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Frauen brechen ihr jahrelanges Schweigen

Schläger-Prozess Frauen brechen ihr jahrelanges Schweigen

Am vierten Verhandlungstag gegen einen 26-Jährigen, der einer Vielzahl von Gewaltdelikten gegen mehrere Frauen beschuldigt wird, wurden zehn Zeugen gehört.

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„Wenn ich ihm widersprach, sagte er, er müsse mich erziehen, weil meine Eltern das versäumt hätten" sagte die Ex-Freundin des Angeklagten am vierten Verhandlungstag aus. Er wird wegen einer Vielzahl von Gewaltdelikten gegen mehrere Frauen beschuldigt.

Quelle: dpa

Marburg. Die Bild eines Menschen mit zwei Gesichtern verfestigte sich am Freitag: Einerseits war der Angeklagte offenbar auch der charmante, liebevolle und hilfsbereite Freund, dessen Gesicht sich aber in intimen Beziehungen nach einiger Zeit in die hässliche Fratze eines rücksichtslosen, Widerspruch nicht ertragenden und immer mehr zu körperlicher Gewalt neigenden Mannes wandelte.

Fünf Stunden lang, nur von einer kurzen Pause unterbrochen, hörte das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Dominik Best zehn Zeugen gegen einen 26-jährigen Marburger. Dieser ist wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, Bedrohung und Sachbeschädigung, begangen gegen mehrere seiner Ex-Partnerinnen in mehr als 20 Fällen, angeklagt.

Zu Beginn sagte die dritte der betroffenen Freundinnen, eine 24-jährige Autokauffrau, aus, die ab Oktober 2011 etwa zweieinhalb Jahre lang mit dem Beschuldigten ein Beziehung führte. Sie war damals schwanger, der Kindsvater hatte sie verlassen, nach dem Kennenlernen über eine gemeinsame Bekannte seien sie schnell ein Paar geworden.

„Wenn ich ihm widersprach, sagte er, er müsse mich erziehen"

„Anfangs war die Beziehung ziemlich überschwänglich, er nahm mir viel ab, ich durfte nicht schwer tragen. Ich wurde allmählich immer unselbstständiger. Nach einem halben Jahr ist er aggressiver geworden. Er hat damals noch seine alte Freundin verfolgt und immer mehr getrunken. Als ich einmal nicht mit ihm im Bett, sondern auf dem Sofa schlafen wollte, hat er mich geschlagen“, berichtete die junge Frau.

„Wenn ich ihm widersprach, sagte er, er müsse mich erziehen, weil meine Eltern das versäumt hätten. Er hat mich öfter in der Wohnung gestoßen. Einmal war mein Fuß von oben bis unten blau, eventuell war ein Zeh gebrochen, aber ich bin vor Angst nicht zum Arzt gegangen.“

Im Winter 2013 habe er sie „gefühlt eine Stunde lang gewürgt“ und zu ihr gesagt, dass sie sterben wolle und er ihr jetzt helfe werde, ihrem Leben ein Ende zu setzen. „Einmal stellte er mich unter die Dusche und hielt mich eine Viertelstunde unter dem kalten Wasserstrahl fest”, schilderte die Zeugin einige der Vorfälle, von denen es so viele gegeben habe, dass sie nicht mehr wisse, wann genau sie sich ereignet hätten.

Angeklagter hielt Kind Mund und Nase zu

„Wollten sie keine Amtshilfe in Anspruch nehmen?”, fragte Richter Best. „Nein, er drohte, dann dafür zu sorgen, dass man mir mein Kind wegnehmen würde”, erzählte die Zeugin unter Tränen. Ihre Tochter war im November 2011 zur Welt gekommen. Anfangs habe er sich gut um ihr Kind gekümmert, ihr aber später einmal, als sie schrie, Mund und Nase zugehalten.

Die Mutter des Angeklagten, zu der sie einmal geflüchtet sei, sowie dessen Schwester hätten ihr geraten, ihn fallen zu lassen. Aus Angst habe sie ihn so lange nicht verlassen, außerdem habe sie geglaubt, Schuld an den Problemen zu sein, weil er ihr dies eingeredet habe.Schließlich ging sie doch zur Polizei, nachdem der Beschuldigte ihr Auto komplett mit einer abnehmbaren Anhängerkupplung demoliert hatte. Dann zog sie die Anzeige aber wieder zurück, nachdem er gedroht hatte, falls sie dies nicht tue, bräuchte sie einen guten Gesichtschirurgen. Lange öffnete sich die Zeugin nicht gegenüber ihren Eltern und Freunden.

Plädoyers und Urteil für den 8. Oktober geplant

„Irgendwann habe ich doch mit ihnen geredet und gemerkt, dass viele Leute hinter mir stehen, dann meinen Mut zusammengefasst und die Anzeige gestellt”, sagte die junge Frau. Auch nach Trennung und Auszug sei es noch nicht vorbei gewesen. Ihr Ex-Freund habe viele Sachen von ihr nicht herausgegeben, nachdem er das Wohnungsschloss gewechselt hatte, und sie verfolgt, mit seinem Wagen mehrfach ihren blockiert, sei dann ums Auto herumgegangen und habe gegen die Scheiben geschlagen, sie angeschrieen. Sie habe sie sich nur noch in Begleitung in die Stadt getraut und sich von der Arbeit abholen lassen.

Die Mutter der 24-Jährigen schilderte, dass ihre Tochter irgendwann wie fremdgesteuert gewirkt und ihr Freund immer für sie geantwortet habe. Auch andere Zeugen beschrieben die junge Frau als wenig durchsetzungsfähig. Mehrere Zeugen, die zum Teil angaben, sehr gut mit dem Angeklagten befreundet gewesen zu seien, schilderten ihn als ursprünglich freundlich und hilfsbereit. Bei Verschlechterungen in den Beziehungen zwischen ihm und seinen jeweiligen Freundinnen seien sie teilweise von ihm um Vermittlung gebeten worden.

Nachbar: "Er war immer sehr dominant"

Anhand einzelner Vorfälle, deren Beobachter sie wurden, erkannten sie, dass es eine gewalttätige Seite in dem scheinbar netten Menschen gebe. Einige hatten einzelne der Nachstellungen des Beschuldigten auf Parkplätzen miterlebt, wobei teils dessen neue Freundin, jetzt Nebenklägerin im Prozess, in dessen Auto gesessen hatte. Sehr ausführlich schilderte ein 34-jähriger Nachbar des Angeklagten, der diesen seit neun Jahren kannte und der nach der letzten Trennung eine Weile bei ihm gewohnt hatte: „Er war immer sehr dominant, musste immer das letzte Wort haben. In manchen Situationen wusste ich nicht, ob ich die Polizei rufen sollte, seine Hände waren schon über dem Kopf. Er besitzt auf jeden Fall Aggressionspotenzial, meist gegen Frauen gerichtet.“

Am Ende beantragte der Verteidiger, als weitere Beweismittel einige Handy-Nachrichten zu lesen, die sich die Beteiligten gesendet hatten. Geplant ist, dass am 8. Oktober um 14 Uhr die Plädoyers gehalten werden und das Urteil verkündet wird.

von Manfred Schubert

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Von Redakteur Anna Ntemiris

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