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Freunde entlasten angeklagten Arzt

Missbrauchsprozess Freunde entlasten angeklagten Arzt

Sexueller Missbrauch eines Drogenabhängigen? Mehrere Zeugen glauben die Vorwürfe gegenüber einem Marburger Arzt nicht, werfen dem verstorbenen Opfer Lügen vor.

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In der Berufungsverhandlung hat das Gericht mehrere Zeugen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehört.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Am dritten Tag der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht sagte unter anderem eine Bekannte des verstorbenen Drogenabhängigen aus, die den jungen Mann während eines Suchttherapieprogramms traf. Sie zeigte sich überzeugt, dass der damals 20-Jährige „bewusst gelogen“, und den Arzt fälschlich beschuldigt“ habe, ihn im Austausch gegen unfreiwilligen Sex mit Medikamenten versorgt zu haben.

In einem Gespräch im Jahr 2010 habe er zugegeben, den Arzt nur deshalb angezeigt zu haben, weil dieser ihm angeblich keine Suchtmittel mehr gegeben hatte. „Er hat mich vergewaltigt und macht mit Kinderpornos rum“, meinte sich die Frau an den genauen Wortlaut dessen zu erinnern, was der junge Mann sagte. „Er war total aufgebracht und wirkte wie auf Entzug“, so die Zeugin.

„Sie hatten sich offensichtlich gerne“

Während eines späteren Treffens soll er zugegeben haben, dass er bewusst gelogen habe, um weiterhin in dem Methadonprogramm bleiben zu können. Da sich die Patienten während der Therapie mit dem Opioid-Stoff verpflichten, keine weiteren Medikamente von anderen Ärzten zu konsumieren, habe er Angst gehabt, aus dem Programm zu fliegen, vermutete die Zeugin.

Jedoch stimme es, dass die Medikamentenversorgung durch den Arzt gegeben war. Ihr selber habe der Angeklagte „im Vorbeigehen“ ein Rezept ausgestellt, ohne sie vorher zu untersuchen. Neben der Zeugin berichtete ein langjähriger Freund des Angeklagten über die Beziehung zwischen dem Arzt und dem Patienten. „Sie hatten ein gutes Verhältnis und sich offensichtlich gerne“, sagt er. Aufgefallen seien ihm die Schlafprobleme des 20-Jährigen, in der Nacht habe dieser „unruhig geschlafen und laut geschrien“.

Medikamente habe er in der Wohnung gesehen, einen Austausch von Suchtmitteln gegen sexuelle Handlungen während seines Besuches jedoch nicht mitbekommen, er glaube nicht, dass ein solcher Handel bestand. Dem jungen Mann habe die Beziehung zu dem Arzt gefallen, „er war gerne bei ihm“, betonte der Zeuge.

Neue Erkenntnisse über Wohnsituation

Hintergrund: Während der erstinstanzlichen Verhandlung am Amtsgericht stritt er die laxe Arznei-Verteilung, das Arzt-Patienten-Verhältnis zu dem Drogenabhängigen ab, beim Prozessauftakt vor dem Landgericht gab er diesen Vorwurf zu.

Des Weiteren teilte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm neue Erkenntnisse über die Wohnsituation des mutmaßlich Geschädigten mit. Offenbar lebte der Drogenabhängige zeitweise noch in einer anderen Wohnung als dem Apartment, das er von dem angeklagten Arzt zur Verfügung gestellt bekam. Ein Therapeut des 20-Jährigen hatte in der Vergangenheit berichtet, dass der Drogensüchtige in der Südviertel-Wohnung des Arztes lebte und dort vergewaltigt worden sei.

Das, so die Verteidigung, stelle sich nun als Unwahrheit heraus. Laut einem psychologischen Verlaufsbericht von Mai 2009 wurde der Patient von verschiedenen Betreuern bezichtigt, die Unwahrheit zu sagen sowie Helfer „gegeneinander auszuspielen“, sagte Verteidiger Frank Richtberg. Der Süchtige habe wahrscheinlich häufiger gelogen. Das er auch, was die Anschuldigungen gegenüber dem Arzt angeht „geschauspielert hat“, sei „ebenfalls möglich“.

  • Fortsetzung: 22. Mai, 9 Uhr im Landgericht.

von Ina Tannert

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