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Fast wäre Wallmann Marburgs OB geworden

CDU-Politiker Fast wäre Wallmann Marburgs OB geworden

Am heutigen Samstag wird Hessens früherer Ministerpräsident Walter Wallmann beigesetzt. Seine politische Karriere begann der Christdemokrat in Marburg.

Marburg. Am 28. Februar 1970 wurde Walter Wallmann zum Marburger Oberbürgermeister gewählt - und sollte es doch nicht werden. Vor dem Rathaus, in dem die Stadtverordneten die Wahlhandlung vollziehen sollen, errichtet die Polizei Absperrungen. Demonstranten marschieren auf.

Drinnen stehen zwei Kandidaten zur Wahl: Der langjährige Amtsinhaber Georg Gaßmann (59/SPD) und der junge Landtagsabgeordnete Dr. Walter Wallmann (37/CDU). Gegen 11.25 Uhr verkündet Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Jahn (SPD) das Ergebnis: 19 Stimmen für Wallmann, 18 für Gaßmann.

Der Wahlsieg des Hoffnungsträgers Wallmann gegen den in der Bevölkerung hoch angesehenen Gaßmann ist von der Koalition aus CDU, FDP und Wahlblock möglich gemacht worden. Doch die Freude währt nur drei Monate. Die SPD-Stadtverordneten Zingel, Lorenz und Wölk legen Widerspruch gegen die Wahl ein. Ihre Begründung: Gewählt wurde einen Tag zu früh.

Der Widerspruch wird im Parlament abgeschmettert. Darauf erhebt die SPD Anfechtungsklage beim Verwaltungsgericht in Kassel. Die Koalitionsfraktionen, sie sind sich ihrer Mehrheit offenbar sicher, erklären sich bereit, die Wahl am 2. Juni 1970 zu wiederholen.

Dann landet die SPD einen Coup, von dem altgediente Kommunalpolitiker noch heute sprechen: Der völlig unbekannte Politikwissenschaftler Dr. Hanno Drechsler wird anstelle von Gaßmann nur einen Tag vor der Wahlwiederholung in einer historischen Nachtsitzung von Fraktion und Parteivorstand zum neuen Kandidaten der SPD erhoben. Mit dieser Personalie wird die FDP aus dem bürgerlichen Lager herausgebrochen. Die Spitzen-Liberalen Gertrud Röhr und Bürgermeister Hansjochen Kochheim, erst frisch von der Koalition zum Bürgermeister gewählt, lassen sich in geheimen Gesprächen von der Personalie Drechsler überzeugen.

Walter Troeltsch (CDU), Stadtältester und damals Stadtverordneter, erinnerte sich vor vielen Jahren in der OP, dass nicht einmal die eigene Fraktion von dem Angebot Kochheims und Röhrs wusste - „geschweige denn die verratenen Koalitionsfraktionen von CDU und Wahlblock.“

Die Rechnung der SPD geht auf. Am 2. Juni wird Drechsler mit 20 zu 17 Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt.

Im Nachhinein war das Scheitern in Marburg ein Glücksfall für die politische Karriere von Walter Wallmann. Er zog 1973 für die CDU in den Bundestag ein, saß 1974 und 1975 schon dem Guillaume-Untersuchungsauschuss vor, der die Hintergründe des Rücktritts von Bundeskanzler Willy Brandt nach der Spionageaffäre im Kanzleramt beleuchtete. 1977 wurde er zum Oberbürgermeister von Frankfurt gewählt - einer bis dahin roten Metropole. Wallmann blieb dies bis 1986, als Helmut Kohl nach der Tschernobyl-Katastrophe einen überzeugenden Kandidaten für das neu geschaffene Amt des Umweltministers suchte. 1997 dann gewann er als Spitzenkandidat die Landtagswahl in Hessen und war für vier Jahre der erste christdemokratische Ministerpräsident.

Einer der emotionalen Höhepunkte seiner politischen Karriere: Als Ministerpräsident erlebte er 1989 die Grenzöffnung zur damaligen DDR mit, die am 3. Oktober in der deutschen Wiedervereinigung mündete.

Die Stadt Frankfurt und das Land Hessen gedenken Wallmanns gemeinsam auf einer Trauerfeier, die heute um 11 Uhr auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt beginnt.

von Till Conrad.

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