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Kleingärtner

Freitagabend in die „Kohlrabi-Bar“

Sommerfeste, Busfahrten und Treffen im Vereinsheim - mit klassischen Angeboten des Vereinslebens lassen sich heute viele Kleingärtner nicht mehr locken.
Die Brombeeren hatten dieses Jahr zu viel Regen, meint Ulrike Schneider, deshalb sind viele noch grün.

Die Brombeeren hatten dieses Jahr zu viel Regen, meint Ulrike Schneider, deshalb sind viele noch grün.

© Freya Altmüller

Marburg. Einer der Gründe dafür ist der steigende Anteil der Migranten, meinen die Vorstände. Die deutsche „Vereinsmeierei“ sei vielen Zugewanderten fremd. In der Anlage am Wiesenweg suchen sie gemeinsam nach Lösungen.

Im Schatten eines Gartenhäuschens sitzen Mutter und Tochter. Es ist Samstagnachmittag, 27 Grad. Die 82-jährige Frau zupft Sauerampfer-Blättchen von den Stängeln ab. In der Luft liegt der Geruch von Liebstöckel, der bereits in einer Plastiktüte zum Einfrieren verpackt ist. „Früher haben wir die Kräuter eingelegt“, erzählt die Tochter. In Rumänien hatte die Familie einen Garten, drei-, viermal so groß wie das Haus. Für den Winter wurde Gemüse eingelegt. „Mit Liebstöckel machen wir saure Suppen, wie Kohlsuppe“, erzählt die Tochter.

Die Parzelle in der Kleingartenanlage am Wiesenweg gehört eigentlich ihrer Schwester, einer Floristin. Aber die muss heute arbeiten, sie hat die beiden in der Frühe nur gebracht. Seit 14 Jahren hat sie den Garten nun schon gepachtet. Gemeinsam mit ihrer Schwester nimmt sie an den Sommerfesten und den Busfahrten des Vereins teil.

Seit einiger Zeit findet auch ein Frauenabend statt

Die beiden sind damit eher die Ausnahme. Denn nach Angaben des Vereinsvorsitzenden, Jürgen Fröhlich, sind die wenigsten der rund 40 Prozent Migranten für die gemeinschaftlichen Aktivitäten zu begeistern. Viele kämen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, andere aus dem Nahen Osten.

„Wir bemühen uns, die Leute zu integrieren“, erklärt Fröhlich. Er erzählt von einer Kennenlern-Veranstaltung, bei der es Wodka, „das Nationalgetränk des Ostblocks“ gegeben habe. „Wir haben die Leute nach Wünschen gefragt, aber sie wissen selbst nicht, was wir anbieten sollen.“

Die Rumänin läuft an den Bohnenstangen vorbei zu den Tomaten, zupft ein paar kleine grüne ab. An einigen Stellen sind sie grau-braun, sehen fast verschimmelt aus. Sie gibt dem angrenzenden Umspannwerk die Schuld. Über den Zaun ruft eine blonde Frau: „Brauchen Sie Erdbeerpflanzen? Ich habe ganz viele Ableger.“ Die Tochter antwortet: „Wir haben es probiert, aber die werden nichts bei uns.“ Sie bittet die Nachbarin herein, zeigt ihr die Zucchini. „Die ist riesig“, staunt die Frau über ein mehr als 30 Zentimeter langes, breites Exemplar.

Die Frau ist eine Einheimische, mit ihren Nachbarn aus Russland, Griechenland, Ungarn und dem Irak hat sie sich bekannt gemacht. „Die Iraker waren offen und nett“, erzählt sie, „aber in der ,Kohlrabi-Bar‘ habe ich sie nie gesehen.“ Die Bar ist ein Treffpunkt, an dem die Mitglieder jeden Freitagabend und Samstagmorgen gärtnerisches Wissen austauschen können, zum Beispiel, welche Pflanzen gut und welche schlecht nebeneinander wachsen.

Seit einiger Zeit findet dort auch ein Frauenabend statt, den Vorstandsmitglied Ljuba Nikonjuk organisiert. „Die Idee war, Migrantinnen anzusprechen, zum gegenseitigen Kennenlernen“, erklärt die gebürtige Kasachin. 30 Frauen nehmen regelmäßig teil, darunter jedoch nur wenige mit Migrationshintergrund.

„Die Leute saßen in den Gärten und haben gegrillt“

Manfred Weber, Vorsitzender des Stadt- und Kreisverbandes und des Vereins in den Afföllerwiesen, meint: „Der Deutsche ist bekannt als Vereinsmeier, in anderen Ländern ist das vielleicht nicht so üblich.“ In seinem Verein hätten mittlerweile 80 Prozent der Mitglieder einen Migrationshintergrund, auch bundesweit sei der Anteil gestiegen. Das Vereinsheim in den Afföllerwiesen habe geschlossen, bei den letzten Sommerfesten sei die Beteiligung gering gewesen. „Die Leute saßen stattdessen in ihren Gärten und haben gegrillt.“ Weber macht das mangelnde Interesse am Vereinsleben traurig.

Fröhlich sagt, dass auch viele Deutsche nicht an den Aktivitäten teilnehmen. Von 111 Parzellen seien nur 35 am „Tag der offenen Gärten“ für Besucher geöffnet gewesen. Solche Veranstaltungen macht der Verein, um neue Gärtner anzuwerben. Denn bis Ende des Jahres stehen sieben Parzellen frei. Zu den Neugärtnern gehören auch Ulrike Schneider und ihr Mann Thomas. Sie haben ihre Parzelle erst seit einem Jahr gepachtet. Mit ihren Gästen sitzen sie im Schatten, daneben plätschert der Springbrunnen, den sie selbst im Teich installiert haben.

„Der Garten ist für viele ein Rückzugsort“

Auch die Fische sind neu, erzählt die Frau, denn die alten wären nach kurzer Zeit „heraus gemopst“ worden, von einem Reiher vermutet sie. „Wir haben jetzt schlaue Fische, die eher unten schwimmen“, sagt sie und grinst. „Der Garten ist für viele ein Rückzugsort, wo man ohne größere Verpflichtungen etwas für sich tun möchte“, erklärt Schneider. Was im Garten anstehe, sei ihr oft genug. Als Sozialpädagogin, die nebenberuflich im Fitnessstudio Yoga-Kurse anbietet, sei sie beruflich zu eingespannt, um sich beispielsweise ehrenamtlich im Verein zu engagieren. An den Aktivitäten nehmen sie und ihr Mann teil, vergangenes Jahr am Tag der offenen Gärten, dieses Jahr an der Radtour. Außerdem geht sie zu den Frauentreffen.

Demnächst will Ulrike Schneider dort einen Yoga-Schnupperkurs anbieten. Vorstandsmitglied Nikonjuk hofft, damit besonders die Migrantinnen anzusprechen. In ihrem Sportverein gebe es ja auch viele von ihnen, erklärt sie.

von Freya Altmüller


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