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Flüchtlinge richten sich im Lager ein

Zeltcamp in Cappel Flüchtlinge richten sich im Lager ein

Die ersten 100 Flüchtlinge trafen aus Richtung Gießen gestern schon gegen 11 Uhr in Cappel ein. Bis zum Abend waren es fast 300.

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Sicherheit hinter Gittern: In die Flüchtlingszelte an der Umgehungsstraße in Cappel zogen gestern knapp 300 Menschen ein.

Quelle: Thorsten Richter

Cappel. Noch sind die Aufbauarbeiten im Flüchtlingslager an der Umgehungsstraße in Cappel nicht beendet, da sind schon die ersten Flüchtlinge da. Etwa 100, unter ihnen viele Jugendliche, richten sich in ihrer Notunterkunft ein - aber was heißt einrichten angesichts des deprimierenden Platzmangels in den Schlafzelten, in denen die Feldbetten dicht an dicht stehen. Stauraum für Gepäck ist nicht vorgesehen. Sitzgelegenheiten gibt es außerhalb der Zelte nicht. Immerhin ist das Rote Kreuz da und hilft mit gebrauchter Kleidung.

„Welcome“ - „willkommen“ steht auf dem Sichtschutz an der Umzäunung des Lagers, jemand hat die Buchstaben ausgeschnitten und angebracht. Ein Symbol, das guten Willen zeigen soll - aber wie soll sich jemand willkommen fühlen, der als erstes frisches Trinkwasser vermisst? Eine Panne, sagt die Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Ina Velte, die der unglaublichen Hektik geschuldet ist, die in der Hes­sischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen herrscht angesichts des weiter ansteigenden Flüchtlingsstroms.

Die Flüchtlinge seien aber nur wenige Minuten im Cappeler Lager gewesen, als der Kühlwagen mit frischem Trinkwasser schon angekommen sei. In den Toilettencontainern und Waschräumen habe es zudem immer frisches Wasser aus der Leitung gegeben. In den Mindestanforderungen für die Unterbringung von Flüchtlingen ist vorgesehen, dass zu allen Mahlzeiten Getränke gereicht werden und dass zwischendurch ausreichend Trinkwasser zur Verfügung steht.

Eine Familie fühlt sich ganz offenbar nicht willkommen. Noch länger als eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft steht sie vor dem Lager, will das nicht betreten. Irgendwann sind die drei Menschen nicht mehr zu sehen - vielleicht zurück nach Gießen? „Wer nicht hierhin möchte, wird nach Gießen zurückgebracht“, sagt Ina Velte; das konkrete Schicksal dieser Menschen kann sie aber am Montag auch nicht aufklären.

Bälle vom Oberbürgermeister

Ein Sicherheitsdienst sorgt dafür, dass kein Unbefugter das Lager betritt. Das soll der Sicherheit der Flüchtlinge dienen, ein wenig gruselig wirkt das dennoch. Die Flüchtlinge dürfen, versichert Vaupel, das Zeltcamp jederzeit verlassen - aber wissen sie das auch?

Von außen sieht man immerhin, dass vor allem Kinder und Jugendliche anfangen, von dem Gelände Besitz zu ergreifen. Bei seinem Willkommensbesuch hat Oberbürgermeister Egon Vaupel ein paar Bälle mitgebracht, die im Nu neue Besitzer gefunden haben. Im Laufe des Tages will die Stadt weitere Bälle anliefern, weil die ersten nicht annähernd ausreichen.

Draußen, direkt an der Umgehungsstraße, montieren städtische Arbeiter neue Verkehrsschilder. Ab sofort gilt entlang des Lagers Tempo 30 - aus Sicherheitsgründen. Keiner weiß, wie sich die Anwesenheit von bis zu 500 Menschen zusätzlich auf die Verkehrssicherheit in dem Gebiet auswirkt.

Vaupel hat an die Anwohner des Zeltcamps einen Brief geschrieben und über die Ankunft der ersten Flüchtlinge informiert. „Ich bitte Sie, ohne Vorurteile auf diese Menschen zuzugehen, die oft eine lange und beschwerliche Zeit der Flucht hinter sich haben“, so Vaupel.

Auch er hält die Zelt-Lösung nicht für optimal. Es gebe aber keine andere Möglichkeit, den Flüchtlingen schnell ein Dach über dem Kopf anzubieten, sagte der OB zum Hilfegesuch des Regierungspräsidiums, auf dem die Einrichtung des Lagers basiert.

von Till Conrad

 
 
HINTERGRUND
Stadt sucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Während das Regierungspräsidium für alles zuständig ist, was innerhalb des Zeltcamps geschieht, versucht die Stadt mit ergänzenden Angeboten zu helfen. In der kommenden Woche soll die Anlaufstelle für die soziale Betreuung von Flüchtlingen direkt neben dem Zeltcamp ihre Arbeit aufnehmen. Sie wird in der Praxisklinik „Im Rudert 2“ eingerichtet. „Hier wird der Platz für ehrenamtliches Engagement, für Begegnungen, für Fragen der Bürgerinnen und Bürger und für Angebote an die Flüchtlinge geschaffen“, schreibt Stadt-Sprecherin Sabine Preisler. Sie nennt Möglichkeiten für Marburger, die sich engagieren möchten:

- Ein niedrigschwelliges Deutsch-Sprachkursangebot soll den neu ankommenden Menschen Hilfen für den Alltag bieten, damit sie sich in Marburg und auch in Deutschland zurechtfinden, nach dem Weg fragen, Busfahrpläne lesen oder auch Lebensmittelprodukte erkennen können. Wer helfen will, muss keine Lehrkraft sein, sondern nur in einfachen Worten oder auch mit Bildern Begriffe und Regeln erklären.

- Viele Menschen rufen derzeit an und möchten den Flüchtlingen auf unterschiedliche Weise helfen. Daher sucht die Stadt kommunikationsfreudige Menschen, die am Telefon den Anrufenden – soweit es möglich ist – Fragen beantworten und auch an entsprechende Stellen weiterleiten. Zuvor gibt es eine kurze Schulung.

- „Im Rudert 13“ hat sich das Deutsche Rote Kreuz niedergelassen. Dort wird eine Kleiderkammer für die Flüchtlinge des Camps eingerichtet, die Kleidung wird ehrenamtlich sortiert und den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Wer bereit ist, sich hier ehrenamtlich zu engagieren, ist willkommen. Kleiderspenden können dort montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr und freitags von 8 bis 14 Uhr abgegeben werden.

- Das DRK wird die Verpflegung der Flüchtlinge im Zeltcamp übernehmen. Wer Interesse hat, die hauptamtlichen Mitarbeiter des DRK bei der Frühstücksausgabe, dem Mittag- und dem Abendessen zu unterstützen, kann sich beim Roten Kreuz melden.

  • Ansprechpartnerin für alle Hilfsangebote ist die Flüchtlingskoordinatorin der Stadt Marburg, Gudrun Fleck-Delnavaz, Telefon 06421/201-1857, E-Mail: g.fleck-delnavaz@marburg-stadt.de
   
   

Umfrage unter Passanten

Mitgefühl mit Flüchtlingen, aber auch Unbehagen

Die Reaktionen auf die Ankunft der Flüchtlinge sind unterschiedlich, wie eine Umfrage der OP gestern ergab.

Marburg. „Es sind Menschen wie du und ich, und wir sollten bereit sein, sie freundlich aufzunehmen“, sagte Marita Dula (rechts), die mit ihrem Hund an dem Gelände vorbeikam, als der erste Bus mit Flüchtlingen eintraf.

Zwei junge Frauen, die ebenfalls vorbei spazierten und namentlich nicht genannt werden möchten, äußerten sich zurückhaltender. „Die Leute tun mir leid, aber ich freue mich nicht, dass sie da sind“, sagte eine der beiden.

Ihre Bekannte hofft, dass es keine Probleme mit den Flüchtlingen gibt, und ist bereit, zu helfen. Sie will sich an die Anlaufstelle wenden. Beide Frauen sind der Meinung, dass die Flüchtlinge darüber informiert werden müssten, wie sie sich hier zu verhalten haben. „Ich habe Mitleid mit den Menschen“, sagt eine Frau, der die Tränen über die Wangen laufen. „Ich überlege, was man tun kann“, sagt sie.

Der Cappeler Roland Raz (links) findet es generell nicht zumutbar, so viele Menschen in einem Zelt unterzubringen. Er hofft, dass es nicht zu Gewalt kommt. „Ich würde gern helfen, weiß aber noch nicht genau wie“, sagt er. „Die Kriegsflüchtlinge tun mir leid“, sagt Josef Blazek. Er ist aber gegen die Aufnahme von Menschen, die nur wegen des Geldes kommen.

„Ich wollte die nicht vor der Haustür haben“, sagt eine Frau im Vorbeigehen.

Markus Fischer ist dafür, Flüchtlinge aufzunehmen. „Wenn es ihnen in ihrer Heimat gut gehen würde, wären sie nicht hier“, sagt er. Wichtig wäre ihm, dass die Ursachen in den jeweiligen Ländern bekämpft werden.

Albert Köchling (recht) begrüßt es, dass sich die Stadt bereit erklärt hat, die Menschen hier aufzunehmen. Er hofft auf eine Willkommenskultur.

„Es wird viel Negatives von den Aufnahmelagern in Gießen und Neustadt propagiert“, sagt Manuela Drubel, die gegenüber des Flüchtlingscamps wohnt. Für sie ist es in Ordnung, dass die Flüchtlinge hier zu Gast sind. Sie hofft aber, dass sie über „unsere Gepflogenheiten aufgeklärt“ werden und sich entsprechend verhalten.

von Heike Horst

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