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Freude bei Zwei- und Vierbeinern

Früchte-Regen im Wald Freude bei Zwei- und Vierbeinern

Die Bäume in hessischen Wäldern tragen in diesem Jahr besonders viele Früchte. Darüber freuen sich Zwei- und Vierbeiner. Förster sammeln den ­Samen, Wildtiere futtern sich reichlich Winterspeck an.

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Auch der Eichelhäher profitiert in diesem Jahr von dem Früchte-Regen im Wald.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wer jetzt durch Laubwald geht, der bemerkt das ständige Knacken unter den Schuhsohlen. Das liegt an den Bucheckern und Eicheln, die von den Bäumen gefallen sind und nun massenhaft auf dem Boden liegen. Die hessischen Bäume tragen laut des Landesbetriebes „HessenForst“ in diesem Jahr besonders viele Früchte.

In den vergangenen Wochen sind demnach alleine Millionen Bucheckern zu Boden geprasselt. In ausgewählten Beständen fangen Mitarbeiter des Landesbetriebes Samen mit Netzen auf, der später als Saatgut dienen. 
Das ist der Grundstein für die nächste Waldgeneration. „Alle­ Waldbäume haben in diesem Frühjahr gut geblüht, besonders die Buche“, berichtet Lothar Volk, Saatgutexperte von „HessenForst“. Seine Aufgabe ist es unter anderem, in ganz Hessen die Ernteaussichten der Saatgutbestände zu überprüfen.

Waldpflege für stabile Zukunft

„Nach der üppigen Blüte war die gute Wasserversorgung in diesem Sommer optimal für das Ausbilden der Samen. Die Bäume konnten in dieser Zeit ihre Energie in Samen und Zapfen stecken, wir haben bei fast allen Baumarten ein echtes Mastjahr“, erklärt Volk weiter. Die bis in den Oktober hinein anhaltende Trockenheit hat nach seiner Beobachtung die Samenentwicklung kaum noch beeinflusst.

Die Forstexperten beobachten dauerhaft, welche Baumart wo optimal wächst, die Stabilität und der Holzzuwachs spielen bei der Auswertung wichtige Rollen. „Es gibt innerhalb jeder Baumart genetische Unterschiede. Die besten Waldbestände haben wir als Saatgutbestände registriert“, erläutert Volk. Sie seien sehr gut an die jeweiligen Standorte angepasst und besonders stabil.

Weil die Bäume in diesem Jahr wieder viel Energie in die Fruchtbildung gesteckt haben, verlangsame sich das Holzwachstum, weiß Michael Gerst, Leiter des Dienstleistungsbetriebes „HessenForst“. Dieser Kraftakt könne jahrelange Auswirkungen haben, sagt er. „Doch für das Ökosystem Wald ist es ein Segen“, betont Gerst.
In den vergangenen Wochen wurden Netze unter den Bäumen ausgelegt, um Bucheckern aufzufangen, auf der Fläche eines Fußballfeldes können es – laut der Fachleute – bis zu einer Million Samen sein.

Ein Bruchteil davon wird eingesammelt. „Die meisten keimen im nächsten oder übernächsten Frühjahr vor Ort in der Natur und bilden eine neue Baumgeneration. Wir sorgen dann mit unserer Waldpflege dafür, dass die zierlichen Bäumchen ausreichend Licht und Nährstoffe bekommen. Nur so können sie zu einem stabilen und gemischten Wald heranwachsen“, erläutert der Landesbetriebsleiter.

Samen - ein Segen für die Natur

Neben den Samen-Sammlern freuen sich auch viele Wildtiere über den in diesem Herbst reich gedeckten Tisch. Vögel, Rehe und Wildschweine, Mäuse, Eichhörnchen oder Eichelhäher fressen mit Vorliebe Bucheckern, denn die haben 40 Prozent Fettgehalt. Ein Buchfink ist nach etwa 14 Bucheckern pro Tag satt, ein Eichhörnchen versteckt im Herbst durchaus über 200 pro Tag als Wintervorrat im Waldboden, nicht gezählt die Bucheckern, die es während der harten Arbeit verputzt.

