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Froh über das karge Wohnzimmer

Flüchtlinge in Marburg Froh über das karge Wohnzimmer

Mohammed Abdullah Ali und seine Familie sind unter den ersten Flüchtlingen, die von der Erstaufnahmestelle in Gießen nach Marburg geschickt wurden. Sie versuchen die Schrecken des Kriegs zu vergessen.

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Hamza (links) und Osama, Vater Mohammed (rechts) sowie Ehefrau Firdaus und die Töchter Hiba und Umm Kulthum.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Die Scheibe des Glastisches ist gesprengt, das Sofa durchgesessen, ein vergilbtes Tuch hängt als Gardinen-Imitat vor dem Fenster, in der Ecke steht ein Röhrenfernseher. Möbel gibt es nicht. Für den 62-jährigen Mohammed Abdullah Ali ist es das Paradies.

„Ich habe so viel Leid gesehen, das plagt mich in meinen Träumen. Dinge, die ich nie vergessen werde“, sagt er. Im Juni 2013 floh er mit seiner Frau Firdaus (51), den Söhnen Osama (13) und Hamza (19) sowie den Töchtern Hiba (26), Mona (24) und Umm Kulthum (22) aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. „Unser Haus wurde mehrfach beschossen, von Raketen getroffen. „Viele Bekannte von uns sind im Krieg und auf der Flucht gestorben“, sagt der Vater, geborener Somali, jahrelang als Gastarbeiter in Syrien tätig.

Als die Hoffnung auf ein Kriegsende mit den Raketen auf das eigene Haus völlig erlosch, suchte die Familie einen Schleuser, zwei Tage harrten sie in einem Lkw aus, der sie über Schleichwege an die türkische Grenze brachte. Von dort mussten sie zu Fuß ins Land gelangen - sie wurden nach Ankara gebracht. Dann ging es weiter nach Bulgarien, Mohammed und Frau Firdaus wurden schwer krank, danach weiter nach Belgien, bis sie nach Gießen kamen. „Schlimm waren die Einsamkeit, die Angst vor Trennung der Familie, das Unwissen, wie es, ob es überhaupt weitergeht“, sagt Mohammed. Nach mehr als einem Jahr auf der Flucht lebt die siebenköpfige Familie seit zwei Monaten im Waldtal, in zwei Wohnungen mit je zwei Zimmern - „endlich in Sicherheit, Gott sei Dank“, sagt der 62-Jährige. „Monatelang hatten wir dieses beängstigende Gefühl, waren ja auch häufig mit Schleusern, also zumindest Halbkriminellen unterwegs.

Da wusste man nie, was passiert“, ergänzt der 19-jährige Hamza. „Ich vermisse meine Freunde sehr. Wir hatten so eine schöne Zeit bis der Krieg so viel zerstörte. Ich weiß nicht mal, wie es meinen Freunden geht, ob sie überhaupt noch leben. Es gibt keine Möglichkeit das herauszufinden. Das tut weh“, sagt der junge Mann. Er versucht, so schnell wie möglich auch in Marburg Bekannte zu finden. Er spielt Fußball - Verteidiger - hat sich einem Freizeitklub angeschlossen. „Ich will ein Teil der Gesellschaft werden, mich irgendwann heimisch fühlen.“ In der Schule - für alle Asylbewerber gilt die Schulpflicht - klarzukommen sei „noch sehr schwer“, sagt der 13-jährige Osama. Die Sprache nicht zu verstehen, „macht hilflos“, grenze aus. Aktuell bestehe mehr Kontakt zu anderen Flüchtlingskindern, aber er wolle auch in Schule und Nachbarschaft Freunde finden.

„Ohne Heimat zu sein, ist schwer zu ertragen“

„Wenn meine Kinder hier glücklich werden, neben Arabisch und Englisch irgendwann auch Deutsch beherrschen und sie eine gute Zukunft haben, danke ich Gott für dieses Ende“, sagt Mohammed.

