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Festredner Norbert Lammert: Mit Parteien in die Zukunft

70 Jahre CDU Marburg-Biedenkopf Festredner Norbert Lammert: Mit Parteien in die Zukunft

Zu seinem „runden Geburtstag“ gewann der CDU-Kreisverband Marburg-Biedenkopf einen besonderen Festredner - den amtierenden Präsidenten des Deutschen Bundestages, Professor Norbert Lammert.

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Zum 70. Geburtstag der CDU Marburg-Biedenkopf kam der Bundestagspräsident Norbert Lammert als Gastredner nach Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Bereits ein Jahr nach Kriegsende, also 1946 wurde der hiesige Kreisverband der CDU gegründet. Und so feierte­ die CDU am Dienstagabend im Congresszentrum der Deutschen Vermögensberatung ihr 70-jähriges Bestehen. Mit einer kurzen Rückschau auf die, die als Mitglieder des Verbandes die Politik der CDU auf Kreis-, Landes- und Bundesebene mitgestaltet haben, leitete der jetzige Vorsitzende, der hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer, den Festabend ein.

Marburg ist für Lammert nicht nur eine Stadt auf der Landkarte. Er hat die Stadt schon als Schüler kennengelernt, verriet er. Und er hat einen guten Freund in Marburg: Friedrich Bohl.

Beide zogen 1980 erstmals als Mitglieder der damaligen CDU-Fraktion in den Deutschen Bundestag ein. Der ehemalige Kanzleramtsminister Bohl erinnerte die Gäste des Festabends an eine Tatsache, die von den meisten Menschen in Deutschland als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, aber doch etwas ganz Besonderes darstellt: „70 Jahre bedeutet auch 70 Jahre Frieden. Und so lange gab es hier noch nie Frieden.“

An dieser Aussage knüpfte schließlich Professor Norbert Lammert an und legte dar, dass es dafür Gründe gibt, die möglicherweise allzu leicht übersehen oder vergessen werden. Einen maßgeblichen Anteil an der langen Friedensperiode schiebt er nämlich den parlamentarischen Demokratien in Europa zu.

Zur Veranschaulichung stellte­ er der Zeit von 1946 bis heute­ die Zeit von 1846 bis 1916 gegenüber. Auch eine Zeitspanne von 70 Jahren, die aber alles andere als von Frieden geprägt war. Politik wurde damals fast wie selbstverständlich mit kriegerischen Mitteln ausgefochten. Er erinnerte an die Einigungskriege mit Dänemark, Österreich und Frankreich und dann an den Ersten Weltkrieg. „Vor genau 100 Jahren, 1916, kam es bei Verdun wohl zu der brutalsten Auseinandersetzung, wo über ­Monate hinweg gekämpft wurde und am Ende keine 15 Kilometer Landgewinn standen, aber Hunderttausende Tote auf beiden Seiten zu beklagen waren.“

Demokratische Parteien lösen ihre Aufgaben anders und vor ­allem friedlich. Ein wesentlicher Schritt zum Frieden in Europa war darüber hinaus der Zusammenschluss der Staaten zu einer Gemeinschaft, die wir nun als EU kennen. Und obgleich sich Lammert keine besseren Pfeiler für Frieden in Europa vorstellen kann, weiß er auch, dass ausgerechnet diese beiden Friedensgaranten, parlamentarische Demokratien wie auch die EU, bei vielen Menschen nicht das entsprechende Ansehen und Vertrauen genießen.

Klare Absage fürVolksentscheide

Lammert ist überzeugt davon, dass es den Menschen in Deutschland nie besser ging als heute. Und doch nimmt auch er zur Kenntnis, dass sich eine gewisse Unzufriedenheit unter den Bürgern breit gemacht hat, die deshalb nicht selten zu einfacheren Antworten zu komplexen Themen und Herausforderungen tendieren. Ein Grund, warum Lammert kein Freund von Volksentscheiden ist. Denn so werden Entscheidungen herbeigeführt, die nur scheinbar eine Lösung bringen, deren Auswirkungen aber das Gesamtgefüge nicht nur bedrohen, sondern nachhaltig schädigen können.

