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Freies Leben in „Palästen für alle“

Gemeinschaftswohnen Freies Leben in „Palästen für alle“

Den Traum vom selbstbestimmten Wohnen als Verbund organisieren und finanzieren die Bewohner der Ketzerbach 50 mithilfe eines Syndikat-Modells.

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Die Bewohner Hinrich Rosenbrock (von oben), Annette Sindermann, Yvonne Blank, Johanna Wehber, Olivia Yenui mit Tochter Oriana leben ihren Traum vom selbstverantwortlichen Wohnen in der Gemeinschaft.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Ziel des Gemeinschaftswohnens ist ein solidarischer Verbund aus selbstorganisierten Hausprojekten mit Immobilien als kollektivem Eigentum und günstigen Mietformen. Die in Vereinen organisierten Bewohner vermieten quasi an sich selbst und führen das Haus in Selbstverwaltung. Am Samstag luden die Bewohner aller Marburger Wohnprojekte zum Tag der offenen Tür samt Hausrundgang und Projektvorstellung im Zuge des zweiten bundesweiten Aktionstags der Bundesvereinigung „Forum Gemeinschaftliches Wohnen“ ein. So auch die Bewohner der Ketzerbach 50. Neun Erwachsene und fünf Kinder zwischen 1,5 und 51 Jahren leben in der selbstorganisierten Groß-WG zusammen. „Das System finde ich super, man lebt freier als ein normaler Mieter, mit mehr Verantwortung“, fasst Bewohnerin Yvonne Blank zusammen.

Aufgebaut und finanziert wird das Haus durch ein Syndikat-Modell. Bundesweit bilden rund 100 Hausprojekte und etwa 20 Projektinitiativen einen festen Verbund unter der Hand des bundesweiten „Mietshäuser Syndikats“. Jedes der autonomen Häuser innerhalb des Verbandes ist dabei Eigentum eines eigenen Vereins, nicht der einzelnen Bewohner. Als Rechtsform dient parallel eine GmbH.

Direktkreditgeber zahlen monatlich ab 100 Euro

Alle Projekte sind Mitglieder im Bundes-Syndikat. Der Dachverband ging aus der linksorientierten Hausbesetzerszene und Protestbewegung gegen steigende Mieten hervor. Er ist wiederum alleiniger Gesellschafter der „Mietshäuser Syndikat GmbH“, hält Anteile an sämtlichen Hausprojekten und übt somit eine Kontrollfunktion aus. Bei Aufgabe einer WG geht das Haus an den Verband zurück, wird somit gezielt dem Immobilienmarkt entzogen. „Auf diese Weise bleibt das Haus im kollektiven Verbund“, erklärt Bewohnerin Johanna Wehber.

Finanziert wird jeder neue Hauskauf durch Stammkapital der künftigen Bewohner, Vereinsvermögen, Zuschüsse des Syndikatsverbundes sowie durch Beteiligungen von bevorzugten Direktkreditgebern. Insbesondere Letztere sind Dreh- und Angelpunkt der Wohnprojekte, finanzieren diese doch durch monatliche Beträge ab 100 Euro aufwärts. Die Zinsen begleicht die Wohngruppe durch Mietzahlungen.

„Lieber 1000 Freunde im Rücken als Bank im Nacken“

Durch günstige Zinsen der Direktkredite von privater Hand sollen die Mieten gering gehalten werden - ganz nach dem Hausmotto „lieber 1000 Freunde/Freundinnen im Rücken als die Bank im Nacken“. Auch wenn die einmalige Anschaffung nicht ganz ohne Bankkredit vonstattengeht.

Später erwirtschaftete Überschüsse der langfristig angelegten Einzelprojekte fließen wiederum nach dem Solidarprinzip in neue Hausprojekte mit ein. „Es geht nicht um Gewinne, sondern um bezahlbaren Wohnraum und ein politisches Statement“, beschreibt Wehber den Hintergrund der Projekte. Ganz nach dem Motto „Paläste für alle“.

„Es ist eine tolle Idee, nicht immer unproblematisch, aber es funktioniert“, findet Mitbewohnerin Annette Sindermann. Die 51-Jährige wohnte bereits vor Projektstart 2004 in der Ketzerbach und rutschte als Nachbarin quasi in die Wohnform mit hinein. Für andere Mieter war das Hausprojekt fast schon Rettung in letzter Minute.

„Als Mutter mit Kleinkind fand ich einfach keine Wohnung - die WG kam da wie gerufen“, erzählt Olivia Yenui. Das neue Mitglied der Gemeinschaft hat schlechte Erfahrungen mit mehreren Vermietern aus Marburg gemacht - „Mütter mit Kind sind überall unerwünscht“, findet sie und ist froh, für sich und Tochter Oriana in der WG ein Zimmer gefunden zu haben.

von Ina Tannert

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