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Marburg

Fremdsprachen fallen für Philipp weg

Seit einem halben Jahr besucht der behinderte 15-Jährige Philipp Koch die Gesamtschule am Richtsberg. Zuvor stritten die Eltern ein Jahr lang mit den Behörden um einen Schulplatz.

Marburg. Er trägt eine Zahnspange, hat eine tiefe, manchmal krächzende Stimme, schwärmt für den 1. FC Köln und schaut abends gern mal länger Fernsehen: Philipp Koch ist ein ganz normaler Junge in der Pubertät. Und doch ist er anders als viele Gleichaltrige: Philipp ist behindert, er hat das Down-Syndrom.

Dass Philipp trotz seiner Behinderung seit einem halben Jahr die Gesamtschule am Richtsberg besuchen darf, ist für die Familie Koch sowie zahlreiche Behindertenverbände ein Erfolg nach langem Kampf. Die OP berichtetete am 8. Juli 2008 erstmals über die Familie Koch und ihr Bemühen, ihrem Jungen einen „normalen“ Schulalltag zu ermöglichen. Die Vorgeschichte: Philipp besuchte sechs Jahre lang eine integrative Schule der Lebenshilfe in Gießen. Dort wurde der Junge gemeinsam mit Behinderten und Nichtbehinderten in einer Klasse unterrichtet. Als der Schulwechsel anstand, entschied die Schulbehörde: Philipp muss auf eine Sonderschule und darf keine Regelschule besuchen.

Die Eltern kämpften gegen diese Entscheidung, investierten viel Zeit und Geld, um Philipp einen Platz an der Richtsbergschule zu ermöglichen. Rechtlich beriefen sie sich auf die Wahlfreiheit von Eltern und auf die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen. Menschlich ging es um ihren Sohn, der sich im Umgang mit Nichtbehinderten besser entwickeln könne, weil er Vorbilder brauche. Er habe schließlich immer gemeinsam mit Behinderten und Nichtbehinderten gelebt, gelernt oder gespielt. Nachdem die OP über den Fall berichtete, gab es ein mediales Echo in der Bundesrepublik. Anke Koch-Röttering sprach sogar in der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“.

Während die Öffentlichkeit und immer mehr Menschen in Marburg der Familie Koch Zuspruch gaben, stellten sich die Behörden quer. Es fehlte dem Schulamt an sonderpädagogischen Förderstunden, es gebe keine Möglichkeit, ausreichend Personal zur Verfügung zu stellen, um gemeinsamen Unterricht anzubieten, hieß es. Am Ende einigte sich die Familie, die den Rechtsanwalt und Frankfurter Grünen-Politiker Rupert von Plottnitz beauftragt hatte, auf einen Vergleich. „Das Schulamt hatte auf einmal sechs Förderstunden für Philipp finden können“, sagt Koch-Röttering.

Während der Phase des Rechtsstreits besuchte Philipp ein Jahr lang eine Sonderschule im Hinterland. Nach den Sommerferien wechselte er im vergangenen Jahr auf die Gesamtschule Richtsberg. Gleich in der ersten Woche wurde er zum stellvertretenden Klassensprecher gewählt. Das war ein Willkommensgruß, sagt Vater Dr. Herbert Koch. Dass die erste Klassenfahrt in der neuen Klasse nach Köln führte, war ein glücklicher Zufall für Philipp, der Köln von klein auf gern besucht. „Die Schule macht mir Spaß“, sagt Philipp. Auf die Frage nach dem Lieblingsfach, antwortet der 15-Jährige strahlend: Sport.

Philipp nimmt am regulären Unterricht teil, nur die Fremdsprachenkurse fallen für ihn aus – sie sind für Philipp zu schwierig. „Philipp weiß, dass er das Down-Syndrom hat. Er weiß, dass er in manchen Dingen Hilfe benötigt und nicht alles allein schaffen kann. Und er weiß, wo er Hilfe holen kann“, erklärt seine Mutter. Aber sie ist auch stolz darauf, dass Philipp in den vergangenen Monaten selbstbewusster geworden ist. Er komme gut mit seinen Mitschülern aus. Manche Jungs haben Philipp Koch gegoogelt und dann fast stolz erklärt, dass sie einen Medienstar in der Klasse hätten. Um ein möglichst normales Klassenleben führen zu können, hat die Familie mit den Lehrern vereinbart, dass keine Reporter in Philipps Klasse kommen.

von Anna Ntemiris


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