Wie Osama und Hamza, will auch Mohammed - mit über 60 Jahren - versuchen, Deutsch zu lernen. „So Gott will, schaffe ich auch das noch.“ Die Mitglieder der Familie Abdullah Ali sind mit die ersten Flüchlinge, die Marburg aufgenommen hat. Erweisen sich die Schätzungen des Magistrats als korrekt, werden bis Ende 2015 rund 600 weitere Flüchtlinge in der Universitätsstadt Unterkünfte finden müssen. Behördenmitarbeiter, Glaubensgemeinschaft, Nachbarn: Alle seien respektvoll gewesen, sagt Hamza.

Erste Anlaufstelle von muslimischen Flüchtlingen ist häufig die Islamische Gemeinde. „Plötzlich stehen sie in der Moschee, suchen Hilfe, Gesprächspartner. Wir kümmern uns dann so gut wir können um sie“, sagt Bilal El-Zayat, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Marburg. Aber: „Viele haben Angst in die Moschee zu gehen, fürchten, dass da wie zuhause Islamisten sind“, sagt er. Glaube, sagt Vater Mohammed, spiele für ihn eine große Rolle, er folge „einer Religion des Friedens“.

„Ohne Heimat zu sein, zu wissen, dass man sie und die Bekannten dort wohl nie wieder sieht, ist schwer zu ertragen“, sagt Mohammed. Syrien, auch Somalia würden nicht mehr zum Frieden finden, glaubt er. „Da ist niemand mehr sicher.“

Die Familie Abdullah Ali zählte in Syrien zur Mittelschicht, zum Bildungsbürgertum. Mona studierte Medizin, war bis zum erzwungenen Abbruch angehende Ärztin. Hiba beendete ein Englischstudium, auch die Jüngste, Umm Kulthum schaffte noch nach Ausbruch des Bürgerkriegs ihren Schulabschluss. Die Perspektive in Deutschland? Ungewiss. Die Aufenthaltserlaubnis ist Antrag für Antrag auf je drei Monate beschränkt, auf eine Arbeitserlaubnis können sie vorerst nicht hoffen. Was sie motiviert, sind die Sprachkurse an der Volkshochschule.

Der 62-jährige Familienvater sagt über sich, dass ihn Politik nie interessiert habe - „aber das, was in Syrien aufgebrochen ist, fußt auf jahrzehntelangem Unrecht. Und es ist trotz allem richtig gewesen, gegen dieses Unrecht aufzustehen.“

Bilal El-Zayat mahnt die Marburger: „Wir sind in der Stadt noch überhaupt nicht vorbereitet auf das, was auf uns zukommen wird.“ So selbstverständlich es für die Mitglieder der Islamischen Gemeinde sei, Hilfe zu leisten, so begrenzt seien deren Kapazitäten. „Das läuft voll ehrenamtlich, auch finanziell zahlt jeder alles privat. Das zu schultern wird bald nicht mehr gehen“, sagt er. Die Hoffnungen ruhen auf Ergebnissen beim Runden Tisch Integration (siehe unten).

von Björn Wisker

  • Der „Runde Tisch Integration“ widmet sich heute ab 17 Uhr (Stadtverordnetensitzungssaal, Barfüßerstraße 50) Flüchtlings-Fragen. Dabei sollen auch Themen angesprochen werden, die Anwohner bewegen, etwa die verstärkte Bereitstellung von Unter-künften und Nachbarschafts-hilfen.
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Runder Tisch Integration
Täglich kommen Dutzende neuer Asylbewerber in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen an, von dort aus werden sie in anderen Kommunen untergebracht. Archivfoto

In Marburg werden in den kommenden Monaten Hunderte Flüchtlinge leben. Viele Bewohner besorgt das. Die OP und Peter Schmidt von der Stadtverwaltung beantworten häufig gestellte Fragen.

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