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Frau gibt bei "Seebären" den Takt an

Marburger Gesangsgruppe "Shanty-Tafel" Frau gibt bei "Seebären" den Takt an

Seit Jahren wird allent­halben das Chöre-Sterben beklagt. Indessen wurde 2011 in Marburg eine neue Gesangsgruppe geboren: die Shanty-Tafel.

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Zuletzt gab die Shanty-Tafel Marburg im Restaurant und Café der Altenhilfe St. Jakob in Cölbe ein Konzert.

Quelle: Hartmut Berge

Marburg. Sie singen vom Meer, von der Freiheit, der Sehnsucht der Matrosen, und vermitteln ihren Zuhörern Eindrücke von der Reeperbahn nachts um halb eins.

Die Rede ist von der Shanty-Tafel Marburg. Wer sie bei ihren Auftritten erlebt, wird von einem Chor sprechen. Doch Brigitte Kolb, die musikalische Leiterin der sangesfreudigen Männer, klärt auf: „Wir betreiben ein offenes Singen. Der Shanty-Gesang ist - im Unterschied zum Chorgesang - einstimmig, alle singen die Hauptmelodie.“ Es kommt zupass, dass einige Mitglieder der Herren-Riege in Chören aktiv waren oder noch aktiv sind. Sie sind bei den Shanty-Freunden gestrandet und „singen schon mal von sich aus eine zweite Stimme“.

Die Herbornerin Brigitte Kolb versteht sich nicht als Dirigentin, sie begleitet die Shanty-Tafel bei deren Auftritten und den Gesangsstunden auf dem Schifferklavier.

Der Beiname „Tafel“ erklärt sich beim Besuch der offenen Singstunden, die in der Regel jeden ersten Freitag im Monat im Seminarraum des Begegnungszentrums, Auf der Weide 6, in Marburg stattfinden: Die Herren sitzen beim Proben an einer langen Tafel. Das ist unter anderem dem etwas höheren Alter der Sangesfreunde geschuldet.

Idee entstand auf dem ersten Hafenkonzert in Marburg

Und wie kam es zum Zusammenschluss der Shanty-Freunde? Sie habe gemeinsam mit Bettina Wolf von der Marburger Altenhilfe St. Jakob das erste Hafenkonzert in Marburg besucht, berichtet Brigitte Kolb.

„Auf dem Gelände der früheren Lahnparkplätze sang eine Shanty-Gruppe aus Mittelhessen. „Das müsste man doch auch für Marburg hinkriegen“, habe Wolf damals gesagt und dabei vor allem an die männlichen Bewohner des Seniorenzentrums gedacht. Gesagt, getan: Wolf trommelte etwa ein Dutzend Interessierte zusammen, Kolb wurde als musikalische Begleiterin engagiert, die Shanty-Tafel Marburg war geboren.

Der eine oder andere sprang im Laufe der Jahre ab, neue kamen hinzu. Der Kreis beschränkte sich nicht nur auf Bewohner, auch erfahrene Sänger von aufgelösten Chören kamen hinzu. „Inzwischen kommen bis zu 20 Mann zu unseren offenen Singstunden“, freut sich Brigitte Kolb. Nicht selten stehen bei den Proben die Türen offen. „Viele Frauen sind traurig, dass nur Männer mitsingen dürfen. Sie sitzen dann im Foyer“, beschreibt sie.

Damit auch andere die bekannten Lieder mitträllern können und mehr Menschen in den Genuss des Gesangs kommen, tritt die Shanty-Tafel zwei- bis dreimal im Jahr im Café des Begegnungszentrums auf. Auch andernorts sind sie zu hören, sangen etwa bei einem Konzert in Borken.

Inzwischen leitet Kolb auch die Shanty-Crew Herborn. „Damals bin ich für den Akkordeon-Spieler eingesprungen und dabei geblieben“, berichtet sie. Brigitte Kolb war 25 Jahre lang bei der Musikschule Fröhlich beschäftigt. Vor sieben Jahren schied sie aus, konnte aber nicht ganz vom Musizieren mit ihren Mitmenschen lassen.

Herrenrunde hat bis zu 90 Lieder im Repertoire

Über eine Musik-Therapeutin kam sie zum Seniorenzentrum am Aaartalsee, bot dort alle zwei Wochen Volksliedersingen an. Ihre musikalischen Angebote fanden auch in Marburger Einrichtungen Interesse. Hatte sie es früher mit jungem Publikum zu tun, so hat sie jetzt die ältere Generation schätzen gelernt. „Die Senioren sind sehr dankbar, Hauptsache, es wird Musik gemacht“, sagt Kolb.

Die Musik, in erster Linie Seemannslieder, die einst Hans Albers und Freddy Quinn als Solisten zum Besten gaben und heute mit der Band Santiago eine Renaissance erleben, ist auch das, was die Shanty-Tafel Marburg verbindet.

„Unser Repertoire beschränkt sich nicht nur auf Shantys“, berichtet Günter Raab. Er fungiert bei Auftritten als Moderator, gibt Erläuterungen zu Liedern und trägt auch das eine oder andere Gedicht vor. 80 bis 90 Lieder könne man vortragen, darunter auch bekannte Volkslieder, berichtet Raab. „Wir können alleine mit unseren weihnachtlichen Liedern eine Stunde Konzert füllen“, sagt er. Die Shanty-Tafel werde auch schon mal privat gebucht, beispielsweise zu Geburtstagen. Oftmals hätten die Jubilare eine maritime Vergangenheit, sagt Raab. Auch einige der Sänger haben eine alte Verbindung zum Meer. So auch Günter Raab, der selbst passionierter Segler war. Einer seiner Brüder fuhr 50 Jahre zur See, davon 40 Jahre als Kapitän.

Gesungen wird, was gefällt

So verwundert es nicht, dass die Herrenrunde in erster Linie Seemannslieder singt. Beim offenen Singen probiere man einiges aus. „Manchmal bringen die Männer neue Noten mit“, berichtet Brigitte Kolb. Gesungen wird, was gefällt. Das soll auch so bleiben.

Die musikalische Leiterin freut sich, dass die Männer „immer professioneller werden“. Anfangs trug man bei Auftritten weiße T-Shirts, inzwischen Fischerhemden, Mützen und Schals. Seit dem jüngsten Auftritt im voll besetzten Restaurant der Hausgemeinschaften St. Jakob in Cölbe zieren die Hemden eigens entworfene Embleme. Auch ein Mikrofon wurde angeschafft. „Alles in Regie der Männer“, lobt sie.

Wer Interesse habe, bei der Shanty-Tafel Marburg mitzusingen, sei herzlich willkommen, betont Brigitte Kolb. Die nächste Singstunde findet am Freitag, 5. Februar, von 16 bis 17 Uhr im Seminarraum des Begegnungszentrums Auf der Weide statt. Zu sehen und zu hören ist die Shanty-Tafel Marburg unter anderem beim nächsten Hafenfest.

von Hartmut Berge

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