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Fahrlehrer unter Generalverdacht

Fahrschule Fahrlehrer unter Generalverdacht

Die Fahrlehrer in Deutschland sind sauer, stinksauer. Nach Meinung des Automobilclubs Europa (ACE) lassen sie Schüler bewusst durchfallen, um mehr Geld zu verdienen. Die Gilde wehrt sich gegen die Rufschädigung.

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Quelle: Armin Weigel

Marburg. Die Meldung traf Wolfgang Severin aus heiterem Himmel. Bei der Präsentation der Prüfungsergebnisse, wonach jeder Fünfte durchrasselt, sagt ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner: „Es kommt der Verdacht auf, dass es einen Zusammenhang zwischen der hohen Durchfallquote und der schlechten Ertragslage gebe, unter der viele Fahrschulen angesichts der demografischen Entwicklung leiden.“ Sie spekulierten auf eine hohe Durchfallquote, um anschließend zusätzliche Fahrstunden abrechnen zu können. Rums. Fahrlehrer lassen also mit Absicht Schüler durchfallen, um mehr Geld zu verdienen.

„Was für ein Blödsinn“, sagt Elisabeth Klefer von der Fahrschule FSK-Marburg. „Solche Vorwürfe pauschal in den Raum zu werfen, ist unangebracht.“ Eine Fahrschule könne es sich gar nicht leisten, hohe Durchfallquoten zu haben. Denn: das Image einer Schule ist entscheidend. Macht auf dem Schulhof das Gerücht die Runde, ein Fahrlehrer lasse bewusst die Prüflinge durchrasseln, ist das ganze Geschäft in Gefahr.

„Wir würden uns mit so einem Vorgehen nur selber ins Fleisch schneiden“, sagt Wolfgang Severin. Der Marburger ist einer von vier Fahrlehrern bei der Schule von Marcel Baumann. Um die 200 Schüler pro Jahren verdienen sich dort ihren Lappen. Seine Klienten in die Prüfung zu schicken, mit dem wissen, sie fallen durch, das widerspricht seinem Berufsethos. Und ganz nebenbei auch dem Gesetz: Der Fahrlehrer nämlich unterzeichnet beim TÜV den Vertrag, bei dem es heißt, der Schüler habe die Prüfungsreife erreicht. „Vorher lassen wir niemanden dorthin“, sagt Severin.

Zwischen 1700 und 1800 Euro kostet die Fahrerlaubnis. Von Schüler zu Schüler ist die Rechnung unterschiedlich. „Wie im richtigen Leben halt“, sagt Rudolf Peter, Besitzer der Fahrschule Elf. „Der eine benötigt weniger Stunden, der andere mehr.“ Als Geschäftsmodell würde sich das bewusste Scheitern-lassen gar nicht tragen. „Damit verdiene ich nicht mehr Geld.“ Eine Fahrstunde kostet im Schnitt 35 Euro. Die Gebühr für die Prüfung bekommt der TÜV. „Für mich sind solche Aussagen des Automobilclubs reine Polemik. Mehr nicht.“

Regierungspräsidium verschickt blaue Briefe

Hessen schneidet bei der ACE-Rechnung mit am besten ab. Jeder Fünfte rasselt beim ersten Mal durch den Test. In Thüringen und in Sachsen ist es fast jeder Dritte. Damit die hessischen Durchfaller-Quoten nicht weiter steigen, gibt es spezielle Regelungen. Die Regierungspräsidien haben ein Auge auf die Fahrschulen. Steigt die Zahl der gescheiterten Prüflinge über einen gewissen Zeitraum, hagelt es blaue Briefe, die Lehrer müssen die Zahlen begründen.

Und alleine deswegen schon sieht Wolfgang Severin die Debatte „total entspannt“. Bei den schwarzen Schafen, die ihre Schüler bewusst scheitern lassen, regele sich das Ganze von alleine. „Wir werden alle überwacht. Nachhaltigkeit ist entscheidend, damit man auch in Zukunft bestehen kann.“

Was aber schützt die Gilde der Fahrlehrer vor einer solchen pauschalen Keule durch Automobilverbände? Elisabeth Klefer hat einen Ansatz: „Wir brauchen Transparenz. Für Fahrschüler ist es nicht überprüfbar, welche Schule gut ist und welche nicht.“ Fahrschulen dürfen nicht mit ihren Erfolgsquoten werben. Einzig die Mundpropaganda hilft bei der Akquise.

Rudolf Peter hebt Grundsätzliches hervor und kritisiert die zum Teil falschen Erwartungen: „Für einige sind 2000 Euro für die Ausbildung zu viel, sie geben aber 20000 Euro für das erste Auto aus. Das passt nicht.“ Sich vorab einen Preis als Obergrenze zu geben, habe keinen Sinn: „Der eine bezahlt 1500 Euro, der andere, weil er mehr Fahrstunden benötigt, 2500 Euro. Am Ende zählt die Ausbildung und damit die Sicherheit. Die geht immer vor.“ von Carsten Bergmann

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