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Fahrgast attackiert Schaffner

Aus dem Amtsgericht Fahrgast attackiert Schaffner

Nach einer Meinungsverschiedenheit über den Preis für ein Bahnticket geriet ein 22-jähriger Fahrgast mit einem Zugbegleiter aneinander.

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Bei der Fahrkartenkontrolle kam es zum Streit zwischen dem Angeklagten und einem Schaffner.

Quelle: Franz-Peter Tschauner

Marburg. Mitte Juni vergangenen Jahres fuhr der damals Heranwachsende gemeinsam mit einem Bekannten mit dem Regionalzug von Wetter nach Marburg. Für die Fahrt nahm der Kumpel samt seiner Familie den Angeklagten mit dem Hessen-Ticket mit. Als sich während der Kontrolle herausstellte, dass die Mitfahrt nicht möglich war, geriet der junge Mann mit dem Schaffner in einen ausgedehnten Streit über den Preis für die Fahrt. In Marburg angekommen eskalierte das Wortgefecht, der Angeklagte packte den Kontrolleur am Kragen, zerriss dessen Weste und schlug ihm zweimal mit der flachen Hand ins Gesicht.

Vor Gericht gab der junge Mann den Angriff zu. Auf dem Weg zur Arbeit traf er am Fahrkartenautomat auf einen Bekannten und dessen Familie, die ihm anbot, ihn als fünfte Person mit dem Hessen-Ticket kostenlos mitzunehmen. Erst im Zug stellte sich heraus, dass eines der Kinder mit sechs Jahren bereits zahlungspflichtig war, der letzte Platz des Gruppentickets somit nicht zur Verfügung stand. Er selbst habe dem Fahrkartenkontrolleur daher vorgeschlagen, die Fahrt von Wetter nach Marburg für drei Euro nachzuzahlen - das habe dieser abgelehnt, stellte ihm ein teureres Kinderticket nach Gießen aus. „Ich wollte aber doch nach Marburg und nur für mich selbst zahlen“, sagte der Angeklagte. Als eine Art Druckmittel habe er dem Bahnangestellten das Kartengerät weggenommen. Umgehend sei er daraufhin von seinem körperlich überlegenen Gegenüber an ein Fenster gedrängt worden, „ich fühlte mich bedrängt, dann habe ich zugeschlagen“, gab er zu.

Zuvor sei er provoziert worden. Der Schaffner habe ihn schon länger auf dem Kieker. Der gebürtig aus dem Kosovo stammende Fahrgast fühlte sich diskriminiert, angeblich werde er stets als einer der ersten im Abteil kontrolliert. Dass sich beide bereits kennen, bestätigte auch der Kontrolleur. Aufgefallen sei der Mann früher vor allem durch mehrere Schwarzfahrten, „man kennt seine Pappenheimer eben“, teilte der Zeuge mit. An diesem Morgen sei er davon ausgegangen, dass die gesamte Gruppe mit dem nächsten Zug weiter nach Gießen fahren wollte, erklärte er das ungewollte Ticket. Ein bedrohliches Verhalten seinerseits wies er von sich, für einen Angriff habe es keinen Grund gegeben.

„Sie haben gemerkt, es wird eng, warum schlagen sie dann noch zu?“, wollte auch der Vorsitzende Richter Dirk-Uwe Schauß wissen. „Es war eine unnötige Dummheit, ich bereue das zutiefst“, sah der Angeklagte seinen Fehler ein.

Drei Vorstrafen wegen Gewaltdelikten

Der 22-Jährige hat bereits Erfahrung mit der Justiz, weist drei Vorstrafen wegen Gewaltdelikten auf und stand zur Tatzeit unter Bewährung. Was für ihn auf dem Spiel stand, war ihm bewusst: „Das ist vielleicht schwer zu glauben, aber ich bin kein Mensch, der gleich zuschlägt“, versuchte er zu erklären. Noch vor Jahren habe er sich in einer Art Lebenskrise befunden, aus der er sich heute herausarbeiten wolle. Damals war der zeitweise perspektivlose junge Mann psychisch belastet, konsumierte erhebliche Mengen Suchtmittel und galt als „instabil“, bestätigte die Bewährungshilfe seinen Lebenslauf.

Heute habe er sich gebessert, versuche den Realschulabschluss nachzuholen und bemühe sich um eine feste Arbeit. Angesichts einer „nicht unproblematischen Entwicklung und deutlicher Reifedefizite“ befürwortete auch die Jugendgerichtshilfe eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht. Der Angeklagte sei „ganz einfach sauer und gekränkt“ gewesen, die ganze Situation durch sein Verhalten eskaliert, fasste Staatsanwältin Kathrin Ortmüller den Fall zusammen. Sie hielt dem Mann den Zeitpunkt des Angriffs zugute, der „aus einer persönlichen Krise heraus“ handelte. Das Jugendschöffengericht verurteilte den 22 Jahre alten Fahrgast wegen Körperverletzung zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Neben einem Besuch bei der Drogenberatung hat er zudem vier Drogenscreenings abzugeben.

von Ina Tannert

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