Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Flüchtlinge: Magistrat bittet Marburger um Hilfe

Wohnraum und Integration Flüchtlinge: Magistrat bittet Marburger um Hilfe

Die Universitätsstadt rechnet mit 600 Flüchtlingen aus Krisenregionen bis Ende nächsten Jahres - eine Summe, die an die Höchstzahl der Asylbewerber in Marburg (800) Ende der 1980er-Jahre heranreicht. Am 28. Oktober soll daher ein "Runder Tisch Integration" stattfinden, in der Bewohner Fragen stellen, ihre Sorgen schildern, Hilfe anbieten können.

Voriger Artikel
Massenandrang auf Marburger Uni
Nächster Artikel
Wer hat die Müllmänner verprügelt?

Vor allem Flüchtlingsfamilien müssen in der Stadt  untergebracht werden. In diesem und dem folgenden Jahr könnten es insgesamt 600 Menschen werden, denen die Stadt Wohnungen suchen muss.

Quelle: Patrick Pleul / dpa

Marburg. Wohnungen für Flüchtlinge, Deutschkurse, Nachbarschafts-Treffen: Der Magistrat hofft auf die Hilfe von Bewohnern und Initiativen in der Stadt. „Integration, ein Willkommensklima, kann Politik nicht erzeugen“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Angesichts von 200 Asylbewerbern bis Ende diesen, weiteren 400 bis Ende nächsten Jahres stehe Marburg vor „einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, da der Flüchtlingsstrom nicht nachlassen wird“. Wie Peter Schmitt, Fachdienstleiter Soziales, sagt, kalkuliert die Stadtverwaltung mit einem Andrang, der etwa fünf Jahre dauert. Nach Marburg kommen derzeit vor allem Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und Irak. Das deckt sich mit dem Bundestrend, wonach die meisten Asylbewerber aus diesen Ländern stammen (zudem: Serbien, Albanien, Bosnien, Somalia)

Jeder der helfen kann und will, soll sich melden

Von 112 bislang in der Universitässtadt aufgenommen Asylbewerbern wohnen 60 bei Privatvermietern, 52 leben in Apartments verschiedener Wohnungsbaugesellschaften. Ein Trend, der bei steigender Asylbwerberzahl zu kippen droht. Die Stadt wird Vaupel zufolge nicht Hunderte Hilfesuchende in Wohnungen unterbringen können - neuen Unterkünften wie das Ex-Auktionshaus, die Waldtal-Wohngruppe und (als vorübergehende Notunterkunft) Ballsporthalle Frauenbergstraße zum Trotz.

Daher appeliert er an Privatvermieter und Bewohner aufgeschlossener Nachbarschaften: „Jeder, der helfen kann, helfen will, soll sich bei uns melden.“ Der Magistrat wisse aber auch, dass sich an Flüchtlingsfragen Kritik entzünde. „Es ist nicht alles rosig, Ängste existieren. Darüber müssen wir sprechen“, sagt Vaupel und verweist auf den öffentlichen „Runden Tisch Integration“ (siehe Infokasten).

Die Islamische Gemeinde hat bereits reagiert: „Unsere Mitglieder nehmen bereits Flüchtlinge auf, laden sie zu Festen ein, helfen ihnen bei Sprachschwierigkeiten. Wir hoffen, dass sich noch mehr Leute finden“, sagt Bilal al-Sayad. In den christlichen Kirchengemeinden soll ab sofort zur Unterstützung aufgerufen werden, sagt Pfarrer Franz Langstein.

Flüchtlingsstrom stellt Politik und Gesellschaft vor Herausforderung

Hessenweit prescht Marburg indes als erstes mit zusätzlichen, freiwilligen Integrations-Hilfen voran: So bekommen alle Flüchtlinge den Stadtpass, womit sie unter anderem billiger Bus fahren oder Volkshochschulkurse belegen können. Zudem wird die Zahl der Deutschkurse ab sofort erhöht, 2015 wird zusätzliches Personal eingestellt und den Teilnehmern bis zu 600 Unterrichtsstunden bezahlt- vom Land erstattet werden der Kommune nur 100 Stunden. Ende Oktober soll überdies ein Flüchtlingsrat gegründet werden.

119 000 Flüchlinge sind bislang deutschlandweit registriert worden (2009: 26 000). Das Bundesland Hessen nimmt 7,3 Prozent aller Asylbewerber auf, verteilt sie auf Kommunen. 5,25 Prozent aller Flüchtlinge, die in der Erstaufnahmestelle Gießen ankommen, müssen Landkreis und Universitätsstadt laut Gesetz aufnehmen (derzeit rund 500). Die Aufnahme-Quote - die nur im Main-Kinzig-Kreis (8 Prozent), Frankfurt (7 Prozent), Wetterau und Lahn-Dill-Kreis (je 5,5 Prozent) höher ist - orientiert sich an der Einwohnerzahl und und am Anteil an ausländischen Bürgern an der Bevölkerung. Der Landkreis Marburg-Biedenkopf hat nach OP-Informationen die gleiche Quote zu erfüllen wie der Kreis Bergstraße - doch bekommen alle südhessischen Kommunen pro Flüchtling und Monat mehr Geld vom Land. Die Stadt Marburg kostet ein Flüchtling durchschnittlich 740 Euro pro Monat - zusätzlich möglicher Zusatzkosten wie etwa ärzliche Behandlung. Rund 521 Euro werden pro Flüchtling pro Monat erstattet. Der Kreis Bergstraße erhält 40 Euro mehr, Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt (Aufnahme-Quote sieben Prozent) bekommen 630 Euro.

Sollte der Flüchtlings-Andrang größer oder dauerhafter werden, werde die Stadt Vaupel zufolge auch Gemeinschaftsunterkünfte bereitstellen müssen. Diese sollen aber „maximal 40 Personen beherbergen“, ergänzt Peter Schmitt.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Gesucht werden Wohnungen und Helfer

58 Flüchtlinge leben derzeit in Kirchhain. Deren Lebenssituation hat sich inzwischen deutlich verbessert, aber es bleibt noch viel zu tun. EineArbeitsgruppe Ehrenamtlicher engagiert sich im Zusammenspiel mit Stadt und Kreis.

mehr
Mehr zum Artikel
Asylbegleitung
Der Vorstand des Vereins „Asylbegleitung Mittelhessen“: Christoph Horteux (von links; Kassenwart), Jana Vogel (stellvertretende Vorsitzende) und Alexandra Obermüller (Vorsitzende).

Flüchtlinge bekommen ausgerechnet beim Deutschlernen zu wenig staatliche Unterstützung - das hat Alexandra Obermüller festgestellt.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr