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Friedenskämpfer kehren zurück in ihre Heimat

Bürgerkrieg 
in Kolumbien Friedenskämpfer kehren zurück in ihre Heimat

Sie setzten sich für Frieden, Demokratie und eine freie Bildung ein – und wurden dafür mit dem 
Tode bedroht. Nach 
einem Jahr in Marburg wollen zwei Kolumbianer dennoch in ihre Heimat 
zurückkehren.

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Ein kleines Plunder-Wunder

Itayosara Rojas und Johann Sebastian Reyes sitzen auf der Couch in ihrer WG im „Bettenhaus“ in Marburg.

Quelle: Foto: Peter Gassner

Marburg. Immer wieder riefen sie an. Tagsüber, nicht selten aber auch nachts. Bewaffnete Männer ohne jeden Skrupel – und ihre Botschaft war eindeutig. „Ich konnte im eigenen Haus nicht mehr schlafen. Denn ich wusste, dass sie wissen, wo ich wohne“, sagt Itayosara Rojas.

20 Tage – soviel Zeit hätten sie und einige ihrer Kommilitonen, um die Universität zu verlassen. Für die 21-Jährige und den 24-jährigen Johann Sebastian Reyes gibt es nur noch einen Ausweg: Studium in Marburg.

An ihrer Universität in der 
kolumbianischen Hauptstadt Bogota, der größten des Landes, setzten sich Itayosara und Johann Sebastian in einer landesweiten studentischen Organisation für freie Bildung und mehr Autonomie der Universitäten ein. Gefährlich wurde für sie aber vor allem der Einsatz für den Frieden in ihrem Heimatland.

Erste Friedensgespräche begannen 2012

Seit mehr als 50 Jahren herrschte in Kolumbien ein grausamer Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den linken Farc-Rebellen (siehe Hintergrund). Erst vor rund drei Wochen kam es zu einem Waffenstillstandsabkommen, dem nun ein Friedensvertrag folgen soll. Die ersten Friedensgespräche zwischen Regierung und Farc begannen im Oktober 2012.

Die Studentenorganisation befürwortete diesen Friedensprozess und kämpfte zugleich für ein Mitspracherecht der Zivilgesellschaft in der Ausgestaltung eines Vertrages. Die Rahmenbedingungen sollten nicht hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden. An der Uni in Bogota kam es zu einer Reihe von Demonstrationen, an denen sich jeweils eine große Zahl von Studenten beteiligte.

Ein Vorgang, der gewissen Kräften im Land nicht gefallen konnte. Neben den Farc und den 
Regierungstruppen sind viele weitere Akteure in die bewaffneten Konflikte Kolumbiens verwickelt. Kriminelle Banden, die ihr Geld unter anderem durch Schutzgelderpressung und Drogenhandel verdienen, haben ihrerseits ein Interesse daran, den Krieg am Leben zu halten und eine Stabilisierung des Landes zu verhindern. Eine dieser paramilitärischen Gruppen sind die „Aquilas Negras“ – die schwarzen Adler.

Morddrohungen sind an der Tagesordnung

Eben jene schwarzen Adler sind es, die die beiden Soziologie-Studenten zur Ausreise zwingen. Es beginnt mit einer E-Mail im Mai 2015. Während einer Studentenversammlung erhalten die Mitglieder der Studentenorganisation die Nachricht, die sie erschaudern lässt. Sie seien schlimmer als die Farc, heißt es in der E-Mail.

Namen der führenden Studenten in 
ihrer Gruppe sind darunter in einer Liste aufgeführt – damit sie wüssten, warum sie sterben, wenn sie sterben. Kurz davor war es zwischen den schwarzen Adlern und der Regierung zu einem Gefecht gekommen, bei dem elf Paramilitärs starben – nun sind es genau elf Namen auf der Liste. Die von Itayosara 
und Johann Sebastian zählen dazu.

