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Feuerwehr in Marburg: Sorge vor Personal-Loch wächst

OP-Interview Feuerwehr in Marburg: Sorge vor Personal-Loch wächst

Unsichere Zukunft der Feuerwehren? Jens Seipp, Sprecher der ehrenamtlichen Kräfte der freiwilligen Brandschützer, schätzt im OP-Interview die Situation in der Universitätsstadt ein.

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Gemessen an der Einwohnerzahl gibt es in Marburg außergewöhnlich viele ehrenamtliche Feuerwehrleute – „noch“, wie Jens Seipp, Sprecher der ehrenamtlichen Kräfte in Marburg, im Interview mit der OP sagt.

Quelle: Archivfoto: Boris Roessler

Marburg. Forderung nach Reformen an der Landesfeuerwehrschule und ein Plädoyer für den Erhalt der aktuellen Organisations-Struktur (30 hauptamtliche plus Hunderte freiwillige Brandschützer): Jens Seipp, seit 2007 in seiner Funktion als Sprecher der ehrenamtlichen Kräfte der Marburger Wehren tätig, vertritt die Interessen von insgesamt etwa 700 Ehrenamtlichen (inklusive rund 200 in Jugend- und Kinderfeuerwehren Tätigen).

OP: Wie bewerten Sie die gegenwärtige Nachwuchs-Situation der Marburger Feuerwehren?

Jens Seipp: Wir sind in der Stadt ganz gut aufgestellt - noch. Bei mehr als 500 Aktiven schauen andere Kommunen neidisch zu uns rüber. Aber an einigen Standorten, in einigen Stadtteilen haben wir schwer zu kämpfen. Da mangelt es massiv an Jugendlichen, die nachrücken. Diese Entwicklung kommt jetzt schon in den Einsatzabteilungen an. Die Sorge ist also durchaus vorhanden, dass es ein großes Loch gibt, perspektivisch der Anschluss verloren geht.

OP: Also wird in Marburg langfristig eine Berufsfeuerwehr eingesetzt werden müssen.

Seipp: Nein, das denke ich nicht, und zwar nicht nur, weil so ein Schritt die Stadt Hunderttausende Euro pro Jahr kosten würde. Es ist ja so, dass wir in den vergangenen Jahren sogar eine freiwillige Wehr wieder neu gegründet haben, und zwar in Bauerbach. Das war länger ein weißer Fleck auf der Landkarte, da ja auch Ginseldorf keine Wehr hat, was sich wiederum auch auf die Lahnberge auswirkte. Da es nun dort die Werksfeuerwehr am Klinikum gibt, werden die Ehrenamtlichen in der ganzen Stadt durch sinkende Einsatzzahlen entlastet. Personell werden wir für eine ganze Weile noch gut aufgestellt sein, wir können schnell mehr Manpower mobilisieren - siehe Richtsbergbrand 2014 - als eine Berufswehr. Und überhaupt: Damit ein System Berufsfeuerwehr hier funktioniert, bräuchte man sicher 120 Festangestellte. In naher Zukunft wird die grundsätzliche Einsatzfähigkeit der Wehren noch kein zu großes Problem sein, im Gegensatz zum starken Mangel an Führungskräften.

OP: Trotzdem, darauf macht die Ockershäuser Feuerwehr mit ihrem Atemschutz-Video aufmerksam, braucht es auch mehr normale Mitglieder, Aktive in den Jugend- und darauffolgend in den Einsatzabteilungen.

Seipp: Ein spannendes Thema für uns ist, wie wir Migranten für uns und die Arbeit gewinnen können. Da müssen wir ran, da gibt es Potenziale. Das Problem ist, dass in vielen Ländern Feuerwehr nicht das hiesige positive Image, sondern ein negatives, militärisches Auftreten hat. Das zu durchstoßen ist schwer. Das muss uns aber häufiger als bisher gelingen, flächendeckend. Schwer vorstellbar ist das leider bezogen auf die gerade ankommenden Flüchtlinge, auf Asylbewerber, auch aufgrund von deren Erlebnissen in Krieg und Krise. Aber im Bereich der Jugendarbeit sollten wir uns speziell den Flüchtlingskindern annehmen. Das aber weniger mit der Rekrutierungsabsicht, sondern wegen sozialer Gründe. Führt diese Hilfe dazu, dass sich die Jugendlichen später engagieren wollen, wäre das der Idealfall. In Bezug auf Mitgliederwerbung bleiben natürlich auch Frauen und Mädchen wichtig. Da liegen wir in den Außenstadtteilen noch deutlich unter den Möglichkeiten.

OP: Wie lässt sich der Trend - sowohl bei den Führungskräften als auch normalen Aktiven - stoppen?

Seipp: Führungskräfte, also die Wehrführer, benötigen mehr Qualifikationen als andere, müssen daher viele Lehrgänge an der Landesfeuerwehrschule belegen. Das ist zeitraubend, etwa 14 Tage am Stück für Theorie und Praxis, insgesamt Fortbildungen, die binnen weniger Jahre acht bis zehn Wochen in Anspruch nehmen - da haben auch die verständnisvollsten Arbeitgeber Probleme mit dem Freistellen ihrer in der Feuerwehr engagierten Mitarbeiter. Ergo müssen wir an das Ausbildungssystem ran, an diesem Stellrädchen gilt es zu drehen, etwa durch das Verkürzen der Präsenzzeiten an der Schule. Theorieteil flexibel im Internet, ein paar Tage Praxistest vor Ort - das würde alles deutlich erleichtern und mehr Leute zu den Zusatzausbildungen bewegen. Was die Aktivenzahlen angeht, sehe ich wie gesagt Potenziale vor allem bei Migranten und Frauen; im Gegensatz zu anderen habe ich allerdings wenig Hoffnung, dass Quereinsteiger die Lösung sind.

von Björn Wisker

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