desto eher fällt es auf den Kopf“, sagt Zovko. Deshalb sind Platzwunden, aber auch schwere Kopfverletzung trauriger Teil von Zovkos Alltag. Etwas ältere Kinder fallen eher auf die Arme oder brechen sich Beine. Knochenbrüche werden bei Kindern ganz anders behandelt als bei Erwachsenen. „Fast 90 Prozent der Kinder-Knochenbrüche richten wir nur.“ Das heißt, so Zovko, dass die Kinder nicht operiert werden - die meisten bekommen noch nicht einmal einen Gips. Bei den anderen zehn Prozent würden dagegen alle Register gezogen. Sehnen zusammengenäht, Knochen verschraubt und geschient.

„Sehr häufig sind es die Türen“, sagt Zovko. Viel zu oft müsse er Kinderhände operieren, die in Türscharnieren gequetscht oder Autotüren eingeklemmt wurden. Deshalb empfiehl Zovko, der selber vier Kinder hat, Türen zu blockieren. In den USA wird der Türspalt am Scharnier, so Zovko, häufig mit einer Blende verschlossen, damit Kinder nicht hineingreifen können.

Neben der Traumatologie, also der Unfallchirurgie, bekommen es die Kinderchirurgen aber auch täglich mit Problemen wie Hodenhochstand, Leistenbruch oder Vorhautverengung zu tun. Zovko nennt das Alltagschirurgie - auch wenn es für die Betroffenen sicher alles andere als Alltag bedeutet.

Im Blickpunkt: Dr. Dario Zovko, der Kinderchirurg

Dr. Dario Zovko (54) stammt aus Kroatien. Im ehemaligen Jugoslawien war die Kinderchirurgie schon sehr viel früher eine eigenständige Fachdisziplin der Medizin als in Westdeutschland. Zovko machte in Belgrad 1991 seinen Facharzt, während sein Fach in der Bundesrepublik erst rund drei Jahre später als Fachdisziplin anerkannt wurde. Bevor Zovko 2008 nach Marburg kam, war er zehn Jahre lang in der Kinderchirurgie des Krefelder Klinikums. Die Marburger Kinderchirurgie war erst 2007 gegründet worden. Kinder, die zum Beispiel mit offener Bauchdecke geboren wurden, mussten bis dahin in die Unikliniken in Mainz oder Frankfurt überwiesen werden.

Eltern empfiehlt Zovko als Vater, Türen so zu blockieren, dass sich die Kinder darin die Finger nicht einklemmen können.

von Thomas Strothjohann

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