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Fremde aufnehmen wie einst Elisabeth

Kirchenaysl Fremde aufnehmen wie einst Elisabeth

Die Bereitschaft Menschen in Not zu helfen ist eine christliche Grundtugend – daran erinnern Vertreter der Elisabethkirchengemeinde. Sie entschlossen sich dazu, einer Flüchtlingsfamile ­vorübergehend Kirchenasyl zu gewähren.

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Das Kirchenfenster „Elisabeth nimmt Fremde auf“ veranschaulicht die Nächstenliebe der heiligen Elisabeth, die der Elisabethkirchengemeinde als Vorbild dient.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Elisabeth – das ist ein Name der verpflichtet. Denn „schon die heilige Elisabeth hat fremden Menschen in der Not geholfen“, sagt Pfarrer Bernhard Dietrich, Vorsitzender des Kirchenvorstandes der Evangelischen Elisabethkirchengemeinde. Die Namenspatronin der Elisabethkirche habe „einen Blick auf Menschen gelehrt, der dem Evangelium entspricht“. Diesem Beispiel der Nächstenliebe fühlt sich die Gemeinde daher auch heute noch verpflichtet.

Im Oktober und November nahm die Gemeinde daher eine Flüchtlingsfamilie im Kirchenasyl auf. Sie bestand aus einer Mutter und vier Kindern – „zwei davon klein und zwei größere Jungs, die hier auch regelmäßig in die Schule gegangen sind“, so Dietrich. Name und Herkunftsland der Familie möchte die Gemeinde auf Wunsch der Flüchtlinge hin nicht verraten – nur so viel ist klar:

Es handelte sich um Muslime, die „schwer traumatisiert“ waren. Traumatisiert zum einen durch die Flucht, über deren Grund sie nicht einmal mit ihren Helfern zu reden vermochten, traumatisiert aber auch durch die Trennung vom Vater der Kinder. In einem anderen EU-Staat, der ebenfalls nicht näher benannt wird, fand die sogenannte Erstnahme in der Europäischen Union statt. Dort war der Vater aus einem der Familie unbekannten Grund verhaftet und wieder in das Herkunftsland abgeschoben worden.

Grauzone Kirchenasyl „keine Dauereinrichtung“

Was mit dem Vater passiert ist und wo er sich aufhält ist ungeklärt, die Mutter kam nach dieser Erfahrung mit ihren Kindern nach Deutschland. Laut der Dublin III-Verordnung der EU ist jedoch das Land für das Asylverfahren zuständig, in dem die Flüchtlinge zuerst eintrafen. Asyl in Deutschland ist innerhalb einer gewissen Frist nicht möglich, auch wenn sich die Familie integriert und bereits „passabel Deutsch“ spricht, wie es laut Dietrich in diesem Fall gewesen ist.

„Diese besondere Situation der Familie war es letztendlich, die uns dazu bewogen hat, ihr das Kirchenasyl zu gewähren“, erläutert Nicola Sandner aus dem Kirchenvorstand. Dies sei jedoch nur durch einen großen Unterstützerkreis von etwa 80 Personen möglich gewesen, die sich mit Spenden oder zum Teil durch persönliche Besuche bei der Familie an der Aufnahme beteiligten.

Die Wohnung wurde von einer kirchlichen Einrichtung gestellt. Durch die Unterbringung für zwei Monate konnte gewährleistet werden, dass sie ohne Abschiebung die Frist von insgesamt sechs Monaten überstand, nach der nun auch in Deutschland ein regulärer Asylantrag gestellt werden kann. Eine rechtliche Grauzone, wie auch den Kirchenvertretern bewusst ist.

Zwar wussten die staatlichen Behörden über den Aufenthaltsort der Familie Bescheid und hätten sie rechtlich gesehen trotz kirchlichem Schutz jederzeit abschieben können – in diesem Punkt herrsche jedoch ein stillschweigendes Abkommen, sodass eine Abschiebung trotz Kirchenasyl bisher noch nicht vorgekommen sei, erklärt Sandner.

Dennoch solle es, nachdem die Familie nun ausgezogen ist, „natürlich keine Dauereinrichtung werden“. Entsprechende Anträge werde man zwar im Einzelfall immer prüfen, eine von der Politik propagierte „Willkommenskultur“ könne auf Dauer jedoch ohnehin nicht allein von den Kirchengemeinden bewältigt werden.

Mut zum Kennenlernen haben

Der Appell, der sich mit der Veröffentlichung des Vorgangs nun verbinde, richte sich daher an Politik und Gesellschaft. Die Kritik richte sich dabei gegen uneinheitliche Sozialstandards bei der Behandlung von Flüchtlingen in den EU-Ländern, aber auch gegen das Dublin-System, nach dem die Menschen in dem Land Asyl beantragen müssen, in dem sie zuerst ankommen, erläutert Julia Störmer vom Diakonischen Werk Oberhessen, die das Kirchenasyl für die Familie rechtlich begleitete.

Es gelte „das Konzept ein Stück weit zu skandalisieren“, denn die Frage sei „ob derartige Gesetze menschlich überhaupt angebracht“ seien. Es müsse gemeinsam überlegt werden, wie man europaweit eine faire Verteilung von Asylsuchenden hinbekomme. Die Bevölkerung solle währenddessen „offen sein, den Fremden zu begegnen“ und „Mut haben, andere Menschen kennenzulernen“, sagt Dietrich. Statt mit Angst und Ressentiments gegenüber den Geflüchteten zu leben, „hilft es immer miteinander zu reden“, meint er.

Wie es mit der nunmehr nur noch fünfköpfigen Familie weitergeht ist offen. Der Kirchenvorstand hofft, dass die Familie ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland erhält. Das Asyl-Verfahren kann sich aber – je nach Herkunftsland – zwischen ein und zwei Jahren hinziehen, wie Störmer anmerkt. In dieser Zeit muss die Familie mit staatlichen Leistungen auskommen, die ihr gekürzt wurden, weil sie sich durch das Kirchenasyl ihrer „Mitwirkungspflicht an der Aufklärung ihrer Situation“ entzogen hat. Sollte Asyl gewährt werden, besteht die theoretische Chance, den Mann nachzuholen. „Praktisch wird das aber schwierig“, meint Störmer.

von Peter Gassner

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