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Forderung nach mehr Denkmälern für Frauen

Berühmte Marburgerinnen Forderung nach mehr Denkmälern für Frauen

Für die Quote: In Marburg sollen Straßennamen vorrangig nach Frauen benannt werden. Die Liste der Kandidatinnen ist lang. Doch immer noch gibt es viel mehr Ehrungen für Männer. Was ist Ihre Meinung? Sagen Sie es uns in den Kommentaren, oder per Facebook.

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Der bislang letzte Frauenname auf 
einem Straßenschild: Louisa Biland. Nach der Künstlerin, die 2008 verstarb, wurde das Areal vor dem Landestheater benannt.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Christa Winter hat eine Mission. Sie hat sie sich selbst gewählt, damals, vor mehr als 20 Jahren. Die Gleichstellungsbeauftragte kämpft dafür, dass Marburgs blau-weiße Straßenschilder häufiger die Namen von Frauen tragen. Und seit geraumer Zeit macht sie von einem Mitspracherecht gebraucht - jede Vorlage mit Neu- oder Umbenennungen von Straßenzügen wandert über ihren Schreibtisch, sie nickt ihn ab oder legt ihr Veto ein, entwirft Gegenvorschläge.

„Frauen und ihre Leistungen waren und sind klar unterrepräsentiert“, sagt Winter. Es gebe eine Vielzahl bedeutender Frauen in der Stadtgeschichte, nur haben diese kaum Platz im Stadtbild. Von den 80 zwischen 1992 und 2011 neu benannten Straßen entfällt ein Viertel auf Männernamen. 60 Prozent sind mit Naturnamen besetzt, 16 Prozent tragen weibliche Namen. Eine Steigerung - doch von Gleichstellung noch keine Spur. Das belegt auch der Blick auf die Gesamtstatistik: Von den rund 800 Straßen in Kernstadt und Außenstadtteilen trägt weniger als jede Fünfte einen Frauennamen. „Im Grunde ist ein Teil der Geschichte und der Identität dieser Stadt nicht präsent“, sagt Dr. Marlis Sewering-Wollanek. Würde man die Quote offensiver vorantreiben, animiere das Frauen dazu, sich in der Gegenwart noch stärker zu engagieren.

Im Stadtwald sind die Frauen stark vertreten

Rechtliche Grundlage für Christa Winters Ringen um mehr öffentliche Frauenpräsenz ist ein Magistratsbeschluss aus 1993, welcher ihr Mitentscheidungs-Befugnisse erteilt. Sie sei, so der Wortlaut, von Beginn an in die Planungen einzubeziehen. Anfang der 1990er lag die Quote weiblicher Straßennamen in der Stadt bei 1,6 Prozent - vor allem wegen der massiven Bauarbeiten im Stadtwald schoss die Zahl binnen zehn Jahren in die Höhe.

Die Siedlung auf dem Tannenberg - es ist die größte Ansammlung von Frauennamen in Marburg. Doch liegen sie geografisch abseits. „Für Hanno Drechsler wurde eine Fläche aus dem Nichts gezimmert. Da ging etwas, das ich mir auch für Frauen wünschen würde“, sagt Marita Metz-Becker, Professorin am Fachbereich Ethnologie. Bei den Töchtern der Stadt werde jedoch immer skeptisch gefragt, ob diese denn überhaupt berühmt seien. „Aus Unwissenheit. Ex-Kommunalpolitiker kennen viele noch irgendwie, dann hört es aber oft auf“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Bewegung will weiter ins Zentrum drängen. Der Elisabeth-Blochmann-Platz, die Marie-Luise-Haeuser-Brücke und zuletzt, 2012 der Louisa-Biland-Platz nahe des Theaters am Schwanhof deuten den Trend an.

„Eine Adelige etwa passt nicht ins Waldtal“

Dass es lokale Figuren sind, die ein Viertel prägen und auch dessen Lebensgefühl entsprechen, ist Winter wichtig. „Eine Adelige etwa passt nicht ins Waldtal“, sagt sie. Und auf Biegen und Brechen Frauennamen durchdrücken, möchte sie auch nicht. „Sich gegen Würdigungen von bedeutenden Personen wie Hanno Drechsler oder Willy Sage zu sperren, geht nicht“, sagt sie.

Eine 50:50-Quote Das müsse nicht zwingend sein, aber das Gesamtverhältnis müsse ausgeglichener sein, sagt Sewering-Wollanek. Zudem solle es der historischen und überregionalen Bedeutung von Personen angemessen sein. An einer zu leisen Lobby für eine wichtige weibliche Person dürfe es nicht scheitern. Ihre Forderung: „Mehr historisches Bewusstsein, mehr Mut und Selbstbewusstsein der Frauen in den Fraktionen im Parlament, in den Parteien und in der Bevölkerung.“

Wann immer Entscheidungen anstehen, zückt Christa Winter eine Liste mit möglichen Namensvorschlägen. Dutzende Kandidatinnen kommen demnach in Frage: Anne Marie Heiler, Else von Behring, Dorothea Hillmann, Ingeborg Weber-Kellermann, Mathilde Vaerting, Dina Lucas, Marie-Luise Kaschnitz.

Denkmal für Professoren-Dienstmädchen

„Es fehlt aber auch ein Denkmal für die Tausenden Dienstmädchen die über Jahrhunderte in Marburgs Professoren-Haushalten schufteten“, sagt Metz Becker. Im Stadtbild sei nichts von den teils düsteren Frauenschicksalen zu sehen. „Aber Plaketten an Häusern, vor allem Straßennamen und Statuen befeuern die Erinnerungskultur.“

Je nachdem, wie die neue Wohnfläche an der Alten Gärtnerei geplant werde, könnten dort neue Querstraßen entstehen. Oder in Neubaugebieten in den Außenstadtteilen - und somit neue Chancen für verdiente Frauen, als Schriftzug auf einem Schild zu stehen, sagt Winter. Umbenennungen, etwa Wege mit nicht-regionalen Namen, soll es vorerst nicht geben. Das sei die Lehre aus den Friedrichsplatz-Protesten. „Da wurde ganz klar sichtbar, dass sich die Anwohner sehr deutlich mit ihren Straßen identifizieren“, sagt sie.

Ohnehin gebe es, oft angestoßen durch die Ortsbeiräte, einen Trend zu unverfänglichen Naturnamen wie etwa Am Grabenacker, Hasenberg oder Rabenwiese. „Es muss wirklich nicht alles nach Persönlichkeiten benannt werden. Aber wenn Biografien gewürdigt werden, muss die Quotierung auch voll greifen. 50:50 ist dann das langfristige Ziel“, sagt Metz-Becker.

Eine Favoritin auf ein eigenes Straßenschild gibt es allerdings: Else von Behring (Rotes Kreuz). „Sie sollte stärker im Marburger Bewusstsein verankert sein“, sagt Sewering-Wollanek. Andere deutsche Kommunen planen unterdessen, Marburgs Quoten-Beispiel zu folgen - etwa Greifswald.

Hintergrund:

Die Stadtverwaltung veröffentlichte 2012 das Buch „Berühmte und vergessene Frauen in Marburg – 45 Biografien aus 800 Jahren Marburger Frauengeschichte“. Darin finden sich auch Listen der 80 letzten Straßennamen, die seit 1992 – ein Jahr vor der Einführung der Quotenregelung – vergeben worden sind.

von Björn Wisker

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