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Faschingsfreunde mal ganz ernst

Tagung Faschingsfreunde mal ganz ernst

Der Verbund mehrerer Hundert Karnevalsvereine in Hessen und Rheinland-Pfalz hielt seine Jahreshauptversammlung im Bürgerhaus Marbach ab. Im Fokus stand die Frage, was Satire darf und nicht.

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Der Rosenmontagszug fiel in diesem Jahr aufgrund von schlechtem Wetter ins Wasser. Ersatz dafür war der Hafenfestumzug im Mai mit dem Motto „Marburg Ahoi“.

Quelle: Nadine Weigel (Archiv)

Marbach. Eine fallende Nadel hätte die Stille unterbrochen, als Dr. Peter Krawietz sprach, lauschten ihm 100 Mitglieder der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval (IGMK) wie gebannt. Der Vortrag des ehemaligen Kulturdezernenten der Stadt Mainz, gleichzeitig Sitz der IGMK, lotete die Grenzen von Satire aus. Das konkrete Beispiel: die Böhmermann-Affäre.

Im März dieses Jahres hatte Jan Böhmermann in seiner satirischen Late-Night-Show ein Gedicht über den türkische Präsidenten Reccep Tay­yip Erdogan vorgetragen, in dem er den Staatsmann mit insbesondere sexuellen Schmähungen und Behauptungen attackierte. Das Gedicht trug den Namen „Schmähkritik“. Die Staatsanwaltschaft Mainz leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Böhmermann ein, und der Inhalt des Gedichts entwickelte sich zu einem Politikum.

Ob Böhmermann sich inner­halb der Grenzen der Meinungsfreiheit bewegte oder diese überschritt, darüber schieden sich die Geister. Dr. Krawietz vertritt vehement die Seite, die dem Gedicht keinen satirischen Mehrwert abgewinnen kann. Die Begründung: „Wir haben es hier nicht mit Satire zu tun, weil Satire in der Wahrheit fußen muss und nicht einfach nur auf Behauptungen basieren darf.“

Was passieren kann, wenn in Zeiten politischer Polarisierung keine Grenze mehr zwischen Satire und Verunglimpfung bestehen, meint der Mainzer zu wissen. Er hält es mit Kurt Tucholsky. Der Schriftsteller und Satiriker, dessen Bücher zur Zeit des Nationalsozialismus verbrannt wurden, mahnte einst, dass das Unheil mit Worten beginne, dann würden Bücher verbrannt und letztlich ende es in Arbeitslagern. Abschließend stellte Krawietz die rhetorische Frage: „Was wäre wohl passiert, wenn es in Böhmermanns Gedicht um Benjamin Netanjahu gegangen wäre?“ Der ehemalige Lehrer antwortet trotzdem: „Dann wäre die Empörung massiv gewesen“, sagt er und fügt an: „Viele sind nach dem Vortrag zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass sie eine neue Perspektive auf die ganze Sache bekommen hätten“, sagte Krawietz.

Ist Karneval im Sommer ein Traditionsbruch?

So auch IGMK-Präsident Dietmar Jerger, der aus dem Referat des Mainzers einiges lernte. Für die anwesenden Vertreter der 550 Mitgliedsvereine, die im Landesverband IKGM organisiert sind, sollte das Referat einen Denkanstoß darstellen.

„Im Karneval spielt die Satire bei der Büttenrede natürlich eine große Rolle. Da wird ständig humoristisch kritisiert. Aber wir behaupten nicht einfach etwas frei raus, sondern überspitzen die Wahrheit und setzen nicht einfach haltlose Behauptungen und bösartige Unterstellungen in die Welt“, erklärte Jerger, dessen Perspektive auf die Böhmermann-Affäre sich grundlegend geändert habe.

„Ich dachte an Meinungsfreiheit und daran, dass Satire alles darf. Da hat Peter Krawietz mich eines Besseren belehrt. Ansonsten führte Jerger mit guter Laune und einer Vielzahl lockerer Sprüche durch die Jahreshauptversammlung. Zwar lobte er die Schönheit von Marburgs Oberstadt, doch hatte er auch einiges an der Universitätsstadt zu bemängeln - besonders an den Politikern.

So machte er Landrätin Kirsten Fründt und Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach (beide SPD) auf charmante aber ebenso deutliche Weise eins klar: Karneval im Sommer ist inakzeptabel.

In Marburg und anderen Städten innerhalb des Wirkungsbereichs der IGMK wurde in diesem Jahr aufgrund schlechten Wetters der Rosenmontagszug abgesagt und neu angesetzt. In Marburg fand er Anfang Mai im Zuge des Hafenfestes statt. Doch der Karneval als „fünfte Jahreszeit“ lasse sich nicht einfach in den Sommer verschieben.

Der „Sommerkarneval“ war für Jerger nicht vertretbar. Schließlich verschiebe ein gläubiger Christ das Weihnachtsfest nicht auch einfach so. „Uns geht es darum, die Tradition zu wahren“, unterstrich Jerger. Und die gelte es zu schützen. Er erntete Applaus.

von Benjamin Kaiser

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