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„Flüchtlinge sind die braven Bürger“

Kriminalität „Flüchtlinge sind die braven Bürger“

Im Landkreis hat sich die Zahl der Straftaten, die von Ausländern begangen wurden, fast vervierfacht – schwere Verbrechen gibt es aber kaum. Das geht aus der polizeilichen Kriminalstatistik 2015 hervor.

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Körperverletzungen, an denen Zuwanderer beteiligt waren, so sagt es die Marburger Polizei, gab es 2015 zumeist innerhalb der Erstaufnahme-Einrichtungen.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Die Behörden haben im vergangenen Jahr 586 Straftaten von Zuwanderern registriert. In 2014 waren es 150. Es habe einen „erkennbaren Anstieg bei einzelnen Straftaten“ gegeben, heißt es von Martin Ahlich, Polizeisprecher. Die größten Zuwächse gibt es demnach bei leichten Körperverletzungen und Ladendiebstählen. Die Zahl der Sexualstraften, die Zuwanderer im Landkreis begangen haben, ist indes binnen eines Jahres von fünf auf drei gesunken.

Einen Anstieg anderer Gewaltdelikte – worunter auch Mord und Totschlag fallen – gibt es ebenfalls nicht.

Und auch die Körperverletzungsdelikte, so sei die Erfahrung der Marburger Polizei, würden „fast immer innerhalb der Flüchtlingseinrichtungen aus akuten Konfliktsituationen heraus“ begangen. Das gelte für Cappel ebenso wie für Stadtallendorf oder Neustadt.

Albaner und Algerier sind für rund die Hälfte aller von Zuwanderern begangenen Straftaten verantwortlich. Menschen aus Syrien oder Afghanistan – die mit 45.000 mehr als 50 Prozent aller in Hessen Asylsuchenden ausmachen – kommen kaum in Gesetzes-Konflikte. Die Kernaussagen der Statistik für Marburg-Biedenkopf decken sich zu großen Teilen mit denen der mittelhessischen Auswertung, die ein Gebiet von Marburg bis zur Wetterau erfasst.

Die Gesamtzahl der Straftaten in der Stadt – also inklusive der Zuwandererkriminalität – ist um 250 Fälle auf 4979 gestiegen. Das ist der drittniedrigste Wert in den vergangenen zehn Jahren (zum Vergleich: Im Jahr 2006 waren es 7079). Die Aufklärungsquote liegt bei 56 Prozent – dem geringsten Wert im Landkreis.

von Björn Wisker

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Interview mit Professor Ulrich Wagner

Wie ist die steigende Zahl an Straftaten durch Zuwanderer einzuordnen? OP-Interview mit dem Sozialpsychologen Professor Ulrich Wagner von der Philipps-Universität.

OP: Nimmt die Angst vor Verbrechen in Marburg zu?

Professor Ulrich Wagner: Kriminalitätsfurcht hängt nicht mit objektiven Zahlen zusammen. Ein Beispiel: Alte Menschen haben mehr Kriminalitätsfurcht als junge, aber Opfer von Kriminalität werden eher junge Menschen. Daran erkennt man, dass die Einschätzung nicht unmittelbar mit der realen Erfahrung zu tun hat. Indirekte Informationen spielen eine wichtige Rolle: Das, was andere erzählen, wird aufgenommen. Oder auch spektakuläre Fälle wie das Tötungsdelikt in der Oberstadt lösen Kriminalitätsfurcht aus. Die generelle Angst, die solche ganz seltenen Vorfälle nach sich ziehen, ist daher unangemessen.

OP: Aber ist Angst, wenigstens Vorsicht nach der Häufung der Übergriffe speziell auf Frauen in der Innenstadt im Januar nicht durchaus angemessen?

Wagner: Wenn es tatsächlich zu Häufungen von Straftaten kommt, müssen die Strafverfolgungsbehörden solche Vorfälle zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren. Zur Einschätzung von Kriminalisätsentwicklung ist es wichtig, die Gesamtentwicklungen im Auge zu halten. Die Kriminalitätsstatistik für den Landkreis zeigt, dass die Fallzahlen bei sexuellen Übergriffen insgesamt sehr niedrig sind. Das heißt ausdrücklich nicht, dass die Einzelfälle zu verharmlosen sind. Aber in der Gesamteinschätzung sollte man diese Vorfälle nicht dramatisieren. Deshalb ist es ja so problematisch, dass einige Parteien das jetzt zum Wahlkampfthema machen. Das ist kein Spaß, wenn Menschen Kriminalitätsfurcht entwickeln geht es um Lebensqualität, und Furcht kann diese erheblich einschränken. Man darf nichts unter den Teppich kehren, aber die Menschen auch nicht ängstlich machen.

OP: Jedoch ändert sich ja faktisch etwas. Vor dem Aldi in Cappel, ein paar Hundert Meter vom Flüchtlingslager entfernt, stehen Sicherheitsleute. Das halten Betreiber ja wohl für notwendig.

Wagner: Wer Kriminalität fürchtet, dem geht es nicht um Klauen bei Aldi, sondern um Gewaltverbrechen, Raub, Wohnungseinbrüche. Davor haben die Leute Angst. Und da spricht die Marburger Statistik eine klare Sprache: Es ist nicht unsicherer geworden. Grundsätzlich muss man zur Kenntnis nehmen, dass jetzt viel mehr Menschen hier leben - und der Anstieg der Straftaten ist geringer als der Bevölkerungszuwachs. Eigentlich sind Flüchtlinge die weniger auffälligen, relativ zum Rest der Bewohner im Landkreis sind sie unter Kriminalitätsgesichtspunkten sogar die braven Bürger.

OP: Wieso sind es vor allem Albaner, mit Abstand auch Algerier, die die meisten Straftaten unter den Zugewanderten begehen? Und das, obwohl aus diesen Ländern viel weniger Menschen herkommen als etwa aus Syrien und Afghanistan?

Wagner: Das sind die Menschen, die die geringsten Chancen darauf haben, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können und deren Aufenthaltsstatus sehr unsicher ist. Oft können sie nicht abgeschoben werden, weil etwa unklar ist, wo sie herkommen oder weil sich das Heimatland weigert, sie zurückzunehmen. Diese Menschen sind in einer hoffnungslosen Situation, sie haben nichts zu verlieren. Wenn Menschen so aus dem sozialen System fallen, führt das zu solchem abweichenden Verhalten.

OP: Was ist die Konsequenz?

Wagner: Wir diskutieren viel zu stark die Bestrafung krimineller Ausländer mit dem Mittel der Abschiebung. Prävention ist das billigste und effektivste Mittel Kriminalität zu reduzieren. Dazu gehört, Angebote zu machen, positive Perspektiven zu bieten: Sprachkurse, vor allem aber die Integration in Schule und Arbeitsmarkt. Fruchtet das nicht, muss man Täter sanktionieren. Wenn nach Straftaten Ausweisung nicht möglich ist, dann müssen die Mechanismen des deutschen Strafsystems greifen. Ergo: vorbestrafen und eventuell auch einknasten. Aus psychologischer Sicht ist dabei wichtig, wie bei allen Maßnahmen der Sanktionierung, dass das Strafsystem schnell zum Zuge kommt: eine Bestrafung muss nicht schwer ausfallen, sie muss aber unmittelbar folgen.

OP: Gehen wir von der Kriminalität von Zuwanderern zu der Kriminalität an Zuwanderern: Zuletzt die Vorfälle in Clausnitz, täglich Hassparolen im Internet oder die Gerüchteverbreitung, die es auch in Marburg gibt.

Wagner: Im sozialen Sinne halte ich so etwas für kriminell. Polizei und Politik müssen gegenüber einem Mob wie in Clausnitz klare Linie zeigen, auch sympolpolitisch deutlich machen: bis hierhin und nicht weiter. Was sich jetzt in den fremdenfeindlichen Taten zeigt, ist das Resulatat einer Anhäufung unsinniger und hilfloser politischer Vorschläge zum Umgang mit Flüchtlingen - unterstützt durch Rassismus der extremen Rechten. Hinzu kommt die Internet-Kommunikation. Es gibt ein psychologisches Prinzip, das besagt, dass es Menschen nicht darum geht zu erfahren, ob sie recht haben, sondern darum zu wissen, dass sie recht haben. Man redet also vor allem mit denen, die die eigene Meinung stützen. Das findet im Netz ganz extrem statt. Eine aktuelle Studie spricht von ‚Echo-Räumen‘, in die man reinruft und aus denen dasselbe zurückkommt. Polarisierung und Radikalisierung sind das Resultat. Man gewinnt den Eindruck, man vertrete viele, was wiederum Übergriffe legitimiert. Wenn dann noch gruppendynamische Prozesse Einfluss gewinnen, wie etwa in Clausnitz und Bautzen, entwickeln sich Pogrome.

OP: Wie gefährlich für die Demokratie ist diese Entwicklung, sind diese Echo-Räume?

Wagner: Es ist extrem gefährlich. ‚Lügenpresse’ steht ja für jeden, der nicht die eigene Meinung vertritt. Demokratie besteht aus dem Wettstreit der Meinungen, ein Streit im positiven Sinne, um unter Regeln im Parlament Mehrheiten zu finden. Wenn wir damit aufhören, wenn man sich nur noch in seinen Pegida-Echo-Räumen bewegt - verstärkt durch rechtsradikale Einflüsse, die alles noch weiter auseinanderziehen - ist das sehr gefährlich.

OP: Wie sollte man mit AfD und Pegida umgehen?

Wagner: Mit Mitläufern muss man nach wie vor reden, nicht nur über sie reden. Exkludierende Äußerungen wie die von Sachsens Ministerpräsident, dass das keine Menschen seien, sind unangemessen. Das ist genau das Vorgehen der Rechten, wenn sie über Einwanderer reden: eine De-Humanisierung. Man muss auf die Unsicherheiten und Ängste der Mitläufer eingehen, ohne dabei die Gerüchte und falschen Argumente zu unterstützen. Heißt: Wir alle müssen uns, auch im Bekanntenkreis stellen, Position beziehen, wenn abgedrehte Behauptungen gemacht werden. Kaum einer wird dann direkt auf die andere Seite überspringen, aber vielleicht fängt das Denken an.

von Björn Wisker und Till Conrad

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