Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Flüchtlingsarbeit „aus Nächstenliebe“

Moschee-Neubau Flüchtlingsarbeit „aus Nächstenliebe“

Skepsis und Zustimmung: Die Informationsveranstaltung des Magistrats war ein erster Schritt zur Diskussion um den Bau einer weiteren Moschee in Marburg.

Voriger Artikel
Schnelles Internet für drei Stadtteile
Nächster Artikel
Marburger Traditions-Molkerei setzt auf Geschmack und lange Haltbarkeit

Mehr als 250 Menschen, darunter viele Mitglieder der Marburger Ahmadiyya-Gemeinde, verfolgten die Informationsveranstaltung zum Moschee-Bau im Bürgerhaus Cappel.

Quelle: Nadine Weigel

Cappel. Am deutlichsten formulierte es Katharina Knobel (80). Sie wäre bei dem Bau einer Moschee im Gewerbegebiet Cappel direkte Nachbarin und sagte am Mittwochabend vor 250 Zuhörern: „Von mir aus können sie gerne kommen.“ Knobel wohnt seit 25 Jahren „Im Rudert“.

Es gibt aber auch kritische Fragen an die Ahmadiyya-Gemeinde und ihre Stellung in der islamischen Welt. Eine Jesidin, die jetzt in Groß-Gerau lebt und in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, erinnerte an den „Ehrenmord“ in Darmstadt vor einem Jahr, der von Ahmadis begangen worden war und fragte nach dem Frauenbild der Religionsgemeinschaft. Deren Bundesvorsitzender Abdullah Uwe Wagishäuser antwortete mit einem Grundsatz seiner Religion: „Eure Frauen sind Eure Gefährtinnen, nicht Eure Dienerinnen“, daran halte sich die Ahmadiyya-Gemeinde. „Niemanden hat der Ehrenmord von Darmstadt mehr geschmerzt als uns“, sagte Wagishäuser, räumte aber ein, dass das moderne, gleichberechtigte Frauenbild der Ahmadiyya nicht bei allen Gemeindemitgliedern angekommen sei: „Die Menschen, die etwa aus Pakistan oder anderen Ländern zu uns kommen, tragen den Müll, der dort gelebt wird, mit sich.“ Dort setze aber auch die Bildungsarbeit der Gemeinde an.

Ein kleines Stück Hoffnung

Wagishäuser nahm auch Stellung zu Berichten über illegale Schleusungen von Flüchtlingen. Diese Berichte entbehrten jeder Grundlage. Damit war man beim Kern der Bedenken, die gegen den Bau der Moschee nur wenige hundert Meter vom Flüchtlingscamp vorgetragen worden sind: die kurze Entfernung zwischen der geplanten Moschee und der bestehenden Einrichtung.

Wagishäuser versicherte, die Ahmadiyya betreibe Flüchtlingsarbeit aus Nächstenliebe und nicht zum Zwecke der Mitgliederwerbung. Die Nähe einer Moschee zum Flüchtlingslager könne für die Flüchtlinge moslemischen Glaubens aber ein kleines Stück Hoffnung sein, dort auch anzukommen. Dass Christen unter den Flüchtlingen dies als Bedrohung empfinden können, schloss er aus.

Berichte übrigens, nach denen im Camp Flüchtlinge christlichen Glaubens drangsaliert worden seien, sind weder Flüchtlingsobmann Karl-Otto Beckmann noch Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bekannt. Spies sagte, so etwas werde in Marburg nicht geduldet und kündigte an, beim Regierungspräsidium, das zuständig für den Betrieb des Lagers ist, noch einmal rückzufragen.

Damit war man schon bei Bedenken, die weder mit dem Bau des Gotteshauses noch mit der Ahmadiyya-Gemeinde zu tun haben, sondern, wie es in der anschließend Ortsbeiratssitzung ein Zuhörer formulierte, mit „allgemeiner Skepsis“ und „Bedenken“, die man sich in Cappel kaum zu formulieren traue, weil man nicht in die rechte Ecke gestellt werden wolle. Von einer „Belastung“ für Cappel spricht etwa CDU-Ortsbeiratsmitlied Walter Jugel in Zusammenhang mit dem Flüchtlingscamp und leitet daraus die Forderung ab, die Moschee möge doch an einem anderen Ort errichtet werden. „Die Stimmung in Cappel ist gekippt.“Er spricht von „Tricks“ und vom Versuch des Magistrats, etwas zu „vertuschen“. Baurechtlich, das entschied der Ortsbeirat schließlich, bestehen keine Bedenken gegen die Moschee. Baudirektor Jürgen Rausch hatte in der Informationsveranstaltung mitgeteilt, dass die Gemeinde ausreichend Stellplätze gemäß Stellplatzsatzung zur Verfügung stellen müsse. Ein sakraler Bau in einem Gewerbegebiet sei aber nicht ausgeschlossen, sagte Rausch und verwies auf das bestehende Gotteshaus der Zeugen Jehovas im Lintzingsweg.

Es soll, so der Ortsbeirat, weiter diskutiert werden. Man wolle wissen, „wer zu uns kommen möchte.“

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr