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Freiheitsstifter und Kommunikator

Blindenführhunde Freiheitsstifter und Kommunikator

Sie navigieren und warnen, sie suchen und finden, sie sind wachsam und stellen Kontakte her. Blindenhunde sind mehr als eine „Hilfe“ für Sehbehinderte. Sie sind die verlässlichsten Partner, die man sich vorstellen kann.

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Christine Schneider hat Hund Wico fest im Griff, daneben sitzt Ute Hawerkamp, die gerade die Ausbildung zur Gespannprüferin ablegt, und Vera Peitzmeier (ganz rechts).

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Wico ist ein Held. Und das Beste daran: er weiß es nicht mal. Warum das gut ist? Na, weil Helden, die nicht wissen, dass sie welche sind, natürlich noch viel sympathischer sind. Wico hat spezielle Fähigkeiten, die er fast ausschließlich für das Gute einsetzt.

Zumindest aus Sicht seiner Halterin Christine Schneider. Um seinen Job zu erledigen, benötigt es Umsicht und eine ganze Menge an Konzentration. So trägt Wico außer seinem Geschirr noch eine Menge Verantwortung mit sich herum, wenn er im „Dienst“ für sein Frauchen ist. Auf dem Weg durch die Stadt, die mit allerlei kleinen und großen Hindernissen gespickt ist, kommt es oftmals allein auf seine situative Einschätzung an. Erkennt er eine mögliche Gefahrensituation, muss er entscheiden, was zu tun ist.

Tiere gehen in „Rente“

Natürlich finden sich sehbehinderte Menschen auch hervorragend mit einem Blindenlangstock zurecht. Der Nachteil bei dieser Hilfe besteht jedoch darin, dass nur Hindernisse in Bodennähe erkannt werden. Zudem erfordert das Gehen mit dem Langstock eine Menge Konzentration.

„Der Hund gibt mir eine enorme Freiheit“, sagt Christine Schneider. Sie spricht von der Freiheit, auch während eines Spaziergangs mal an andere Dinge denken zu können, außer daran, nicht irgendwo gegen zu laufen. Wico übernimmt dann das Sehen. Steht etwa ein geparktes Auto im Weg, sucht er eine Ausweichroute drum herum. Wicos geschulter Blick klebt nicht etwa am Boden, er erkennt beispielsweise auch herabhängende Äste als Gefahr, die ein Blinder mit Stock wahrscheinlich erst bemerken würde, wenn es schon zu spät ist.

Für sein Frauchen Christine Schneider, die bei der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg arbeitet, ist Wico bereits der fünfte Führhund. Denn den durchaus anstrengenden „Dienst“ können die Tiere meist nur acht bis zehn Jahre ausüben. Danach gehen die Vierbeiner in „Rente“. Christine Schneider gibt ihre Hunde dann in private Hände, damit diese „ihren Ruhestand auch richtig genießen können“, sagt sie mit einem Lächeln.

Der Job, der mit dem Anlegen des Geschirrs beginnt, ist für den Hund anstrengend, weil ständig Reize auf das Tier einwirken, sagt Schneider. Deswegen sollte man Wico und andere Führhunde im Geschirr auch nicht begrüßen oder streicheln, erklärt Schneider: „Der Hund ist immer noch ein Hund und lässt sich natürlich auch ablenken.“ Anderen Haltern rät sie, den Führhund nicht länger als anderthalb Stunden am Stück zu beschäftigen. Danach brauche das Tier eine Pause.  

Aber wer ist überhaupt geeignet, einen Blindenhund zu halten? „Man muss sich schon bewusst machen, dass das viel Arbeit ist“, sagt Christine Schneider. Der Hund müsse versorgt werden, er braucht Auslauf. Und gerade in diesen Tagen, wo es draußen kalt und nass ist, bringt der Vierbeiner natürlich auch einiges an Dreck von draußen mit in die gute Stube.  

Zu den Fragen der Haltung kommt jedoch  noch die der Eignung des Besitzers. Denn nur gut orientierte Sehbehinderte, die sich bestens mit dem Taststock fortbewegen, sollten die Hilfe eines Führhunds in Anspruch nehmen, erklärt Schneider: „Diese Menschen bewegen sich an sich schon sicherer im Verkehr und können den Hund bei ihren Aktivitäten in Beruf und Freizeit besser nutzen.“   

Bis zu 28 000 Euro

Blindenhunde sind wertvoll. Nicht nur auf der Vertrauensebene zum Sehgeschädigten, sondern auch schlicht aus finanzieller Sicht. Nach der Ausbildung (sechs bis neun Monate) kostet ein ausgebildeter Hund zwischen 18 000 und 28 000 Euro, erklärt Vera Peitzmeier, die als Landesreferentin für Blindenführhundangelegenheiten hessenweit arbeitet. Der Preis für ein Tier richtet sich dabei vor allem an der Ausbildungsstätte. „In Deutschland gibt es zwischen 50 und 80 Führhundeschulen“, sagt Peitzmeier.

Die vergleichsweise hohe Anzahl an Schulen sorgt auch für Kritik, sagt Schneider: Es sei wichtig, bei der Auswahl der Schulen gut zu schauen, da die nötige Wirtschaftlichkeit auch dazu führe, dass Schulen Hunde abgeben, die von vornherein nicht wirklich gut sind oder Hunde an Menschen abgegeben werden, die sich nicht eignen. Auch unterlägen die Ausbilder nur sehr eingeschränkt Prüfungen, ergänzt Peitzmeier. Um einen möglichst guten Ausbildungsbetrieb zu erkennen, hat Peitzmeier mit Kollegen aus ganz Deutschland an einen Fragenkatalog mitgearbeitet, den Interessierte bei den verschiedenen Einrichtungen abfragen können.

Die beliebtesten Führhunderassen sind nach wie vor Labrador und Golden Retriever. Weiterhin gefragt seien Pudel und Schäferhunde. „Jeder Hund ist ein eigenes Individuum“, stellt Peitzmeier jedoch nach der Aufzählung klar. Kein Tier verhalte sich wie das andere. Dies sei ein Grund, weswegen es immer wieder vorkomme, dass Hunde aus der Ausbildungsphase genommen würden. Aber auch danach sei längst nicht sicher, dass der ausgebildete Hund auch wirklich zum Halter passt und umgekehrt. Damit die Krankenkasse die Kosten für den Hund übernimmt, müssen deshalb beide noch einmal zusammen zu einer sogenannten Gespannprüfung.

Anhand der Alltagssituation wird das Zusammenspiel von Halter und Tier beobachtet und bewertet. Ute Hawerkamp absolviert derzeit eine Ausbildung zur Gespannprüferin. Im Fokus ihrer zukünftigen Arbeit steht die Überprüfung des Sicherheitsaspektes. Speziell wenn sich das Duo aus Hund und Mensch durch den Straßenverkehr bewegt. Dann müssen Kreuzungen überquert, Treppen genommen und vorher bestimmte Ziele aufgesucht werden.

Was Wico noch so alles kann? Zu den Grundkenntnissen eines jeden Führhundes gehören 30 bis 40 „Hörzeichen“. Dazu zählen „einfache“  Kommandos wie rechts und links, aber auch kompliziertere wie „Ampel“ oder „Bank“. Wico ist imstande, auf Kommando Türen, Verkaufsschalter oder Zebrastreifen zu finden – eben ein echter Alleskönner.

von Dennis Siepmann

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