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Flammende Reden und nächtlicher Lärm

OP-Serie " 100 Jahre Erster Weltkrieg" Flammende Reden und nächtlicher Lärm

Rund um die Mobilmachung war auch in Marburg eine große Kriegsbegeisterung zu beobachten, aus dem Archiv der "Oberhessischen Zeitung" von vor 100 Jahren hervorgeht.

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Eine Gruppe von Soldaten fährt nach der Mobilmachung Anfang August 1914 an die Front nach Frankreich: Auch aus Marburg fuhren Züge ab, die begeisterte Soldaten nach Westen an die Front brachten.Archivfoto: dpa

Marburg. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges kulminierte die aufgeregte Stimmung auch in Marburg. Unter der Überschrift „Gespannte Erwartung“ wurde am 31. Juli 1914 im Marburger Lokalteil darüber berichtet, dass am Abend zuvor „wieder allerhand Gerüchte über eine angeordnete Mobilmachung“ in der Stadt umhergegangen seien.

„Die Folge war, dass bis in die Nachtstunden hinein eine gewaltige Menschenmenge in den Straßen hin- und herflutete, um die neuen Telegramme abzuwarten“, war in dem Bericht zu lesen. Auch in den Gastwirtschaften sei es „recht lebhaft“ zugegangen. „Schließlich drängte dann die Erregung wieder viele auf die Straße und in spätester Nachtstunde kam es zu lärmenden Kundgebungen“, hieß es weiter.

Eine Anzahl von Studenten habe sich zudem „Musik verschafft“ und sei unter dem Absingen patriotischer Lieder und mit flammenden Reden vom Marktplatz zum Friedrichsplatz und wieder zurück zum Markt gezogen.

„Der Lärm und das Getöse“ seien so arg geworden, dass zahlreiche Bewohner geweckt worden seien und sich ebenfalls auf die Straße begeben hätten. Erst gegen 3 Uhr habe sich die Menge der Passanten, zu der auch Frauen und Mädchen gehört hätten, verlaufen.

Zu dem Massenauflauf meldete sich auch die Polizei zu Wort. Gerügt wurde in der Polizeimitteilungen, dass bei den Zusammenkünften die „Grenzen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens“ nicht eingehalten worden seien.

„Es wird die bestimmte Erwartung ausgesprochen, dass sich derartige Vorfälle wie in der vergangenen Nacht nicht wiederholen“, teilte die Polizei mit.

Der 1. August 1914 war dann das Datum der deutschen Mobilmachung, das auch den Beginn des Ersten Weltkrieges markierte. Er löste auch in Marburg hektische Betriebsamkeit auf vielen Ebenen aus.

„Veränderung im Straßenbild“ war die Überschrift über einen kurzen Artikel zum Tag des Kriegsausbruchs im Marburger Lokalteil. „Nach dem Bekanntwerden der Verhängung des Kriegsausbruchs bekam gestern das Straßenbild ein verändertes Aussehen“, hieß es darin.

So habe eine „wilde Jagd“ nach Bahnhöfen und Postämtern begonnen. Viele Besucher Marburgs hätten schnelle Vorbereitungen zur Abreise getroffen. Auf den Marburger Straßen habe sich ein gewaltiger Verkehr entwickelt, der bis in die Abendstunden angehalten habe. „Der Gesang der ‚Wacht am Rhein‘ singenden Jäger wurde von der Bevölkerung mit Beifall begrüßt“, hieß es in dem Artikel.

Der einzige Tagesordnungspunkt der am 3. August stattfindenden Marburger Stadtparlaments-Sitzung waren dann auch die „Maßnahmen zur Mobilmachung“, wie in einem längeren „OZ“-Artikel nachzulesen war. Der Magistrat kündigte an, einer Kommission des Parlaments Sofortmittel in Höhe von 30000 Mark zur Verfügung zu stellen.

Im Marburger Schlossgarten veranstaltete die Turnergemeinde eine Abschiedsfeier für die in den Krieg ziehenden Turner mit „von flammender Begeisterung durchglühten Ansprachen“, wie es einer Zeitungsmeldung hieß.

Auch in vielen amtlichen Bekanntmachungen spiegelte sich der Kriegsausbruch wider. Dort war beispielsweise zu lesen, dass die Übungen der freiwilligen Feuerwehr ausfallen sollten, auch weil ein Teil der Mitglieder zum „Fronteinsatz“ einberufen worden sei.

Auch mit der Einrichtung von Häusern der Studentenverbindungen als Lazaretten für den Kriegsfall wurde begonnen. Wenn alle Korporationshäuser als Lazarette eingerichtet würden, dann gäbe es in Marburg Raum für insgesamt 500 Lazarett-Betten, hieß es in einer Zeitungsmeldung.

Angesichts des Kriegsausbruchs begannen in der Stadt Marburg auch die Hamsterkäufe. „Die unverhältnismäßigen großen Einkäufe der Bevölkerung bei den Kaufleuten haben leider noch nicht aufgehört“, hieß es in einer Mitteilung des Magistrats.

Die Kaufleute seien angewiesen worden, Lebensmittel nur noch in einer für alle Haushalte erforderlichen Menge zu verkaufen.

Die Lager der Kaufleute in Marburg seien ausreichend gefüllt, um den Bedarf zu decken, hieß es zudem in dem Aufruf. Insbesondere sollten pro Käufer nicht mehr als zwei Laibe Brot verkauft werden.

Einen speziellen Aufruf gab es an die Studierenden und die „schulpflichtige Jugend“. Darin wurden sie von der „akademischen Vermittlungsstelle für Notstandsarbeiten“ aufgerufen, sich angesichts des Kriegsausbruchs in einem Hörsaal der Universität zu melden.

von Manfred Hitzeroth

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