„Morddrohungen sind in Kolumbien an der Tagesordnung“, sagt Johann Sebastian. Doch nun, wo sie selbst davon betroffen sind, versetzt es sie in Schrecken. Und die Intensität der Drohungen nimmt zu. Drei 
Tage später stellen die schwarzen Adler den Studenten das Ultimatum, es folgen die terrorisierenden Anrufe und Beschimpfungen auf offener Straße.

Polizei und Geheimdienst unternehmen nichts – können vermeintlich keine Hinweise auf die Täter finden. Den Grund dafür glauben die Studenten zu kennen. „Die schwarzen Adler haben einige von ihren Leuten überall bei den Behörden eingeschleust“, berichten sie.

„GIbt viele Menschen, die das Asyl wirklich brauchen“

Verzweifelt ob ihrer Lage tut sich für Itayosara und Johann Sebastian aber plötzlich ein Ausweg auf: Einer ihrer Professoren, der aufgrund politischer Äußerungen im Gefängnis sitzt, steht in Kontakt mit einer Menschenrechtsorganisation.

Diese vermittelt die beiden für ein Auslandsjahr an die Uni Marburg. Probleme gibt es allerdings noch mit dem Visum: der Aufenthalt in Marburg soll im September beginnen, doch die deutsche Botschaft räumt erst einen Termin im Oktober ein. Mit Hilfe der deutschen Bundestagsabgeordneten Heike Hänsel (Linke) gelingt es jedoch schließlich, den Termin nach vorne zu verschieben. Der Weg nach Deutschland ist frei – und zwar nicht über einen Asylantrag. „Wir wissen, dass es im Moment sehr viele Menschen gibt, die das Asyl in Deutschland wirklich brauchen“, sagt Itayosara.

„Deshalb wollten wir unbedingt als Studenten kommen“. Dank einiger glücklicher Zufälle ist ihnen das gelungen. Angekommen in Marburg verläuft ihr Leben aber weiterhin mit Schwierigkeiten. Itayosara 
spricht ein wenig Englisch, Deutsch kann sie nicht. Johann Sebastian ist sogar beider Sprachen zu Beginn nicht mächtig.

Mit Kommilitonen fällt die Verständigung schwer, in den Uni-Kursen kann vor allem Johann Sebastian zunächst kaum folgen. Bei Hausarbeiten hilft ihm ein anderer Student aus Kolumbien mit der Übersetzung – und bei Referaten behilft er sich mit einem amüsanten Trick.

Itayosara benötigt nur noch ein Semester

In Kolumbien hatte er leidenschaftlich Theater gespielt – in Marburg spielte er nun „Theater im Seminar“, erklärt er lachend. Was er sagen wollte, prägte er sich vorher wie einen Text aus einem Theaterstück ein und trug es anschließend mit schauspielerischer Gabe vor.

Trotz aller Hürden schaffte es Johann Sebastian so, in Marburg seinen Abschluss zu machen. Itayosara benötigt nur noch ein weiteres Semester. Außerhalb der Uni haben sie in Marburg einige Freundschaften geschlossen. „Wir haben ein paar wirklich gute Freunde gefunden, die uns hier sehr viel geholfen haben“, sagt Johann Sebastian.

Am Anfang lebten die Kolumbianer im Studentendorf, wo sie vor allem Kontakt zu Erasmus-Studenten knüpften. Später zogen sie dann ins sogenannte „Bettenhaus“– ein autonomes Wohnheim, das aus der Hausbesetzer-Szene heraus entstand.

Dort trafen sie auf viele deutsche, aber auch internationale Studenten. Das Leben an der Lahn war „eine ständige Erfahrung des Gegensatzes“ im Vergleich zur Acht-Millionen-Metropole Bogota, sagt Itayosara.

„Marburg ist eine sehr kleine Stadt, aber hier sind Menschen aus aller Welt. Wir haben hier in und außerhalb der Uni viele verschiedene Sichtweisen kennengelernt“, fasst Itayosara die Erfahrungen zusammen. „Wir waren hier sehr glücklich“.

