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Fehlt es an Gewicht, hilft nur Schwung

1. Marburger Rutsch-Meisterschaften Fehlt es an Gewicht, hilft nur Schwung

Die Starter des Deutschen Rennrutschverbands hatten einige Tipps für schnelle Zeiten auf Lager und entdeckten sogar ein Nachwuchstalent.

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In seinem Debüt bei den Marburger Rutschmeisterschaften im Aquamar verpasste OP-Mitarbeiter Jouka Röhm den Einzug in die Finalrunde um einige Zehntelsekunden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Mit Freunden um die Wette rutschen? Schön und gut. Am vergangenen Samstagmittag wurde aus dem rutschigen Vergnügen aber ein echter sportlicher Wettkampf – um den Titel der 1. Marburger Rutschmeisterschaft. Ein Wettbewerb, für den „Rutsch-Profis“ aus allen Ecken Deutschland eigens nach Marburg gereist sind. Die Athleten zeigten sich aber gerne bereit, mir und den anderen Laien im Starterfeld eine kleine Nachhilfestunde im Speedrutschen zu geben.

Mit der Startnummer 54 stürze ich mich als Vorletzter der insgesamt 55 Teilnehmer in die blaue Röhre der ,,Black Hole“-Rutsche im Marburger Aquamar zum ersten der drei Vorläufe. Nur die zehn Schnellsten erreichen das Finale. Die Technik habe ich mir unten von den „Profis“ erklären lassen: „Mit der Dreipunkt-Technik hat man am wenigsten Reibungswiderstand“, rät mir Carsten Bücken. Der 44-Jährige aus Hagen ist Vorsitzender des Deutschen Rennrutschverbandes, kurz DRV, und aktiver Rutscher.

,,Schultern und eine Ferse auf die Bahn, die Arme über dem Kopf oder an den Körper. Und den Rücken durchdrücken“, empfiehlt mir der Rutsch-Routinier. Die Haltung kann ich auf der wilden Fahrt durch die 63 Meter lange und gewundene Finsternis ganz gut bewahren. ,,Zehn Komma zwei Sekunden“, schallt es mir im Auflaufbecken entgegen.

Die Starter des Deutschen Rennrutschverbands hatten einige Tipps für schnelle Zeiten auf Lager und entdeckten sogar ein Nachwuchstalent.

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Organisator und DRV-Mitglied Ron-Hendrik Peesel hat stets den Blick auf Geschwindigkeits- und Zeitmesser, kommentiert dazu das Rennen. Mein Jubel über dieses Ergebnis hält sich in Grenzen. Kurz zuvor hat der Marburger Christoph Jakob schließlich mit 8,7 Sekunden den neuen Bahnrekord aufgestellt – und das als Laie! Es geht also noch viel schneller. Zwei Vorläufe bleiben mir aber noch. Ein kleiner Trost: Auch bei den Profis hakt es.

,,Mist, bin in der letzten Kurve umgekippt“, ärgert sich Jens Niedermeyer aus Speyer über seinen ersten Run – „nur“ 9,1 Sekunden. Auch der 51-jährige Klaus Mertel aus der Nähe von Stuttgart, Deutscher Meister im Speedrutschen von 2012, klagt über seinen ersten Versuch. ,,Beim Training lief es noch richtig gut. Da habe ich 8,8 Sekunden geschafft.“ Doch in den Vorläufen will es beim ehemaligen Deutschen Meister noch nicht so recht flutschen.

Neun Sekunden reichen dennoch fürs Finale. Derweil plaudert DRV-Chef Carsten Bücken weiter eifrig aus dem Technik-Nähkästchen: „Beim Rutschen kommt es auch auf das Material an. Badeshorts sind wahre Bremsschirme“, erklärt Bücken und schaut tadelnd auf meine weite Badehose. „Die füllen sich mit Wasser und sorgen für Reibung. Mit einer eng ansitzenden Badehose bist du locker eine halbe Sekunde schneller.“

Ein typischer Anfängerfehler also! Kann ich diesen Nachteil denn durch technische Finessen wieder wettmachen? Mit meinem „Kampfgewicht“ von 63 Kilogramm fehlt mir nämlich noch dazu die Masse, um auf Top-Durchschnittsgeschwindigkeiten von fast 30 km/h zu kommen. „Wem es an Gewicht fehlt, der muss beim Start richtig Schwung holen. Wer kann, fliegt richtig in die Rutsche hinein“, so Bücken.

Ehemaliger Deutscher Meister freut sich über Erfolg

Im letzten Vorlauf mache ich am Start also einen ordentlichen Ausfallschritt und hüpfe in die Röhre, beherzige natürlich auch die Dreipunkt-Technik. Es läuft gut: Kein einziger Wackler, auch die Kurven nehme ich trotz der bescheidenen Sichtverhältnisse tadellos. Das war deutlich besser als im ersten Lauf. „Neun Komma Neun Sekunden“, ruft Wettkampf-Boss Peesel in sein Headset. Ich bin zufrieden, die Tipps der Profis fruchten!

Dennoch: Für die Finalrunde reichen meine Zeiten bei Weitem nicht. Mir fehlen mindestens sieben Zehntel. Die DRV-Athleten nehmen derweil im Kampf um den Titel richtig Geschwindigkeit auf, machen ihrem Namen als „Speedrutscher“ – wie auf einigen T-Shirts zu lesen ist – alle Ehre. Die Hobby-Athleten kommen im Auslaufbecken mit solcher Wucht an, dass die Zuschauer regelmäßig von den entstehenden Wasserfontänen geduscht werden.

Gerutscht wird ohne Rücksicht auf Verluste. Meine Ferse schmerzt noch von den Vorläufen. Ein Anderer kühlt seine lädierte Schulter mit einem Eisbeutel. Die Rücken der erfahrenen Rutscher weisen typische Verbrennungsnarben an den Schulterblättern auf. Die Dreipunkt-Technik hat eben auch ihre Tücken. Derweil purzelt der Bahnrekord von Christoph Jakob, der Schwabe Klaus Mertel rast in 8,6 Sekunden die Rutsche hinunter und sichert sich damit auch den Titel.

Der ehemalige Deutsche Meister freut sich sichtlich über seinen Triumph, hat aber auch noch lobende Worte für den überraschend schnellen Marburger Christoph Jakob auf dem fünften Platz: „Beim nächsten Wettkampf hier in der Nähe machst du einfach bei uns mit“, lud der DRV-Sportler den ,,Newcomer“ ein.

von Jouka Röhm

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