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Fliegerbombe entschärft: Anwohner atmen auf

Großeinsatz am Marburger Hauptbahnhof Fliegerbombe entschärft: Anwohner atmen auf

Entwarnung um 19 Uhr: Die Bombe auf der Baustelle ist entschärft. Der Alarm hat am Ortenberg für Nervosität und Neugier in der Nachbarschaft gesorgt. Hunderte Anwohner mussten in Sicherheit gebracht werden - wegen der Explosionsgefahr. Experten fürchten weitere Blindgänger rund um den Hauptbahnhof.

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25 Kilogramm Sprengstoff enthält die Bombe, die von den vier Mitarbeitern des Kampfmittelräumdiensts gestern auf der Baustelle entschärft worden ist. Hunderte Anwohner wurden zuvor in Sicherheit gebracht. Fotos: Björn Wisker / Thorsten Richter (2)

Marburg. Bis zu 400 Bewohner aus Nachbarhäusern der „Alten Gärtnerei“ sind von der Polizei aus den Häusern evakuiert worden. Im Umkreis von bis zu 300 Metern ist das Gebiet abgeriegelt. Auch der Hauptbahnhof ist gesperrt, Züge dürfen ab dem frühen Abend mehr als eine Stunde lang nicht ein- und ausfahren. Dann, um 19.04 Uhr ein dumpfer Knall - normal beim Entschärfen - als der Kampfmittelräumdienst (KMRD) den Zünder entfernt. Entwarnung, alles lief gut, die Bombe ist keine Gefahr mehr.

„Das ist zwar eine kleinere, aber trotzdem eine gefährliche Bombe“, sagt Gerhard Gossens, Chef des Kampfmittelräumdiensts KMRD. Die USA - an äußeren Merkmalen erkennt er die Herkunft - hätten diese Sprengsätze im Zweiten Weltkrieg vor allem auf Bahnhöfe geworfen. „Sie merkten, dass viele kleine Sprengsätze mehr Schaden anrichten als eine große.“ Es sei „überhaupt nicht ausgeschlossen, dass hier noch einige weitere verborgen liegen“. Auf den Lahnbergen habe man in den vergangenen Jahren ähnliche Bomben gefunden - der letzte größere KMRD-Einsatz im Landkreis war 2010 im Kieswerk in Niederwald.

Ein Mix aus Neugier und Nervosität herrscht unter den Anwohnern: „Das ist schon aufregend, an so etwas denkt man nicht“, sagt Studentin Aishe Yildiz (26). „Angst habe ich nicht, aber gefährlich ist das natürlich schon“, sagt ihre Freundin Melissa Happel (23).

Laut KMRD, der die Bombe um 19 Uhr erfolgreich entschärft hat, wiegt der Sprengsatz 50 Kilogramm, enthält 25 Kilo Sprengstoff. „Im Bundesland wird fast täglich eine Bombe gefunden“, sagt Dieter Ohl, Sprecher des Regierungspräsidiums Darmstadt - zuständig für den hessischen KMRD - auf OP-Anfrage. „In diesem Jahr sind bereits 14 Sprengbomben und 34 Flüssigkeitsbrandbomben von unseren beiden Sprengmeistern entschärft worden“, sagt Ohl. Pro Jahr werden etwa 400 Kampfmittelfunde bei den Behörden registriert und Kampfmittel, (Granaten, Bomben, Munition) entsorgt. Zwischen 30 und 40 Bomben müssen im Schnitt jährlich entschärft werden.

Hessen: Tausende Bomben liegen noch im Erdboden

Die Bomben mit normalem mechanischem Zünder, der beim Aufschlag die Detonation auslöst, sind weniger gefährlich. Selbst wenn die Blindgänger unter Bahnanlagen oder stark befahrenen Straße liegen und schweren Erschütterungen ausgesetzt sind. Heikel sind die Bomben mit chemischem Langzeitzünder. Sie gelten als unberechenbar.

Ursprünglich hatten die Alliierten diese Bomben fallen lassen, um in deutschen Städten Angst und Schrecken zu verbreiten. Je nach Einstellung sollten sie nach zwei bis 24 Stunden explodieren. Beim Aufschlag zerbricht ein Glas mit Aceton. Die Flüssigkeit zersetzt ein Zelluloid-Plättchen, das den mit einer Feder unter Spannung gesetzten Bolzen davon abhält, auf die Sprengladung zu schlagen und die Explosion auszulösen. Bei vielen Bomben versagte dieser Mechanismus - ein Konstruktionsfehler. Das Zelluloid ist inzwischen derart spröde, dass die Experten jederzeit mit Selbstdetonationen rechnen. „Hessen hat in diesem Jahr ein über 300 000 Euro teures Wasserstrahlschneidegerät angeschafft, um diese besonders gefährlichen, weil unberechenbaren Bomben zu entschärfen“, sagt Ohl. Hessen ist eines von sieben Bundesländern, die diese Technik verwenden.

Gefahr für Sprengmeister: Letzter Todesfall 2010

In Niedersachsen starben im Juni 2010 bei den Vorbereitungen für eine Entschärfung drei Menschen, sechs weitere wurden verletzt. Todesfälle bei Entschärfungen in Hessen hat es seit 1990 nicht mehr gegeben; damals sind zwei Sprengmeister in Wetzlar gestorben, weil eine Bombe mit Langzeitzünder explodierte.

Die Behörden haben sich in der Vergangenheit die Luftbilder der Alliierten besorgt. Darauf lässt sich erkennen, wo die Bomben eingeschlagen sind - was aber gerade in Städten und dichter besiedelten Gebieten wenig aussagefähig ist, da viele Einschläge oft minimal auseinanderliegen. Zudem haben sich die staatlichen Stellen Militär-Befehlspapiere besorgt, in denen aufgelistet ist, wie viele Flieger an welchen Tagen wie viele Bomben auf bestimmte Ziele werfen sollten. Systematisch gesucht wird allerdings nur nach Bomben mit chemischen Langzeitzündern - vor allem in Neu-Baugebieten sowie auf dem Gelände von Kindertagesstätten und Schulen.

von Björn Wisker

Hintergrund

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehören Bombenfunde in Deutschland immer noch zum Alltag. Die Blindgänger stellen weiterhin eine Gefahr dar, da Zünder und Sprengmasse in der Regel noch funktionstüchtig sind und die Empfindlichkeit bestimmter Explosivstoffe in Zünder und Sprengstofffüllung durch die Alterung sogar noch zunehmen kann. Mehr als
250 000 Bomben, die über Deutschland während des Kriegs abgeworfen wurden, sind nach Schätzungen von Experten Blindgänger. 100 000 davon sollen Berechnungen zufolge noch unentdeckt sein.

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Einsatz am Ortenberg
Fliegerbombe. Archivfoto: Richter

Sorgen um Bomben im Boden: Nach der Entschärfung einer Fliegerbombe auf der Baustelle der "Alten Gärtnerei" am Ortenberg fürchten Anwohner weitere Blindgänger in dem Gebiet.

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