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Fluch und Segen für Sehbehinderte

Tagung zur Digitalisierung Fluch und Segen für Sehbehinderte

Ganze Berufsfelder erleben seit Jahren einen Prozess der Digitalisierung. Welche Chancen und Risiken birgt das für sehbehinderte Menschen?Eine Fachtagung des DVBS sollte darauf Antworten liefern.

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Professor Frank Schönefeld von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden hielt den Eingangsvortrag.

Quelle: Yanik Schick

Marburg. Harald Schoen steckt mittendrin im Thema. Der Jurist mit nur knapp zehn Prozent Sehkraft arbeitet im Bundesjustizministerium in Berlin und erlebt dort, wie sich Digitalisierung ihren Weg in die Arbeitswelt bahnt. Das Ministerium will bis 2026 verbindlich die elektronische Aktenführung in Strafverfahren einführen, vorbei sein soll die Zeit der Papierberge.

Schoen sieht darin für seinen künftigen Arbeitsalltag vor allem Vorteile: „Auf dem Computer gibt es Programme, mit denen ich mir Texte vergrößern oder sogar vorlesen lassen kann“, sagt er. Demgegenüber sei der Umgang mit Papier - zum Beispiel das Kopieren oder Einsortieren in Akten - für Sehbehinderte recht aufwendig.

Klingt also, als sei die Einführung des modernen Computer-Systems ein großer Schritt in Richtung Barrierefreiheit. Doch der Jurist erkennt darin gleichzeitig Gefahren. „Natürlich steigt die Arbeitsgeschwindigkeit und damit auch der Zeitdruck, der erst durch Digitalisierung möglich gemacht wird“, erklärt Schoen.

Sehbehinderte und Blinde bräuchten aber nun mal mehr Zeit als gesunde Menschen, um ihre Arbeit erledigen zu können. „Wenn schnell hintereinander viele Aufgaben kommen, können wir bestimmte Dinge nicht machen.“

Digitalisierung als Fluch und Segen für sehbehinderte Menschen - es ist ein Bild, das auf der Fachtagung des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten (DVBS) im TTZ immer wieder gezeichnet wird.

Auch Professor Frank Schönefeld von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, der den Eingangsvortrag hält, vertritt diese Ansicht. Durch Digitalisierung werden Arbeitsprozesse zunehmend zu „in Software gefassten Abläufen“, definiert er.

Einerseits verändern sich dadurch bestehende Berufe: Ein Einzelhandelsverkäufer zum Beispiel müsse sich mit dem Aufbau eines Online-Shops beschäftigen. In der Produktion werden immer mehr Vorgänge maschinell statt von Hand erledigt.

Andererseits entstehen vollkommen neue Berufsfelder im Bereich des E-Business, des digitalen Marketings oder der sozialen Netzwerke. „Die neuen Technologien können Barrieren senken, sodass Sehbehinderte einen Zugang dazu bekommen“, sagt Schönefeld. Wenn aber der Umgang mit diesen Technologien nicht hinreichend barrierefrei gestaltet werde, bestehe das Risiko, dass blinde und sehbehinderte Menschen im Arbeitsmarkt „als schwächstes Glied in der Kette herunterfallen“, ergänzt der Professor.

Auch Studierende und Auszubildende unterstützen

Für Uwe Boysen, den Vorsitzenden des DVBS, ist deshalb klar: Software-Entwickler und Arbeitgeber müssen Chancengleichheit schaffen, damit auch Sehbehinderte mit den neuen Technologien arbeiten können. „Unsere Forderung ist: Denkt das von Anfang an mit, wenn es um Ausschreibungen oder Schulungen geht“, sagt Boysen.

Der DVBS wird am Ende der Tagung und im Anschluss an einige Workshops zur Bekräftigung dessen eine Resolution verabschieden, die insbesondere das neue Bundesteilhabegesetz (die OP berichtete) als ein Gesetz mit „massiven Nachteilen“ für Sehbehinderte kritisiert.

Boysen betont nicht zuletzt die Notwendigkeit, neben Arbeitnehmern auch Studierende und Auszubildende zu unterstützen. „Wir brauchen eine zuverlässige Bildung“, erklärt er, „dazu sind die Menschen aber auf Assistenz und zusätzliche Geräte angewiesen. Außerdem sind viele E-Learning-Plattformen an Universitäten nicht barrierefrei.“

von Yanik Schick

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