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Freundin wird zur „kleinen Schwester“

Freiwilligen Dienst in Simbabwe Freundin wird zur „kleinen Schwester“

Mit 18 Jahren leistet die Marburgerin Mira Wöllenstein einen freiwilligen Dienst in Afrika und arbeitet dort mit Frauen und Kindern.

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„Ich sage, was ich denke, und mache, was ich sage“

Mira Wöllenstein mit ihrer Freundin Juwen Mapaya (links) und deren Familie.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Ihr Aufenthalt in Afrika geht dem Ende zu, und ihr Fazit ist klar: Es war eine „wertvolle Reise“ mit „überwältigenden Erfahrungen“, berichtet Mira Wöllenstein. Aber was bringt eine 18-Jährige zu einem freiwilligen Einsatz in Afrika? „Durch meine vorzeitige Einschulung und die Umstellung auf G8 hatte ich mein Abitur bereits mit 17 Jahren und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie es mit mir weitergehen sollte“, erklärt Mira Wöllenstein. Sie entschied, sich für die Zukunftsplanung Zeit zu nehmen und einen freiwilligen Dienst im Ausland zu absolvieren.

Der Kontakt zur Organisation Kunzwana Women‘s Association in Simbabwe kam über ihre Mutter zustande. Sie ist Vorsitzende der Ausbildungshilfe Christian Education Fund und hat darüber die Kunzwana Women‘s Association kennengelernt, eine Organisation, die Frauen soziale Hilfe und praktische Ausbildung anbietet.

Als die Gründerin zu Besuch in Deutschland war, lud sie Mira Wöllenstein nach Afrika ein. „Damals war ich sieben Jahre alt“, erinnert sich Mira Wöllenstein. Im Lauf der Jahre geriet diese Einladung in Vergessenheit. Bis kurz nach dem Abitur. Im Sommer vergangenen Jahres traf die frische Abiturientin die Vorsitzende von Kunzwana Women‘s Association in Deutschland und „fing sofort Feuer, als sie mir von ihrer Arbeit berichtete“, so Mira Wöllenstein.

„Ich bin seit November hier als Praktikantin. Hauptsächlich helfe ich im Büro, schreibe Berichte, Zeitungsartikel, Newsletter und designe Flyer“, berichtet die Marburgerin. Doch sie ist auch viel herumgekommen und gewann Einblicke in die umfangreiche Arbeit der Organisation. So nahm sie unter anderem an einem Workshop über Gesundheit und Hygiene teil.

In einem theoretischen Teil wurden Frauen und Mädchen über ihren Körper, Hygiene und Krankheiten aufgeklärt.

„Im praktischen Teil brachte die Lehrerin den Frauen bei, wie man wiederverwendbare Hygienebinden näht, wie man Seife und Bodylotion herstellt und welche Kräuter beispielsweise in Kerzen verwendet werden können, um Moskitos zu vertreiben“, berichtet die 18-Jährige.

Ein anderes Mal besuchte sie die Frauen bei der Feldarbeit. „Kunzwana hat zwischen mehreren Dörfern zwei Gemüsegärten errichtet und den Frauen beigebracht, wie man Gemüse und Weizen anbaut“, so Mira Wöllenstein. „Wir haben dort solarbetriebene Wasserpumpen aufgestellt, sodass die Gärtnerinnen nicht mehr bis zum nächsten Fluss laufen und sich dort den Krokodilen aussetzen müssen, um ihre Kürbisse, Tomaten und Bohnen zu bewässern.“

Eine Zeit verbrachte Mira Wöllenstein in der Vorschule der Organisation, was ihr besonders viel Spaß machte. Sie unterrichtete Englisch, Kunst und Sport, sehr zur Freude der Kinder, die nun jemanden hatten, der ihrem Alter näher war als ihre Lehrerin. „Da es eine Vorschule ist, haben wir natürlich viel gespielt“, so die Marburgerin. „So organisierte ich auch einen Spiel- und Spaßtag mit Kinderschminken, einer Hüpfburg und einer Schatzsuche. Da war die Freude der Kinder nicht mehr zu bändigen.“

Frauen sollen ihre Produkte vermarkten

Eine weitere wichtige Arbeit von Kunzwana ist Marketing. Die Frauen sollen nicht nur lernen, Dinge herzustellen, sondern sie auch zu verkaufen. Dreimal im Jahr findet ein großer Markt in Simbabwes Hauptstadt Harare statt. „Ein wahres Spektakel habe ich dort miterleben dürfen“, so Mira Wöllenstein. „Neben vielen wunderschönen Marktständen mit Kleidung, Schmuck, Dekorationsartikeln und Essen gab es eine Modenschau, bei der Frauen stolz ihre selbstgenähte Kleidung präsentierten, Livemusik von berühmten nationalen Musikern und eine Eröffnungsfeier mit Berühmtheiten und dem Fernsehen.“

Als Mira Wöllenstein im März Besuch von ihrer Freundin Nicola Steinhaus bekam, gaben die beiden jungen Frauen ein Marketingseminar. Ziel war es, Kunzwana in Deutschland bekannter zu machen und die Produkte der Frauen auf dem europäischen Markt zu etablieren.

So erfuhren die Seminarteilnehmerinnen, was in Europa Trend ist, was die Menschen mögen und was sie brauchen. „Die Teilnehmerinnen waren sehr interessiert und ganz versessen darauf, unsere Ideen in die Tat umzusetzen, und ihre Produkte in Deutschland zu verkaufen“, erzählt Mira Wöllenstein.

Durch die Zusammenarbeit zwischen der Ausbildungshilfe Christian Education Fund und Kunzwana Women‘s Association erhalten zurzeit zehn Mädchen in Simbabwe Unterstützung von der Ausbildungshilfe.

Eines der Mädchen, Juwen Mapaya hat Mira Wöllenstein näher kennengelernt, weil ihr Zuhause zu weit von der Schule entfernt ist und sie im Kunzwana-Trainingscenter untergebracht ist. „Juwen ist meine Freundin geworden. Sie nennt mich ihre große Schwester und ich habe beschlossen, Verantwortung zu übernehmen, wie es wahre Geschwister tun“, berichtet Mira Wöllenstein. Sie will bis zum Schulabschluss des Mädchens in vier Jahren jährlich 500 Euro für sie sammeln, für Essen, Kleidung und sonstige anfallende Kosten.

„Ich denke, für genau solche Kontakte war meine Reise nach Afrika wertvoll“, so die Marburgerin. „Ein Kulturaustausch, neue Freundschaften und überwältigende Erfahrungen für mich sind dabei herausgesprungen.“

Ende des Monats kehrt Mira Wöllenstein nach Marburg zurück.

von Heike Horst

 

HINTERGRUND:

Kunzwana Women‘s Association wurde 1995 von Emma Mahlunge gegründet. Die Idee war, den auf Farmen arbeitenden Frauen soziale Hilfe und praktische Ausbildung anzubieten. Simbabwe wurde damals „Kornkammer Afrikas“ genannt. Es gab 12000 große kommerzielle Farmen. Emma Mahlunge fuhr damals als Sozialarbeiterin auf die Farmen, um die Frauen über Aids aufzuklären. Sie fand ein riesiges Defizit an Sozialstruktur, medizinischer Versorgung und furchtbar arme Umstände vor. Sie sprach mit den weißen Besitzern der Farmen und entwickelte ein Konzept, um den Farmarbeitern und ihre Frauen zu helfen.

2000 kam es zu einer riesigen, gewaltsamen Landenteignung der weißen Farmer. Von den 12000 Farmen sind heute noch 400 übrig. Die Familien, die seit Generationen isoliert von der Außenwelt auf den Farmen gewohnt haben, wurden arbeits- und obdachlos. Kunzwana machte es sich dann zur Aufgabe, diesen Menschen zu helfen, sich in die Dörfer zu integrieren und eine Lebensgrundlage aufzubauen.

 
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