Die für Wildtiere, besonders Wildschweine, günstigen Wetterbedingungen und die gute Ernährungslage in Form von Bucheckern und Eicheln, Würmern, Engerlingen und Mäusen, die Wildschweine mit ihren Würfen (Schnauzen) aus dem Boden wühlen, lassen die Schwarzwildbestände wohl wieder ansteigen, vermutet Volker Klingelhöfer, Pressesprecher der Jägervereinigung Hinterland.

Beim Spaziergang durch den Wald sieht man auch die von Sauen öfter zum Teil tief ausgegrabenen Löcher. „Sie haben überall an den weicheren Wegrändern den Boden mit ihrem Rüssel – Gebrech, wie wir Jäger sagen – aufgebrochen“, erklärt er und ergänzt. „Dies zeigt, dass sie da sind, auch wenn man sie nicht sieht.“

Der Experte erklärt: „Wildschweine sind Allesfresser, und nachdem sie sich mit den Bucheckern und Eicheln, die sehr viel pflanzliches Eiweiß enthalten, vollgefressen haben, suchen die Borstentiere im Erdreich, knapp unter der Oberfläche – zum Ausgleich nach tierischem Eiweiß.“ Dazu zählen Insekten, Engerlinge und andere Larven, Mäuse und Schnecken.

Wenn im November gestreifte Wildschwein-Babys durch den Wald laufen ist das – aus Sicht der Forst- und Landwirte – kein gutes Zeichen. Sie sind zur Unzeit gefrischt worden – in kalten und feuchten Wintern würde ein großer Teil dieser Frischlinge sterben. Normalerweise sorgen erfahrene weibliche Leitbachen nicht nur für Ordnung in der Rotte, sondern auch für die Geburtenkontrolle.

Wenn sie rauschig wird, also empfängnisbereit ist – in der Regel im Winter – sorgen Hormone dafür, dass auch alle anderen erwachsenen Tiere der Gruppe rauschig werden. Paaren sie sich dann mit Keilern, werden knapp vier Monate später, also im Frühjahr, Frischlinge geboren. Wenn aber die Leitbachen fehlen, weil sie bei der Jagd oder bei Unfällen getötet wurden, fehlt die ­Koordination und die natürliche Ordnung löst sich auf.

Abstände zwischen Mastjahren sind jetzt kürzer

Junge Bachen, die manchmal noch nicht einmal ein Jahr alt sind, können dann rauschig werden und als Frischlingsbachen selbst Frischlinge bekommen. Es kommt zur unkontrollierten Vermehrung.

„Die Tiere dringen immer öfter in Ortschaften vor und pflügen Wiesen und Gärten um“, weiß Klingelhöfer aus Erfahrung. Da helfe nur scharfe Bejagung des Schwarzwilds, entsprechend der gesetzlichen Vorgaben, sagt er. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben nach Feststellung der Förster die Mastjahre zugenommen.

„Die Abstände sind kürzer geworden“, bestätigt der Saatgutexperte Lothar Volk. „Bis Ende der 1980er-Jahre gab es im Mittel alle 5 bis 8 Jahre eine üppige Samenbildung, jetzt leisten die Bäume diesen Kraftakt alle 2 bis 3 Jahre. Grund dafür ist wahrscheinlich die Klimaerwärmung sowie die erhöhte Stickstoffversorgung der Bäume. Wissenschaftler sind dabei, die Ursachen zu finden.

„Für unser Ziel der artenreichen Waldverjüngung ist das natürlich zunächst positiv“, sagt „HessenForst“-Chef Michael Gerst. „Doch das verkürzt auch den Erholungszeitraum für die Altbäume. Es kann sein, dass sie dadurch langfristig geschwächt und anfällig für Krankheiten werden.“ Auch diese Entwicklung werde genau beobachtet, versichert er.

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