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Feuerwehr-Nachwuchs übt den Notfall

OP-Reportage Feuerwehr-Nachwuchs übt den Notfall

Behandlung von blutenden Wunden oder den professionellen Transport Verwundeter - die Marburger Jugendfeuerwehr trainiert alles, um später im Ernstfall bereit zu sein.

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Ole (links vorne) und Philipp (rechts) verbinden „Unfallopfer“ und bekommen dabei Tipps von Jugendfeuerwehrwart Stephan Schuld (hinten) und seiner Stellvertreterin Jenny Budke.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Erste-Hilfe, stabile Seitenlage, Druckverband - das hat jeder schon einmal gehört und zumindest in der Theorie verstanden. Doch was genau ist bei einem plötzlichen Unfall, der Behandlung blutender Wunden und Versorgung von hilflosen Opfern als Ersthelfer auf die Schnelle zu tun - das ist schon etwas für Mutige. Und mutig, das sind die jungen Nachwuchskräfte der Marburger Jugendfeuerwehr.

Aber mutig sein alleine reicht nicht. Wichtig ist auch das Training und so üben die Lebensretter in spe jeden Mittwochabend. Mal steigen sie auf die Leiter, im Sommer wird auch das Löschen mit Schlauch ausprobiert, aber heute Abend steht Erste Hilfe auf dem Stundenplan: Die sechs Teilnehmer haben sich zum Erste-Hilfe-Kurs versammelt.

Junge Retter wissen Bescheid

Mit Sanitätsrucksack, Notfallkoffer, Handschuhen und jeder Menge Verbänden und Notfallutensilien ausgestattet legen die jungen Rettungshelfer hochmotiviert los - und das in voller Uniform. Trotzdem ist die Stimmung gut und man merkt sofort, dass das hier keiner als langweilige Pflicht ansieht. Abteilungsmitglied und Schulsanitäter Philipp übernimmt die Übungsleitung. Als erstes steht die stabile Seitenlage auf dem Rettungs-Programm.

Welcher Arm war das gleich noch? Welches Bein gehört wo hin? Wo fängt man als Ersthelfer nur an? Die jungen Retter zwischen zehn und achtzehn Jahren wissen bereits, wo es lang geht. „Erst mal die Person ansprechen und den Notruf alarmieren“, weiß etwa Lukas, der auch gleich das Unfallopfer mimt. „Hallo, hallo, hören sie mich?“, fragt Kollege Patrick.

So wirklich ansprechbar ist der Verunglückte nicht, also prüft der Retter erst einmal die Atmung - die ist glücklicherweise vorhanden, aber schwach.

Jeder spielt mal den Verunglückten

Also ab in die stabile Seitenlage, etwa so: die Beine des am Boden liegenden strecken, den nahen Arm angewinkelt nach oben legen, den anderen Arm über der Brust kreuzen, das linke Bein des am Boden Liegenden angewinkelt auf dem Boden aufstellen. Das sollte reichen, Patrick rollt das „Opfer“ auf die rechte Seite, mit Erfolg, es bleibt stabil liegen. Nun noch den Kopf strecken und den Mund öffnen - um zu verhindern, dass der Unglückliche an seinem Erbrochenen erstickt.

Abwechselnd stellen die jungen Retter nun die verschiedensten Not-Situationen dar. Jeder spielte mal den Verunglückten. „Ich blute, ich blute“, brüllt etwa Ole seine jungen Kameraden an und mimt überzeugend das verletzte Unfallopfer. Seine erfahrenen Kollegen beruhigen ihn erst einmal, legen den Unglücksraben auf den Boden und beginnen mit der Behandlung der „Wunde“. Diese blutet stark, also muss ein Druckverband her, um die Blutung zu stillen. Hier gilt das Prinzip „fest aber nicht zu fest“, erklärt Fabian.

