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Hygiene

Forscher will Angst vor Keimen nehmen

"Resistente Keime sind keine Seuche, die man ausrotten kann. Die meisten dieser Keimarten brauchen wir, am liebsten natürlich ohne Resistenz", sagt Professor Michael Lohoff.
Die Debatte um resistende Keime ist gleichzeitig eine, die sich um Hygiene in Krankenhäusern dreht. Archivfoto

Die Debatte um resistende Keime ist gleichzeitig eine, die sich um Hygiene in Krankenhäusern dreht.

© Stephanie Pilick

Marburg. Der Marburger ist Leiter des Instituts für medizinische Mikrobiologie und als solcher Nachfolger von Emil von Behring. Er plädiert für „mehr Ehrlichkeit“ in der Debatte um Krankenhaushygiene und Krankenhauskeime (etwa MRSA- oder ESBL-Keime). Anlass: Vor Ostern hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einen Zehn-Punkte-Plan gegen Krankenhauskeime verkündet.

„Das Risiko, sich einen Keim einzufangen, der gegen Medikamente resistent ist, ist beim Verzehr eines Hühnchens aus dem Supermarkt um ein Vielfaches höher als im Zusammenhang mit einem Krankenhausaufenthalt“, sagt Lohoff (Archivfoto). Er bezieht sich auf Untersuchungen von 2012 und 2013. Je nach Studie hatten Verbraucherschützer oder Wissenschaftler Hühnerfleisch etwa aus den Kühlregalen von Discountern und Supermärkten, wie sie auch in Marburg angeboten werden auf antibiotika-resistente Keime untersuchen lassen.

Bloße Existenz dieser Keime ist  noch kein Grund zur Panik

Erschütterndes Ergebnis: Fast jede zweite Probe war belastet mit ESBL-Bakterien (Bakterien, die einen Stoff bilden, der Penicilline unwirksam macht) oder MRSA-Bakterien (multirestistenter Staphylococcus aureus). „Ein Ergebnis der Massentierhaltung“, sagt Lohoff. Und eine einfache Quelle, sich mit diesem Keim beim Auspacken vor dem Kochen zu besiedeln.

Ein Großteil der gefundenen Keimarten kommt beim gesunden Menschen in nicht so resistenter Form normalerweise vor. Die bloße Existenz dieser Keime ist also noch kein Grund zur Panik: So siedeln sich ESBL- und MRSA-Bakterien beispielsweise im Darm an oder auf der Haut, ohne dass diese Menschen erkranken. Jeder Dreißigste, so schätzt Lohoff, hat MRSA-Bakterien in der Nase. Anders formuliert: Viele Mensch tragen resistente Keime in sich, ohne etwas davon zu ahnen.

Betroffene tragen Erreger oft lange in sich

Erst wenn die Bakterien über Wunden oder - im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung - durch Schleimhäute in den Körper gelangen, kann eine Infektion ausbrechen, die oft nur schwer zu behandeln ist. Häufig gelangen auf der Intensivstation auch Keime aus dem Magen über die Luftröhre in die Lunge - mit teils schweren Folgen für die Patienten. Der Aufwand, der in Kliniken betrieben werde, um Menschen vor Ansteckung mit multiresistenten Keimen zu schützen, sei natürlich gerechtfertigt, sagt Lohoff. Dies liege an der besonderen Anfälligkeit der Patienten. Anders sei dies aber bei Menschen, die etwa in einem Pflegeheim leben: Soll jemand, der bisher keine besonderen gesundheitlichen Auffälligkeiten zeigte, isoliert werden, wenn bei ihm multiresistente Keime festgestellt werden? Ist es ethisch zu verantworten, einen bislang vergleichsweise mobilen Menschen in seiner letzten Lebensphase von allen sozialen Kontakten abzuschneiden?

Lohoff beantwortet diese Frage mit Nein: In vielen Fällen trägt der Betroffene die Keime schon Jahre in sich und habe keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Diesem Vorgehen entspricht auch die aktuelle Empfehlung des Robert-Koch-Institutes.

Was also gegen die Resistenzen tun? Lohoffs Vorstellungen: Massentierhaltung verbieten, Fleischkonsum reduzieren und genau auf die Quelle von Fleisch achten, auf bestimmte Antibiotika, die von Hausärzten schon mal „prophylaktisch“ verschrieben werden, zu verzichten, zielgerichtete Therapie mit möglichst passgenauen Antibiotika in der Klinik, um die Verwendung der Resistenz-auslösenden „Breitspektrum-Antibiotika“ einzuschränken - kurz: Auf allen Ebenen Antibiotikagabe vermeiden, um die Anreicherung resistenter Keime zu vermindern.

von Till Conrad


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