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Forscher sucht Dialog mit Islamisten

Forschungsprojekt Forscher sucht Dialog mit Islamisten

Der deutsche Dialog mit den moderaten Islamisten wird fortgesetzt: Marburger Forscher erhalten für dieses Folgeprojekt knapp 500000 Euro vom Auswärtigen Amt.

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Die politisch explosive Lage im Nahen und Mittleren Osten erschwert Marburger Forschungsvorhaben.

Quelle: dpa

Marburg. „Uns geht es bei unserem Forschungsprojekt vor allem um die Frage, wie die Akteure der moderaten islamistischen Parteien politisch denken“, erläutert Professor Rachid Ouaissa, der am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) das Projekt leitet. Im Fokus stehen drei Kernländer des „Arabischen Frühlings“: Tunesien, Libyen und Ägypten. Innerhalb kurzer Zeit hätten nach dem Sturz von Diktatoren dort moderate islamistische Parteien entscheidende Funktionen erhalten und seien nach Wahlerfolgen sogar zeitweise an der Macht gewesen - wie die Muslimbruderschaft in Ägypten.

Für den Westen sei es deswegen besonders wichtig zu erfahren, wie diese neuen Akteure im Nahen Osten oder Nordafrika ticken. Bereits in zwei Vorgänger-Projekten hatten die Marburger Forscher aus Ouaissas Arbeitsgruppe dabei mehrere Konferenzen mit Treffen zwischen Politikern aus dem Nahen Osten sowie Diplomaten und Politikern aus Deutschland organisiert. Die entscheidende Frage sei, welche Hilfestellungen es von Deutschland aus für eine Demokratisierung in den früher häufig von autoritären Regimen regierten Staaten geben könne.

In den bisherigen Treffen sei es unter anderem um die Themen „Staat und Verfassung“, „Soziale Fragen und Jugend“ oder „Ökonomie“ gegangen. Dabei sei deutlich geworden, dass die Vertreter der islamistischen Parteien von deutschen Modellen lernen wollten. Dieses gelte beispielsweise auch für die Frage, wie man nach einer Diktatur mit den Tätern umgehe.

Beim Folgeprojekt wollen die Forscher nun noch mehr in die Tiefe gehen. Bei dem deutsch-arabischen Dialog werde natürlich immer die Frage gestellt, ob die Dialogbereitschaft der islamistischen Parteien nicht nur eine „Show der Islamisten“ darstelle und gar nicht ernst gemeint sei, so Ouaissa.

Keine Überraschung, dass IS so schnell so mächtig geworden ist

Die Aufbruchstimmung, die es noch vor wenigen Jahren in zahlreichen Ländern des Nahen und Mittlern Ostens gab, kann Ouaissa derzeit nicht mehr feststellen. „Aus dem arabischen Frühling ist ein eiserner Winter geworden“, meint Ouaissa.

Die zunehmend politisch explosivere Lage in weiten Teilen der Region erschwere den Dialogprozess nicht unerheblich, erläutert der Marburger Politikwissenschaftler und Nahost-­Experte.

Es sei aber wichtig, die gewaltverurteilenden islamistischen Parteien nicht abzustempeln oder zu isolieren - vor allem seitdem die Terrororganisation „Islamischer Staat“ weltweit in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gerückt sei. Dass dieses so sei, sei keine Überbewertung. Den IS bezeichnete der Marburger Forscher vielmehr als „Verkörperung des Bösen“. Dass diese Organisation innerhalb kurzer Zeit eine so große Bedeutung gewonnen habe, sei für ihn keine Überraschung, betonte Ouaissa.

Forschung zu Jihad und Islamischer Staat

Terrororganisationen wie IS hätten es besonders leicht, in „staatsfreien Räumen“ zu wachsen. Und genau diese Räume gebe es im Irak und in Syrien und sie böten den idealen Nährboden für solche Gruppierungen. Mit den drei weltweit im Internet nachzuverfolgenden Enthauptungen habe der „IS“ schnell weltweit auf sich aufmerksam gemacht. „Umso mehr Sorgen sich der Westen macht, umso mehr Mitglieder wird IS anwerben“, warnt ­Ouaissa. „Man kann sie mit Waffen bekämpfen und bombardieren. Aber man muss sich auch argumentativ mit ihnen auseinandersetzen. Und das können am effektivsten die Vertreter der islamistischen Parteien machen“, erklärt der Marburger Politikwissenschaftler. In diesem Sinne sei es auch sehr wichtig gewesen, dass die Repräsentanten der Moscheen in Deutschland jetzt deutlich gegen „IS“ protestiert hätten.

Am Marburger Zentrum soll es künftig Forschungsprojekte zum Thema „Islamischer Jihad“ und „Islamischer Staat“ geben, kündigte Ouaissa an. Dass es solche Projekte bisher kaum gebe, liegt nach Ouaissas Darstellung auch daran, dass die Forschung gefährlich ist, beispielsweise wenn es um Interviews gehe. Andererseits gebe es bisher außer „Youtube“-Videos kaum genügend Quellenmaterial als Basis für eine Forschung, die über den Bereich des Spekulativen hinausgehe.

Trotz der derzeit beunruhigenden Nachrichten in Bezug auf „IS“ gibt der Marburger Wissenschaftler aber dennoch wenigstens eine positive Prognose ab. Aus seiner Sicht wird sich IS nur als ein „vorübergehendes Phänomen“ entpuppen. Das liege unter anderem an der geostrategischen Lage des sogenannten „Islamischen Staates“ in ­Teilen von Irak und Syrien, der im ­Gegensatz zu Ländern wie Afghanistan, in denen es jahrzehntelang Krieg und Bürgerkrieg gab, nicht aus unwegsamen Bergregionen bestehe.

Das Forschungsprojekt

„Islamisten im regionalen Transformationsprozess: Dialog und Dokumentation“: Das ist der Titel des Forschungsprojektes des Centrums für Nah- und Mitteloststudien der Marburger Universität, das von Professor Rachid Ouaissa geleitet wird. Zusammen mit seiner Arbeitsgruppe will der Politologe die Politik und Strategien moderat-islamistischer Parteien analysieren. Dabei geht es um Grundlagenforschung und Politikempfehlungen für die deutsche Politik. Gefördert wird das Vorhaben mit einer Laufzeit von anderthalb Jahren, das Anfang des Monats offiziell angelaufen ist, vom Auswärtigen Amt mit 477 000 Euro. Im Fokus des Projektes stehen beispielhaft die drei Staaten Tunesien, Libyen und Ägypten. Geplant sind Länderkonferenzen und Expertenseminare, bei denen Abgeordnete des Bundestags mit Vertretern der islamistischen Parteien reden. Zudem soll es einen Austausch mit Wissenschaftlern aus den drei Ländern geben. Geplant ist auch Feldforschung – unter anderem in Tunesien, Libyen, Katar, Großbritannien, der Türkei und den USA.

Die Forschungsgruppe:

Alexander Lohse (vorne von links), Professor Rachid Ouaissa, Yasmina Tarhbalouti, Philipp Hofmann sowie (stehend von links:) Verena Fibich, Ivesa Lübben, Julius Dihstelhoff und Heidi Reichinnek erforschen moderate islamistische Parteien. Foto: Eckstein/Uni-Pressestelle

von Manfred Hitzeroth

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