„Wollen zeigen, dass 
wir keine Opfer sind“

Ein Verbleib in Deutschland kommt trotzdem nicht infrage. 
Im August steht die Rückkehr nach Kolumbien an – das Land in dem die schwarzen Adler weiterhin ihre kriminellen Geschäfte betreiben. Ganz ohne Angst 
sind Itayosara und Johann 
Sebastian daher nicht.

„Im Moment mache ich mir noch nicht so viele Gedanken, aber es werden mehr, je näher die Rückreise rückt“, sagt Johann Sebastian. Es handele sich beim aktuellen Friedensprozess aber um eine „besondere, historische 
Situation“ in Kolumbien – eine große Chance für das Land.

Die beiden Studenten wollen dabei helfen, die politische Zukunft positiv zu gestalten. „Mit der Aufmerksamkeit in den Medien, auch in Deutschland, wird es schwerer sein, uns umzubringen. Das würde zu große Reaktionen nach sich ziehen“, glaubt Itayosara.

Zudem sei es den schwarzen Adlern nicht konkret um sie als Personen gegangen. „Ihr Ziel war es, uns als Gruppe zu zerstören“. Mit ihren Erfahrungen aus Deutschland seien sie auf die Herausforderungen in ihrer Heimat besser vorbereitet.

„Wir haben hier einen anderen Blick auf manche Dinge erhalten und wollen damit weiterhin Politik machen“, sagt sie. Über den Friedensvertrag zwischen Regierung und Farc-­Rebellen müssen in letzter Ins­tanz die kolumbianischen Bürger in einer Volksabstimmung entscheiden. Die beiden Studenten wollen sich im Vorfeld der Abstimmung in der Kampagne für ein „Ja“ engagieren.

Endgültig beenden wird aber auch ein Friedens-Votum nicht alle Kämpfe im Land. Milizen, wie die schwarzen Adler, betreiben weiterhin ihre blutigen Geschäfte. Damit das in Zukunft nicht mehr möglich ist, appellieren Itayosara und Johann Sebastian auch an westliche Länder, wie Deutschland, die Probleme Kolumbiens in den Blick zu nehmen.

von Peter Gassner

Bürgerkrieg in Kolumbien

Seit den 1960er-Jahren befindet sich Kolumbien im Bürgerkrieg. Jahrzehntelang bekämpften sich in dem südamerikanischen Land mehrere linke Rebellenorganisationen und die Staatsmacht. Mit der größten Guerillagruppe, den marxistischen Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo, deutsch: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee), hat sich die Regierung jetzt auf einen Waffenstillstand geeinigt.

Die Farc sind die größte und älteste Guerillaorganisation Lateinamerikas. Gemeinsam mit anderen Rebellengruppen kontrollierten sie einst große Teile von Kolumbien. Seit 2002 drängte das Militär die Farc immer weiter zurück. Nach Einschätzung von Experten hat die Guerilla derzeit noch rund 8 000 Kämpfer unter Waffen.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht führte die Farc zwischen 1998 und 2002 bereits einmal Friedensgespräche mit der kolumbianischen Regierung. Damals wurde ihr eine demilitarisierte Zone von der Größe der Schweiz eingeräumt. Allerdings nutzten die Rebellen das Gebiet als Rückzugsort nach Angriffen und die Verhandlungen scheiterten.

Die Farc finanzieren sich vor allem durch den Drogenhandel, den illegalen Bergbau und Entführungen. Eines der prominentesten Opfer war die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die bis zu ihrer Befreiung 2008 mehr als sechs Jahre in der Gewalt der Rebellen war.

Mehr als 220 000 Menschen wurden bislang in dem Konflikt getötet. Zudem wurden Millionen Kolumbianer aus ihren Heimatorten vertrieben. Viele flohen in die Elendsviertel am Rande der Großstädte. Die Regierungsstelle für Kriegsopfer zählt mehr als 
7,6 Millionen direkte und indirekte Opfer des Bürgerkriegs. (dpa)

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