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Filme stellen sich selbst zur Schau

Forschung Marburg: Dokumentarfilme Filme stellen sich selbst zur Schau

„Deutsche Geschichts­bilder – Filme reflektieren Geschichte“: Diesen Titel hat die Dissertation der Medienwissenschaftlerin Dr. Sonja Czekaj.

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Deutsche Geschichte, Wendepunkt Kriegsende: Ein Soldat der Roten Armee hisst 1945 eine sowjetische Fahne am Berliner Reichstag.

Quelle: Archiv

Marburg. Historische Spielfilme über die deutsche Zeitgeschichte und die Zeit des Nationalsozialismus haben Hochkonjunktur. „Der Untergang“ (2004), ein Film über die letzten Tage des Dritten Reichs, oder „Schindlers Liste“ (2007) über einen deutschen Fabrikaten, der eine große Zahl von Juden vor dem Tod in den Konzentrationslagern rettete, erreichten in den Kinos ein Millionenpublikum. Gleichzeitig wurde Geschichte im ZDF durch Guido Knopp auch im Fernsehen zum Modethema.

Einen Boom gab es auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschichtsfilmen. Doch anders als in diesen Studien, die nach dem historischen Quellenwert von Filmen oder filmhistorischen Entwicklungslinien fragen, hat die Marburger Medienwissenschaftlerin Dr. Sonja Czekaj in ihrer Dissertation vor allem untersucht, mit welchen filmischen Mitteln sich Dokumentarfilme, halbdokumentarische Filme oder Film-Essays eine Auseinandersetzung mit der Geschichte suchen.

Dabei versucht sie eine Entschlüsselung der ästhetischen Annäherung der Regisseure an ihr Thema, für die sie eine filmwissenschaftliche Theorie entwickelte, für die sie das Augenmerk auf die Formsprache der Filme richtet. Wie können diese Filme mithilfe von Bildern, Tönen und Montage in sinnlich-anschaulicher Weise Geschichte veranschaulichen, vergegenwärtigen und zugleich reflektieren, fragt Czekaj.

Analyse von Bitomskys Deutschlandtrilogie

Im Zentrum ihrer Analyse stehen Filme, die drei Umbruch-Situationen deutscher Geschichte in den Blick nehmen. Es sind auch Zeitenwenden der deutschen Zeitgeschichte – das Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945, den ‚DeutschenHerbst‘ und die Rote Armee Fraktion Ende der 70er-Jahre sowie die deutsch-deutsche Vereinigung von 1989/90.

Zum Thema kam sie durch ihre Magisterarbeit, als sie sich mit Filmen des französischen Filmemachers Jean-Luc Godard, des bekannten deutschen Dokumentarfilmers Harun Faroucki und dessen Zeitgenossen und filmischen Weggefährten Hartmut Bitomsky beschäftigte. Bitomskys Deutschlandtrilogie nahm sie in ihrer Disserta­tion genauer unter die Lupe. „Alle drei Filme dieser Trilogie behandeln die Frage, dass es geschichtliche Kontinuitäten gibt, die über geschichtliche Umbrüche hinaus wirken“, erläutert die Medienwissenschaftlerin.

Das gilt schon für den ersten Film „Deutschlandbilder“, der 1983 herauskam, als der neue deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) nach Jahren der SPD-geführten Regierungen unter den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt einen historischen Neuanfang nach dem Vorbild der Adenauer-Regierung propagierte.

Eine wilde Bildermischung

Gerade in diesem Moment setzte der Dokumentarfilmer mit seinem Film ein Gegengewicht entgegen: Es ist eine Montage von 30 sogenannten „NS-Kulturfilmen“: Pflanzen werden veredelt, es gibt Sportübungen mit Bällen, die Ausbildung von Schäferhunden oder Werbung für Kaffeeersatz in diesen Filmen, die zwischen 1933 und 1945 als Beiprogramm für Spielfilme in den Kinos zu sehen waren.

Es ist eine wilde Mischung von Bildern, die über die Leinwand flimmern – auch in Einzelbildern vorgeführt und kommentiert vom Filmemacher. Bitomsky merkte an, dass diese in diesen Filmen begonnene Bildästhetik Stilelemente gehabt hätten, die bereits vor dem Nationalsozialismus gängig gewesen seien und auch das Kriegsende überdauert hätten.

Nach dem Krieg habe es keinen „Bildersturz“ und keine eingehende Auseinandersetzung mit den in Archiven unter Verschluss gehaltenen Bildern gegeben. 1986 wurde von konservativen Historikern im Historikerstreit ein Schlussstrich unter die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit gefordert.

Doch wiederum setzte Bitomsky einen Kontrapunkt mit seinem Film „Reichsautobahn“. Darin weise er nach, dass hinter dem Mythos der vom „Führer“ Adolf Hitler geschaffenen Erfolgsgeschichte der Reichsautobahnen eine gigantische mediale 
 Werbemaßnahme der Nationalsozialisten gestanden habe.

Wirtschaftliche und mentalitätsgeschichtliche Kontinuitätslinien

1989 war mit dem Mauerfall und der deutsch-deutschen Vereinigung ein erneuter Wendepunkt der deutschen Geschichte. Durch die Vereinigung sei die Geschichte der Bundesrepublik offiziell erneut als Fortschrittsgeschichte präsentiert worden, erklärt Czekaj.

In „Der VW-Komplex“, dem letzten Film der Trilogie, über die NS-Wurzeln und Verstrickungen des Volkswagen-Konzerns setze Bitomsky dieser Sichtweise eine andere Meinung entgegen: dass es wirtschaftliche und mentalitätsgeschichtliche Kontinuitätslinien gebe, die von der NS-Zeit direkt in die Gegenwart führten.

Ausführlich analysiert Sonja Czekaj die Stilmittel von Bitomskys Filmen, in denen sich ihrer Beschreibung zufolge „Filme selbst als Filme zur Schau stellen“. Die Forscherin nennt diesen Effekt die Selbstreflexivität der Filme. So halte in „Deutschlandbilder“ einer der NS-Kulturfilme mitten in einem plötzlich eingefrorenen Standbild an.

Außerdem illustriere Bitomsky die These, dass Geschichte nicht linear verlaufe, durch eine Vielzahl filmischer Mittel. So würden Einzelbilder aus den NS-Filmen wie kleine Pakete aufeinandergestapelt oder in verschiedenen Reihen angeordnet, was völlig neue Bildverhältnisse oder zeitliche Abläufe ergebe.

Ähnliche Mechanismen arbeitete Czekaj auch in weiteren „nichtfiktionalen“ Filmen heraus, wie in „Starbuck Holger Meins“, einem Film von Georg Conradt über seinen ehemaligen Mitstudenten an der Filmakademie und dessen Rolle als Terrorist der Rote Armee Fraktion (RAF) in den 70er-Jahren. Hier interessiert Czekaj besonders die „Vorläufigkeit von Geschichtsbildern“. So gebe es auf mehreren Bildebenen Medienbilder zu sehen, die aber dann durch die neue Präsentation in einen anderen Kontext eingeordnet würden.

von Manfred Hitzeroth

 
Zur Person

Dr. Sonja Czekaj (34, Privatfoto) studierte von 2001 bis 2006 Medienwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Anglistik/Literaturwissenschaft an der Marburger Universität.

Von 2007 bis 2009 war sie leitende Redakteurin der Zeitschrift „MEDIENwissenschaft: Rezensionen – Reviews“.

Zwischen 2010 und 2011 Stipendiatin der Marburg University Research Academy.

2012 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Uni Marburg.

Zurzeit ist sie in der Bundeszentrale des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel verantwortlich für die friedenspädagogische Arbeit an Schulen und Hochschulen.

 
Hintergrund

Sieben Jahre – von 2007 bis 2014 – arbeitete Dr. Sonja Czekaj an ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „Deutsche Geschichtsbilder – Filme reflektieren Geschichte“. Dafür arbeitete sie den aktuellen Stand der Literatur auf und schaute sich Dutzende von Filmen an.

Im Gegensatz zu früher benötigt man bei der Filmanalyse nicht mehr zwingend die Anfertigung von Filmprotokollen, was Czekaj auch in diesem Fall nicht machte. Vielmehr nutzte sie die Möglichkeit, die auf DVD‘s gespeicherten Filme genau an dem Punkt anschauen zu können, der sie interessierte. Denn im Vordergrund ihrer Filmanalyse stand nicht die mehrmalige Sichtung des kompletten Films.

Vielmehr interessierte sie sich vor allem für einzelne Szenen, die sie dann aber teilweise sehr oft anschaute und genau unter die Lupe nahm. Das galt auch für einzelne Standbilder, sogenannte „Video-Schnappschüsse“.

Die im Schüren-Verlag veröffentlichte Doktorarbeit von Czekaj zählt zu den vier Dissertationen der Philipps-Universität aus dem Zeitraum von 2013 bis 2015, die mit dem Promotionspreis der Uni ausgezeichnet werden. Die Verleihung der Preise findet am Freitag, 17. Juni, ab 16.15 Uhr im neuen Sprachatlas-Gebäude, Pilgrimstein, statt.

Sonja Czekaj: Deutsche Geschichtsbilder – Filme reflektieren Geschichte. Modellierungen historischer (Dis)-Kontinuität in selbstreflexiven Non-Fiction-Filmen. Schüren Verlag Marburg. 364 Seiten. 34 Euro.

 
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