Als aktuelles Beispiel nannte er das „ohne Not in Großbritannien durchgeführte Referendum zum Verbleib in der EU“. Parteien agieren anders. Lammert sieht sie in der besonderen Verantwortung, auf allen Themengebieten die beiden Leitfragen „Was können wir wirklich?“ und „Was wollen wir eigentlich?“ in eine Balance zu bringen. Das mag durchaus dauern, aber dafür haben die Wähler auch alle vier Jahre die Möglichkeit, durch eine Wahl darauf einzuwirken, welche Parteien in der Verantwortung stehen sollen.

„Sicher, an Kritik gibt es keinen Mangel“, gibt er zu, doch dürfe dabei nicht außer Acht gelassen werden, was über die parlamentarische Demokratie erreicht wurde, wie es den Menschen in diesem Land geht. Deutschland gelte international als das beste Land zum Leben.

Lammert hat auch eine Botschaft an jene, die sich schnell entmutigen lassen und mit Zurückhaltung und Angst beziehungsweise auch mit Zurückweisung auf neue Entwicklungen reagieren. Zum Thema Flüchtlinge sagte er: „Das, was wir 2015 hier erlebt haben, ist im Vergleich zur Zeit vor 70 Jahren nur eine Miniaturausgabe des Problems.“ Damals waren dazu noch 50 Prozent aller Wohnungen in Deutschland durch den Krieg zerstört als mehr als neun Millionen Flüchtlinge in das Land kamen und Aufnahme fanden. Lammert warb letztendlich wie auch Dr. Thomas Schäfer dafür, dass sich Menschen, die etwas für eine sichere Zukunft des Landes und auch Europas bewegen wollen, in den Parteien engagieren sollen. Schäfer und Lammert beschönigten nichts. Der kontinuierliche Rückgang der Mitgliederzahlen bei demokratischen Parteien sei alarmierend und müsse aufgehalten werden.

Eine starke Rede, befanden am Ende seiner Ausführungen die Zuhörer und bedachten Lammert mit lang anhaltendem Applaus. Auch wenn Lammert mehrfach öffentlich deutlich gemacht hat, dass er für das Amt des nächsten Bundespräsidenten nicht zur Verfügung steht, gab es sicher nicht wenige im Saal, die sich in dieser Angelegenheit eine Kehrtwende von Lammert wünschen. Dr. Thomas Schäfer sprach es auch offen aus: „Wir wären im Nachgang stolz darauf, wenn wir an diesem Abend den künftigen Bundespräsidenten willkommen geheißen haben.“ Lammert ging darauf nicht ein, auch nicht mit einer Bekräftigung einer Absage. Und so legte Dr. Stefan Heck, der als CDU-Fraktionsmitglied im Bundestag aktiv ist, noch ein bisschen nach, als er Lammert bescheinigte, die Fähigkeit zu besitzen, immer die richtigen Worte zu finden, auch wenn es mal richtig schwierig wird.

Der Abend wurde dann mit Gesprächen bei Essen und Trinken fortgesetzt. Mit dabei waren neben verdienten CDU-Kreisverbandsmitgliedern wie Friedrich Bohl, Dr. Christean Wagner, Robert Fischbach und Walter Troeltsch und derzeit in Verantwortung stehender Politiker wie Dr. Thomas Schäfer, Dr. Stefan Heck, Marian Zachow und Werner Waßmuth auch ranghohe Gäste der SPD, so Landrätin Kirsten Fründt, der Bundestagsabgeordnete Sören Bartol und der Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion Werner Hesse.

Schäfer vergaß aber auch nicht, an einen Mann zu erinnern, der 2013 verstorben ist, aber auch unauslöschlich zur Geschichte des Kreisverbandes gehört: der frühere hessische Ministerpräsident Walter Wallmann.

von Götz Schaub

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