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Ferienwohnungen in Marburg sind illegal

Tourismus Ferienwohnungen in Marburg sind illegal

In Wohngebieten in der Universitätsstadt ist das Eröffnen von Ferienwohnungen verboten. Die Verwaltung hat nach OP-Informationen einem der größten Anbieter eine Nutzungsuntersagung erteilt. Die Anlage "Schlossblick" muss den Betrieb einstellen. Das droht nun auch anderen.

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Die Ferienwohnanlage „Schlossblick“ an der Cappeler Straße ist eine der größten ihrer Art in Marburg. Die Betreiber müssen bis spätestens Jahresende das Angebot einstellen – und auch andere Immobilien sind vom Verbot durch die Stadt betroffen.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Ab sofort sollen laut Stadtverwaltung im Haus Cappeler Straße 12 keine zahlenden Gäste mehr in einer der 16 Ferienwohnungen unterkommen.

Der Grund: Wohnungen als Ferienapartments zu nutzen, sei „formell illegal“, eine Genehmigung liege „nicht vor“ und könne generell nicht erteilt werden, da das „bauplanungsrechtlich unzulässig“ sei, heißt es in einem Magistratsschreiben, das der OP vorliegt. Dafür sei die Rechtssprechung verantwortlich, teilt die Stadtverwaltung auf OP-Anfrage mit. In Wohngebieten seien Ferienapartments „grundsätzlich unzulässig“, in anderen Gebieten können sie theoretisch zwar zugelassen werden. „Das muss jedoch wegen Immissionsverhältnisse und sonstigen Randbedingungen in jedem Einzelfall differenziert bewertet werden.“

Den 90 Marburger Ferienwohnungen droht das Aus

Somit droht allen mindestens 90 Ferienwohnungen in der Universitätsstadt das Aus. Ein Schock für Immobilieneigentümer wie Andreas Kunz, der im „Schlossblick“ vier Ferienwohnungen besitzt, zwölf weitere verwaltet. 62 Betten gibt es insgesamt. „Das ist ein Schlag, ich konnte das erst gar nicht glauben“, sagt der 49-Jährige. Pro Monat gebe es mehr als 100 Buchungen, seit 2007 habe es nie Hinweise für eine etwaige Illegalität des Gewerbes gegeben. „Uns wurde von Seiten der Stadt damals sogar geholfen, wir haben Rat bekommen, worauf wir auch bei der Ausstattung achten müssen.“ Nun die Nutzungsuntersagung, die auch alle anderen Ferienwohnungen in der Stadt betreffen könnte. Resultat: Hunderte Übernachtungsmöglichkeiten drohen wegzufallen.

Ein Dämpfer für den Tourismus: „Ein großer Verlust“ sei ein Verbot für die Ferienwohnungen nach Auffassung von Marburg Stadt und Land Tourismus (MSLT), da diese „ein wichtiges Unterkunftsangebot“ im Städtetourismus seien. Bis zu 100000 Übernachtungen würden zusätzlich zu denen in Hotels (Prognose bis Jahresende: 380000) von Ferienwohnungen abgedeckt. Neben der Hotellerie „droht eine wichtige Säule des Beherbergungsangebotes instabil zu werden“, da das ohnehin schon geringe Bettenangebot (Zahl: 2081) sich „weiter verringern“ würde und sowohl Gastronomie als auch Einzelhandel „Umsatzeinbußen befürchten müssen“.

Insgesamt entstehe ein Imageschaden, gerade weil Kundenbuchungen nun im Nachgang des Ferienwohnungs-Verbots storniert werden müssten - gerade im Hinblick auf das bevorstehende Braille-Jahr, in dem die Stadt mit vielen Gästen rechnet, gehe viel verloren.

Bundesregierung tendiere zu Ausnahmegenehmigungen

Andreas Kunz hofft auf Kulanz der Stadt, zumindest bis Jahresende. „Eine Duldung, oder dass die Stadt die entsprechene Verordnung so ignoriert wie andere Kommunen das tun, würde sehr helfen.“ Touristen, Gastwissenschaftler der Philipps-Universität, Mitarbeiter der Behring-Nachfolgefirmen, Eltern, die ihre studierenden Kinder besuchen, auch für die wenigen Partygäste: „Es wird viel wegfallen, womit es für alle schwerer wird, in Marburg unterzukommen“, sagt Kunz.

Die Rechtsgrundlage zu ändern - was im Aufgabengebiet von Landes- und Bundesregierung liegt - ist ein Ansinnen, das Kunz mit MSLT teilt. Der 49-Jährige und die anderen Eigentümer überlegen, „gegen die Entscheidung durch alle Instanzen zu klagen“. Jedoch würde das den Eigentümer-Anwälten zufolge bis zu fünf Jahren dauern; bis dahin, so hofft Kunz, gibt es eine Gesetzesänderung. Für mindestens ein, eher zwei oder mehr Jahre muss Kunz aber den Betrieb dichtmachen, glaubt er.

Antwort der Bundesregierung in einer aktuellen Stellungnahme: Ja, man tendiere dazu, dass Ferienwohnungen in Baugebieten künftig „als Ausnahme zugelassen werden könnten“. Es lägen „keine Anhaltspunkte“ vor, dass nach der Verabschiedung der ersten Fassung der Baunutzungsverordnung 1962 beabsichtigt gewesen wäre, dass diese in einzelnen Baugebieten unzulässig seien.

Bauaufsicht wurde erst auf Bürgerhinweis hin aufmerksam

Es sei „bedauerlich“, dass es keine höchstrichterliche Rechtssprechung des Bundesverwaltungsgerichts gebe, womit die von der Auffassung der Bundesregierung abweichenden und bis Marburg wirkenden Urteile der Oberverwaltungsgerichte Greifswald und Lüneburg gelten.

Doch wieso wurde die Bauaufsicht überhaupt erst acht Jahre nach Eröffnung auf „Schlossblick“ aufmerksam? Die Behörde sei auf Bürgerhinweise angewiesen, da es „keine flächendeckenden und permanenten Kontrollen“ gebe. Ein Eigentümer, der die seit Jahren wachsende Zahl der Ferienwohnungen im Haus kritisierte, löste den Prozess aus (die OP berichtete). „Erst dann und so tätig zu werden, fördert kein gesundes Rechtsempfinden, so verwaltungsüblich diese Praxis auch sein mag“, sagt Kunz.

Zur Zukunft des Gebäudes Cappeler Straße 12 „möchten wir wegen des laufenden Verfahrens keine Aussage treffen“, heißt es von der Stadt. Nach OP-Informationen haben die Behörden den Eigentümern das Angebot gemacht, statt der Ferienwohnungen dort Flüchtlingsunterkünfte anzumieten. Das scheint die Mehrheit der Immobilieneigentümer jedoch abzulehnen, einige planen einen Apartmentverkauf, andere wollen - speziell für Studenten - via Kurzzeitmietvertrag möbiliertes Wohnen anbieten. Hintergrund: Käme es zu einer Gesetzesnovelle, könnten die Betreiber die Apartments schneller wieder in Ferienwohnungen umwandeln.

von Björn Wisker

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