Als „Druckmittel“ lässt sich so gut wie alles in entsprechender Größe verwenden, vom Stein über eine Verbandrolle bis hin zum Smartphone, das natürlich hinterher ein bisschen versaut ist. Das ganze wird dann fest gewickelt mit einem Tuch, Schal oder was eben gerade da ist.

Faustregeln für Ersthelfer

Nun wird es kritisch, eine „ohnmächtige Person“ wird aufgefunden. Höchste Alarmbereitschaft unter den Ersthelfern. Eine Herz-Lungen-Wiederbelebung ist schon eine fortgeschrittene Rettungsmaßnahme, doch jeder kann sie erlernen und durchführen. Als wichtige Faustregel gilt hier: 30-mal Herzdruckmassage, zweimal

Die Behandlung erfolgt idealerweise auf festem Untergrund. Mit den übereinanderliegenden Handballen drückt der Retter auf die Mitte des Brustkorbs des am Boden liegenden Opfers. Um mehr Druck erzeugen zu können bleiben die Arme ausgestreckt, erklärt Übungsleiter Philipp. Für eine Beatmung erst die Atemwege freimachen, den Kopf des Verunglückten nach hinten neigen, das Kinn anheben und die Nase verschließen. Schließlich einatmen, die Lippen dicht um den Mund des Betroffenen legen und normal ausatmen. Den Vorgang wiederholen bis die Rettungskräfte eintreffen. Anschließend widmen sich die jungen Leute noch ausgiebig der Fahrzeugkunde und lernen den Umgang mit Spine-Board, Krankentrage und Gurte aus dem Mannschaftswagen kennen. Über zwei Stunden lang hatten die Jungs sichtlich Spaß an den spannenden Übungen und dem technischen Equipment der Feuerwehr. „Das macht wirklich Spaß hier und ist eine wichtige Übung, um Menschen helfen zu können“, findet nicht nur Lukas.

Wöchentliche Übungen mit Spaß im Mittelpunkt

Neben zahlreichen weiteren Übungs- und Freizeitangeboten der Abteilung trainiert die Jugendabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte einmal in der Woche für den potenziellen Ernstfall. Die Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich neben Erster Hilfe und Rettungsmaßnahmen, mit Feuerwehrtechnik, erkunden die verschiedenen Lösch-, Transport- und Einsatzfahrzeuge der Wehr, treiben Sport, kochen gemeinsam und trainieren für die regelmäßigen Wettkämpfe der Jugendfeuerwehr im ganzen Land. Im Mittelpunkt steht der Spaß an der Sache und vor allem Teamwork. Derzeit befinden sich 14 Mitglieder in der Jugendabteilung, was einen Rückgang von über 60 Prozent seit dem Jahr 2008 entspricht. „Wir haben einen massiven Personalrückgang“, sagt Jugendfeuerwehrwart Stephan Schuld.

Das Interesse und Engagement der Jugend an der Feuerwehrarbeit lässt zusehends nach. Viele Menschen seien sich darüber hinaus gar nicht mehr bewusst, dass nicht nur die Feuerwehren auf dem Land sondern auch die städtische Zentrale zum Großteil aus Ehrenamtlichen besteht, die nach Dienstschluss der hauptamtlichen Kräfte im Notfall aktiv werden. Der wachsende Kräftemangel innerhalb der verschiedenen Marburger Feuerwehren mache sich immer mehr bemerkbar. Die Wehr will sich in Zukunft mit neuen Konzepten, bunten Mitmach-Aktionen und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Jugendorganisationen verstärkt auf Mitgliedergewinnung und Nachwuchsförderung konzentrieren

von Ina Tannert

Nachwuchsretter willkommen
Der Übungsdienst der Jugendabteilung der Feuerwehr Marburg-Mitte findet jeden Mittwoch außerhalb der Schulferien von 18 bis 20 Uhr statt. Jeder interessierte Nachwuchsretter zwischen zehn und achtzehn Jahren ist herzlich willkommen.
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