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Ferien im Kerstinheim

Sommercamp für geistig Behinderte Ferien im Kerstinheim

Achterbahn fahren in der Lochmühle, Wasserschlacht im Garten, Abenteuerbauernhof - die Kinder kehren nach den Ferien mit einer Tüte voll bunter Andenken zurück nach Hause.

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Jessica hat der OP dieses Bild gemalt. Sie verbringt seit Jahren regelmäßig einen Teil ihrer Sommerferien im Kerstinheim.

Marburg. Wehrshausen. Im Haus Linde wohnen in den Sommerferien elf geistig behinderte Feriengäste. Normalerweise leben sie bei ihren Eltern, arbeiten in Werkstätten oder gehen auf Schulen. Aber in den Sommerferien können sie sich in Marburg im Kerstinheim entspannen.

Jasmin und Ann-Kathrin kommen schon seit vier Jahren zusammen ins Feriencamp. „Ich finde es schön, die anderen Kinder zu treffen“, sagt Jasmin. Sie ist heute etwas müde, nach dem Ausflug in die Lochmühle gestern. Vor allem die Achterbahn ist den fünf Kindern der Gruppe in Erinnerung geblieben: Jessica wiederholt den Freudenschrei, mit dem sie gestern durch die Kurven gebrettert ist und reißt die Arme hoch.

„Hier ist Freizeit - hier sollen die Kinder jeden Tag etwas erleben“, sagt Betreuerin Sarah Stallenberger. Sie und ihre Kollegen sind im Schichtdienst rund um die Uhr für die Feriengäste da. Im Vergleich zu den anderen Heimkindern haben es die Feriengäste etwas leichter. Erzieherische Maßnahmen werden auf das Nötigste beschränkt und zur Schule müssen sie in den Ferien natürlich auch nicht.

Das Kerstinheim ist eigentlich ein Kinderheim für geistig und mehrfach behinderte Kinder, die nicht zu Hause leben können. Diese wohnen für mehrere Jahre auf dem weitläufigen Gelände in Wehrshausen und gehen auf die zugehörige Daniel-Cederberg-Schule, bis sie alleine wohnen können oder in eine Einrichtung für Erwachsene umziehen.

Seit fast 20 Jahren gibt es neben der langfristigen Betreuung im Kerstinheim aber auch die Kurzzeitpflege, zu der das Feriencamp gehört.

Eltern zu sein ist manchmal gar nicht so einfach

Behinderte Kinder brauchen die Fürsorge und Zuwendung ihrer Eltern in ganz besonderem Maße. „Im Zeitalter der Inklusion ist es zwar schwer, das zu sagen, aber ein behindertes Kind ist für eine Familie oft auch eine Belastung“, sagt Hans Ordnung, der Leiter des Kerstinheims. Um diese Herausforderung erfüllen zu können, müssten auch die Eltern mal neue Kräfte sammeln. Und die Geschwister behinderter Kinder, so Ordnung, genießen es, in den Ferien im Mittelpunkt zu stehen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bekommen, von der ihre behinderten Geschwistern im Alltag mit einen großen Teil einnehmen.

Außerdem gibt es noch den Fall, dass die Eltern behinderter Kinder einmal krank sind und sich nicht um ihr Kind kümmern können. Die Kurzzeitpflege kann deshalb sehr unterschiedlich lang dauern: von drei Tagen über zwei Wochen Sommerferien bis hin zu mehreren Monaten.

Wichtig in all diesen Fällen ist, dass die Eltern sich sicher sind, dass ihre Kinder in der Zeit gut versorgt sind. Bevor die Ferien beginnen, lädt Heimleiter Ordnung neue Gäste deshalb für ein Probewochenende ein. „Die Kinder spüren, wenn ihre Eltern sie guten Gewissens hier abgeben“, ist er sich sicher.

Im Haus Linde sind die Feriengäste je nach Grad ihrer Behinderung in zwei Gruppen eingeteilt. „Die fitteren Kinder lieben die Ausflüge, die stärker behinderten Kinder brauchen vor allem intensive Betreuung und Ruhe“, sagt Helga Schinagl-Ordnung, die im Kerstinheim für die Pflege verantwortlich ist.

In der „fitten“ Gruppe ist kurz nach dem Mittagessen noch nicht an Mittagschlaf zu denken. Rosi und Aaron spielen ein Tischkicker-Turnier, während Jasmin und Ann-Kathrin malen. Die fertigen Werke sammeln sie mit Fotos von den Ausflügen und Bastelarbeiten in ihren Erinnerungstüten. „Mit den Tüten fällt es den Kindern leichter, nach den Ferien zu Hause von ihren Erlebnissen zu erzählen“, sagt Schinagl-Ordnung. Für die Kinder, die meist keine Handys hätten, seien auch klassische Ansichtskarten ein spannendes Medium. „Die freuen sich riesig über die Karten ihrer Familien. Und sie können ihre Antwortkarten dann selber hier unten in den Briefkasten schmeißen.“ Am Wochenende wird ein Teil der Gruppe wieder nach Hause fahren. Doch für Samstag haben sie noch einen Plan: Da wollen sie Pasta kochen und Eis zum Nachtisch essen.

Die Kurzzeitpflege wird allen Menschen, die in eine Pflegestufe eingeteilt sind, von der Pflegeversicherung bezahlt. Anmeldung und weitere Informationen zum Kerstinheim finden Eltern unter www.kerstin-heim.de

von Thomas Strothjohann

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