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Folgt Erna Düker auf Walter Voß?

Nach NS-Studie Folgt Erna Düker auf Walter Voß?

Der Walter-Voß-Weg soll umbenannt, der Karl-Theodor-Bleek-Platz auf den Prüfstand kommen: Das fordern die Linken im Nachgang der Studie zur NS-Belastung der Marburger Kommunalpolitik.

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Der Walter-Voß-Weg verläuft am Ortenberg nahe der Georg-Voigt-Straße und des Spiegelslustwegs.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Walter-Voß-Weg befindet sich oberhalb der Georg-Voigt-Straße am Ortenberg, der Bleek-Steg führt als Brücke vom Südbahnhof-Vorplatz - der ebenfalls nach ihm benannt ist - zur Straße Am Krekel. Henning Köster-Sollwedel, der mit den Linken die nun vorgestellte Studie zur NS-Vergangenheit der Marburger Stadtverwaltung und Stadtverordnetenversammlung anstieß, will Ex-Oberbürgermeister Voß nachträglich alle Ehrungen (unter anderem Verdienstmedaille) aberkennen und den nach ihm benannten Weg in „Erna-Düker-Weg“ umfirmieren.

Sie war die Ehefrau des Psychologie-Professors Heinrich Düker, der von 1947 bis 1967 in Marburg lehrte. Wie Sarah Wilder, eine der Autoinnen der in dieser Woche vorgestellten NS-Studie erläutert, war Erna Düker als aktives Mitglied des sozialistischen Kampfbunds in Berlin eine Verfolgte, Verhaftete und Verurteilte des NS-Regimes und kam 1945 nach Marburg, wo sie später SPD-Stadtverordnete wurde und sich etwa gegen das Vorhaben der Rück-Benennung des Krummbogens in Hindenburgring positionierte. „Sie wäre der Ehrung würdig“, sagt Köster-Sollwedel.

Vor Bleek-Bewertung soll weiter geforscht werden

So konkret und früh will sich Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) nicht festlegen: „Jetzt sind Debatten über die Konsequenzen zu führen - wir werden nicht nur über Umbenennungen, sondern auch über Gedenkorte reden müssen“, sagt er, der die Auflage der Studie ungeachtet der Haushaltslage als Stadtschrift versprach.

Schwieriger wird es für die Stadtverordneten trotz des kritischer gewordenen Blicks auf Karl-Theodor Bleek mit dessen Vergangenheits-Einordnung: „Klar ist: Er hat einen Fleck auf der Weste“, sagt Spies. „Wie bedeutsam ist seine Verleugnung der eigenen NSDAP-Mitgliedschaft? Er ist zwar offenbar wenig belastet, hat aber mit einer Lebenslüge Karriere gemacht. Wir müssen einen Bewertungsmaßstab finden, ob das ausreicht, den nach ihm benannten Platz samt Steg umzubenennen“, sagt Dr. Karsten McGovern (Grüne). Konsens: Speziell zu Bleeks Behördentätigkeit in Breslau während der Nazi-Diktatur soll weitergeforscht und, wenn nötig, mit der Aberkennung von ­Ehrungen gehandelt werden.

Der Marburger Matthias Friehe, einer von mehr als 120 Zuhörern bei der Ergebnis-Präsentation, wirbt für eine Forschungsfortsetzung, um die NS-Verstrickungen von Politikern in den später eingemeindeten Kommunen wie Cappel zu entdecken. „Es gibt auch generell mehr gesellschaftliche Akteure als Politiker und Verwaltungsmitarbeiter - etwa in der Kirche.“ Helena Fuchs, ebenfalls Zuhörerin beim Vortrag des Teams um Geschichtsprofessor Eckart Conze, regt die Kommunalpolitiker indes dazu an, die Namen aller in der Studie aufgelisteten aktiven Nazi-Gegner am Rathaus zu installieren - eine Idee, die in den 1980er-Jahren bereits aufkam aber verworfen wurde.

Geschichtsprofessor Conze verlangt nun vor allem von der Philipps-Universität, dass diese­ bis zu ihrem 500. Geburtstag im Jahr 2027 die eigene NS-Vergangenheit ähnlich aufgearbeitet hat. „Denn dieser Bereich ist noch alles andere als befriedigend durchleuchtet.“

von Björn Wisker

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