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Forscher öffnen Fenster in Vergangenheit

Kirchen-Fund Forscher öffnen Fenster in Vergangenheit

Die zweite Lehrgrabung der Marburger Universität in Leun bei Wetzlar brachte weitere Überreste einer der ältesten Kirchen der Region zutage.

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Professor Felix Teichner erläutert Bürgern aus Leun erste Grabungsergebnisse (großes Bild). Auch die Reste eines Brunnens werden freigelegt.

Quelle: Tobias Hirsch

Leun. Direkt neben der Bundesstraße B 49 zwischen Wetzlar und Burgsolms unweit von Leun befindet sich auf einem Acker eine Grabungsfläche, die Marburger Archäologen ein hochinteressantes Fenster in die Vergangenheit öffnet. Unter großem Interesse der Bevölkerung präsentierten Projektleiter Professor Felix Teichner und Grabungsleiter Robin Dürr (beide vom Fachgebiet Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Uni Marburg) am Mittwoch ihre Funde, die näheren Aufschluss über die Baugeschichte der ehemaligen Martinskirche in Leun (Lahn-Dill-Kreis) geben.

Beim Bau der Straße 1971 war die archäologische Fundstelle entdeckt worden. Doch erst 2015 begannen die  Archäologen der Uni Marburg mit der umfassenden Freilegung. Auf den beiden Flurstücken mit dem Namen „Martinskirch“ und „Martinsfeld“ wurden von dem Team bereits im letzten Jahr die ersten Überreste der wahrscheinlich im 8. Jahrhundert errichteten und wohl im 13. oder 14. Jahrhundert aufgegebenen Kirche und des angrenzenden Kirchhofs freigelegt.

Damals  wurde an der westlichen Kirchenmauer unter anderem ein Kollektivgrab gefunden. Bei der Kampagne in diesem Jahr gingen die Grabungen ab dem 18. Juli vor allem im Bereich der Kirche noch mehr in die Tiefe. Dabei entdeckten die Forscher überraschende Neuigkeiten zu den Umrissen der früheren Leuner Kirche. Entgegen der bisherigen Annahmen habe sie keine rein einschiffige Form gehabt, sondern sei eine besonders aufwändig gestaltete „Drei-Konchen-Kirche“ gewesen.

Wie Glocke zerstört wurde, das bleibt Spekulation

Das heißt, an das Kirchenschiff schlossen sich wohl kleeblattförmig drei Chöre an, erläutert Professor Teichner. Neben der genaueren Bestimmung der Umrisse der Kirche gab es auch einige interessante Funde: So wurden am ehemaligen Kirchhof Reste eines Brunnens freigelegt, bei dem ein Kugeltopf (rundes Foto) mit Brandspuren aus dem 12. Jahrhundert gefunden wurde, der bis auf ein fehlendes Stück nahezu komplett erhalten war. Als „einzigartig“ bezeichnete Grabungsleiter Robin Dürr im Gespräch mit der OP den Fund des Fragments einer ehemaligen Kirchenglocke. Sie war bereits bei den vorbereitenden Arbeiten im Frühjahr von einem Landwirt entdeckt worden, als das Erdreich mit einem Pflug abgetragen worden war.

„Es ist nicht so häufig, dass ein Glockenstück so gut erhalten geblieben ist“, freut sich Dürr. Rund 30 Kilogramm schwer ist das aus einer Kupferlegierung bestehende Teil, bei dem die charakteristische Glockenform klar erkennbar ist. Das gesamte Exemplar der Glocke muss ein Gewicht von rund 150 Kilogramm gehabt haben. Wie die Glocke zerstört wurde, das bleibt bisher Spekulation. Nach einer ersten Einschätzung des Glockenexperten und Glockengießers Hanns Martin Rincker stammt das Glockenfragment aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. „So ein wertvolles Stück konnten sich früher nur hohe Herren leisten“, meint Rincker. Auch weitere kleine Funde wie zwei Silbermünzen wurden bisher gemacht.

Bis zu 20 Studierende machen bei der Grabung des Schwerpunktes Landesarchäologie der Uni Marburg mit, die von der Landesbehörde „hessen archäologie“ genehmigt worden war und mitfinanziert wurde. „Sie erlernen unter anderem den richtigen Umgang mit den Grabungswerkzeugen“, erläutert Robin Dürr. Die praktischen Fragen ergänzen den theoretischen Unterricht an der Uni ideal. Zudem lernen die Studierenden moderne Untersuchungsmethoden wie den Einsatz von Drohnen zur archäologischen Erkundung. „Es macht viel Spaß. Das ist nicht nur ein Pflichtpraktikum“, sagt Student Niklas Weber, der bereits zum zweiten Mal an einer Grabungskampagne teilnimmt.

von Manfred Hitzeroth

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