Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Friedensstifter an den Schulen

Seniorpartner Friedensstifter an den Schulen

Sie schlichten und hören zu. Sie vermitteln, wenn Kinder durch Mobbing ins Abseits geraten. Die „Seniorpartner in School“ setzen sich an neun Schulen im Landkreis und in der Stadt als Friedenstifter und Mediatoren ein.

Voriger Artikel
Am Sonntag geht es um die Wurst
Nächster Artikel
Cinderella verärgert Oberstädter

Die Seniorpartner sind da,wenn es Streit oder Konflikte gibt – sie hören zu und zeigen Schritt für Schritt Lösungsmöglichkeiten auf. Oftmals sprechen Kinder bei den Mediatoren erstmals über ein Problem.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Luca und Ida haben Stress miteinander - so richtig. Oskar wird zum Mobbing-Opfer der gesamten Klasse. Und Selma trägt in letzter Zeit offensichtlich Sorgen mit sich herum. Diese Namen und Zusammenhänge sind frei erfunden - aber all dies wären Fälle für die Seniorpartner in School (SIS), ein deutschlandweit tätiger Verbund von Mediatoren. „Wir sind da, wenn die Kinder jemanden zum Zuhören brauchen und weder Eltern noch Lehrer die Zeit dafür finden“, sagt Anne Traulich (Privatfoto) aus Mardorf, die sich im mittelhessischen Verbund der SIS engagiert und für diese Aufgabe wirbt. Vor allem Menschen in der dritten Lebensphase werden gesucht, denn SIS will noch in diesem Jahr weitere Mediatoren für den Einsatz an heimischen Schulen ausbilden. Der Kurs umfasst rund 80 Stunden und wird, je nach Beteiligung, in Marburg oder Gießen stattfinden.

Die Seniorpartner sind im Landkreis seit Jahren gefragt. An Schulen in Marburg, in Stadtallendorf und im Ebsdorfer Grund sind sie für die Kinder da - weitere Schulen können hinzukommen, sagt Anne Traulich und spricht von 24 Männern und Frauen im Ruhestand, die sich derzeit im Landkreis als Mediatoren engagieren. Mitmachen kann dabei jeder, der bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden ist oder kurz davor steht sowie gern mit Kindern zu tun, fasst Traulich die Voraussetzungen zusammen. „Man braucht keine pädagogische Vorbildung - wichtig ist die Bereitschaft, etwas Neues zu lernen und Zeit für das Ehrenamt zu haben.“

Und dann wird es ernst: Jeweils in Zweierteams gehen die Seniorpartner einmal wöchtenlich in die Schulen für einige Stunden. „Ja, manchmal kommt auch kein Kind“, berichtet Traulich, „aber meistens gibt es etwas zu tun für uns: Die Lehrer schicken die Kinder auch zu uns.“

Die Seniorpartner bekommen manches zu hören. „Das Gute ist, das wir als Außenstehende an die Schulen kommen, als Unbeteiligte - dadurch können die Kinder sich auch öffnen und uns berichten, was sie bedrückt“, erzählt Anne Traulich aus der Praxis.

Kinder packen aus, Mediatoren hören zu

Manchmal reden Kinder mit den Seniorpartnern erstmals über ein Problem - oft geht es um Konflikte in Freundschaften oder mit den Eltern, „beispielsweise, wenn Scheidungskinder hin- und hergerissen sind“, weiß Anne Traulich. Streit und Konkurrenz, etwa beim Sport, spielen eine Rolle, auch Ausgrenzung. „Es ist nicht bei jedem Gespräch möglich, eine Lösung zu finden“, sagt Anne Traulich, doch könnten die Mediatoren oft helfen. Bei Mobbing-Fällen komme es darauf an, „dass wir frühzeitig hinzugezogen werden“, berichtet sie. Dann ist die Mitarbeit der ganzen Klasse und auch des Lehrers gefragt. „Ziel ist, den Konflikt ohne Schuldzuweisung zu lösen - ein wichtiger Grundsatz für uns.“

Die Seniorpartner hören zu, sie fragen nach, sie schauen auf die Bedürfnisse und Gefühle der Kinder - und sie garantieren Vertraulichkeit. „Was uns erzählt wird, bleibt auch bei uns - die Kinder wissen und schätzen das“, sagt die Mediatorin und verrät entscheidende Fragen an die Kinder: „Was möchtest Du? Wie soll der Zustand aussehen, der Dich glücklich machen würde?“ Schritt für Schritt leiten die Seniorpartner die Jungen und Mädchen dann zur Lösung eines Konflikts an. Da es für die Mediatoren manches zu verdauen gibt, werden sie während ihrer Tätigkeit an Schulen durch Supervision begleitet. „Regelmässig werden alle in der Schule erlebten Fälle mit Fachkräften besprochen“, berichtet Traulich. Ihre Erfahrung aus den zurückliegenden Jahren zeigt, dass der Bedarf steigt: „Kinder haben vor allem in den Klassen vier bis sechs das Bedürfnis nach persönlichen Gesprächen, sie brauchen jemand, der Zeit hat für ihre kleinen und großen Probleme.“

Auch den Mediatoren bringt der Einsatz etwas. So lerne man aktives Zuhören - „und das hilft beispielsweise, den Partner, Familienmitglieder und auch andere Menschen im eigenen Umfeld besser zu verstehen“, sagt Anne Traulich und erzählt, dass Seniorpartner viel über ihr eigenes Konfliktverhalten lernen „und dann im Alltag achtsamer kommunizieren“.

In Hessen gibt es SIS seit 2006 als Organisation, die sich dem generationenübergreifenden ehrenamtlichen Einsatz und der Gewaltprävention verschrieben hat. Die Seniorpartner sind inzwischen in 14 Bundesländern etabliert und bauen derzeit in Frankfurt einen neuen Stützpunkt auf.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr