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Flüchtlingshilfe vor der Haustüre

Asylbegleitung Flüchtlingshilfe vor der Haustüre

Flüchtlinge bekommen ausgerechnet beim Deutschlernen zu wenig staatliche Unterstützung - das hat Alexandra Obermüller festgestellt.

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Der Vorstand des Vereins „Asylbegleitung Mittelhessen“: Christoph Horteux (von links; Kassenwart), Jana Vogel (stellvertretende Vorsitzende) und Alexandra Obermüller (Vorsitzende).

Quelle: Thomas Stroothjohann

Marburg. „Asylbewerber haben das Recht auf einen Vhs-Deutschkurs. Aber der reicht nicht aus, um richtig sprechen zu lernen”, erzählt die angehende Kulturwissenschaftlerin Alexandra Obermüller.

Sie hatte eine dieser Ideen, bei denen man sich später fragt, warum die nicht längst einer gehabt hatte: „Ich habe vergangenen Sommer eine Mail an alle geschrieben, die an der Uni Marburg ‚Deutsch als Fremdsprache‘ studieren und darauf haben gleich etwa zehn Leute geantwortet, die helfen wollten“, berichtet sie.

Studenten wenden sich an Profis

Dazu seien noch einige aus dem Bereich Friedens- und Konfliktforschung dazugekommen, die sich engagieren wollten. Inzwischen haben die Studenten den Verein „Asylbegleitung Mittelhessen“ gegründet, der seit Oktober Deutschkurse in Flüchtlingsheimen anbietet und seit März schon als ehrenamtlicher Verein anerkannt ist.

Die Mitarbeiter der Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werkes in Marburg halfen Obermüller und ihren Kollegen, die Sprachkurse in einem der Asylbewerberheime anzugehen - stellten Räume und den Kontakt her.

Und auch das Sozialamt sei hilfsbereit gewesen, erzählt Obermüller: „Das ist keine dieser Klischee-Behörden”. Ohne die Profis hätten die Freiwilligen kaum starten können. Wo die Flüchtlinge leben, wird zum Beispiel großteils geheimgehalten.

„Helfen aus der Passivität heraus zu kommen“

Die Sprachkurse von „Asylbegleitung Mittelhessen” sind keine Konkurrenz zu den Kursen der Volkshochschule. Die Ehrenamtlichen gehen weniger strukturiert nach Lehrplan vor, können sich aber mehr Zeit für die Probleme der Flüchtlinge nehmen, die über die korrekte Anwendung der Possesivpronomen hinausgehen.

„Wir wollen die Flüchtlinge an die Hand nehmen und ihnen helfen, aus der Passivität herauszukommen. Das sind Menschen, die unglaublichen Mut aufgebracht haben, ihre Heimat aufzugeben und ins Ungewisse zu fliehen - und dann sind sie hier nicht einmal in der Lage den Busfahrplan zu lesen - weil es ihnen niemand zeigt.”

Über die Sprachkurse hinaus, stehen die Asylbegleiter den Flüchtlingen auch bei bürokratischen Angelegenheiten zur Seite. Sie vermitteln spezialisierte Anwälte oder Psychologen für Gutachten und kümmern sich wenn nötig auch um die Finanzierung. Zum Beispiel durch den Rechtshilfe-Fonds von ProAsyl oder über den Hessischen Flüchtlingsrat.

"Ich war mal stolz Europäerin zu sein"

„Ich war mal sehr stolz Europäerin zu sein. Aber was da an den Grenzen vor sich geht, ist sehr traurig. Mit Menschenrechtskonventionen und ‚Freiem Europa‘ hat das nichts mehr zu tun”, sagt Obermüller.

Sie ist überzeugt davon, dass die Ängste vor den Flüchtlingen unbegründet sind. Sie wünscht sich eine breite Debatte über die Flüchtlingspolitik, die Vorurteile ausräumt.

„Es gibt viele, die glauben, dass die Flüchtlinge in Deutschland auf Kosten des Steuerzahlers in Asylbewerberhäusern leben und nicht arbeiten. Das stimmt - aber man muss eben auch wissen, dass sie laut Gesetz in den ersten neun Monaten gar nicht arbeiten dürfen”, betont Obermüller. Wenn sich niemand um Aufklärung bemühe, sagt sie weiter, entstehe Ablehnung.

Das Ziel des Vereins ist es deshalb, Interesse für die Flüchtlinge zu wecken und für die Gründe, die diese zu Flüchtlingen gemacht haben.

Nebeneinander soll aufgebrochen werden

Das Problem ist oft das Nebeneinander im selben Ort. „Das versuchen wir aufzubrechen“, so die Studentin - mit Erfolg. Manchmal falle es den Nachbarn der Asylbewerber leichter mit den Flüchtlingen in Kontakt zu kommen, wenn die Asylbegleiter dabei seien. Ein Flüchtling hat Obermüller erklärt, dass die Nachbarn angefangen hätten ihn zu grüßen und zu sprechen, seitdem die Asylbegleiter regelmäßig vorbeischauen.

Manchmal sind es keine rassistischen Gedanken, die die Deutschen davon abhalten, mit den Asylbewerbern in Kontakt zu treten, sondern banale Fragen wie diese: Grüßt man einen Afrikaner auch mit ausgestreckter Hand, oder machen nur wir Deutschen das?

„Das ist alles nicht so wichtig”, weiß die Studentin der vergleichenden Kulturwissenschaften. Die Asylbegleiter helfen also nicht nur den Asylbewerbern, sondern auch den Einheimischen.

Wie willkommen die Hilfe der Asylbegleiter ist, zeigt auch diese Geschichte: Als eine Kollegin von Obermüller sich wegen eines Auslandssemesters verabschiedete, organisierten die Asylbewerber eine Abschiedsparty: „Diese Menschen sind so schrecklich isoliert und freuen sich, dass jemand für sie da ist, und sich für sie interessiert.“

Hintergrund: Wer bekommt eigentlich Asyl?

Das Grundrecht auf Asyl gewährt Menschen Schutz, die politisch verfolgt sind. Weiter wird geprüft, ob der Asylbewerber nach der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtling anerkannt wird. Das ist der Fall, wenn sein Leben oder seine Freiheit in seinem Herkunftsstaat wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist. Wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Union (EU) oder aus einem so genannten sicheren Drittstaat außerhalb der EU wie der Schweiz oder Norwegen einreist, kann sich in Deutschland nicht auf das Asylrecht berufen. Er muss in dem Land, in dem er eingereist ist, einen Antrag auf Asyl stellen (Dublin III). Ein Syrer, der sich bis ins EU-Land Bulgarien durchschlägt und dort registriert wird, hat also keine Chance, Asyl in Deutschland zu bekommen (One-Chance-Only-Prinzip).

Hilfe und Kontakt

Obermüller und ihre Kollegen freuen sich über jeden, der sich engagieren will. Es machen nicht nur Studenten, sondern inzwischen auch vier Senioren mit, die sich als Deutschlehrer engagieren. Neben der aktiven Unterstützung können Interessierte den Verein auch durch eine Fördermitgliedschaft (mit frei definierbarem Mitgliedsbeitrag) unterstützen. Spendengelder nutzen die Ehrenamtlichen unter anderem für die Deutschkurse und für Fahrtkosten für die Asylbewerber.

Eine gute Möglichkeit, den Flüchtlingen zu helfen wäre auch, wenn Sportvereine sich bereiterklären würden, die Asylbewerber ohne Mitgliedsbeitrag mittrainieren zu lassen. „Viele von ihnen sind“, so Obermüller, „sehr sportbegeistert und könnten dadurch Anschluss finden.“

Kontakt: www.asylbegleitung-mittelhessen.de; E-Mail: Obermueller[at]asylbegleitung-mittelhessen.de; Telefon: 01 70/9 47 22 86

von Thomas Strothjohann

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