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Fahnen-Klau erzürnt Fußball-Fan

Diebstahl Fahnen-Klau erzürnt Fußball-Fan

Fehde um die Flagge: Diebe haben dem Marburger Fußballfan Wolfgang Röder eine Deutschland-Fahne vom Balkon geklaut und einen Bekennerbrief hinterlassen. Die Forderung: "Sag nein zu Deutschland".

Dem Marburger Renter Wolfgang Röder (71) ist zur WM die Deutschlandfahne geklaut worden – aus politischen Gründen?

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Statt Feier- herrscht Fruststimmung im Altenzentrum „Auf der Weide.“ So, wie Tausende in der Stadt, haben auch die Rentner und Pflegebedürftigen zur Fußball-Weltmeisterschaft schwarz-rot-goldene Fahnen gehisst. Manche Flaggen stecken in Blumenkübeln, andere wehen vom Balkon. Wolfgang Röder ist einer der rüstigen Fußballfans - und ihm, wie auch der Nachbarin, haben Diebe nun die Deutschlandfahne geklaut.

Dieb hinterlässt Bekennerbrief

„Wäre das nur ein Dummer-Jungen-Streich, ein Scherz, hätte ich problemlos damit leben können. Kostet ja nicht die Welt so ein Ding“, sagt der 71-Jährige. Ihn erzürnt der Bekennerbrief, den die Diebe hinterlassen haben und welcher der OP vorliegt. Es ist ein Schreiben, das in Röders Wahrnehmung ein Mix aus Zensur, Überwachung und Drohung ist. „Sag nein zu Deutschland“ steht auf dem Briefkopf. Der Inhalt: „Ich habe Ihre Nationalfahne entfernt. Egal aus welchem Grund Sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus“. Die Fahne stehe nicht für Fußball oder ein Team, sondern für „deutsche Identität“. Es werde dadurch eine „nationale Gemeinschaft konstruiert“, die „eigene Identität betont“ und „damit Nationalismus erzeugt“ - und Nationalismus habe „für viele Menschen fatale Konsequenzen“. Nationalismus grenze aus, beherrsche, töte.

Ich bin doch nur Fußballfan

„Hinter dem Diebstahl steckt also eine politische Aussage, das finde ich nicht gut“, sagt er. Erst als er den Brief entdeckt, ruft er die Polizei. Vermuten die Ermittler auch eine politisch motivierte Tat? „Dass Fahnen geklaut werden, kommt immer wieder mal vor“, sagt Martin Ahlich, Sprecher der Polizei. Das gelte für Deutschlandfahnen ebenso wie für Flaggen anderer Nationen. Dass es in Marburg derzeit gehäuft zu Fahnen-Diebstählen komme, könne er nicht bestätigen.

Jedoch: Anwohner im Südviertel berichten in den vergangenen Tagen von abgebrochenen Plastikfahnen an Autos - ein Indiz für systematisches Vorgehen der Täter? Das Bekennerschreiben, das in Röders Blumenkübel lag und nach OP-Recherchen bereits 2012 deutschlandweit verteilt wurde, ist an „liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer“ adressiert. Fakt ist: Die Antifa Marburg hat bereits im Juni 2010, vor Beginn der WM in Südafrika einen WM-Kritik-Comic veröffentlicht. „Mandi“, so der Name, setzt sich mit Nationalismus und sogenanntem Partypatriotismus auseinander. In dem 13 000 Exemplare zählenden Comic wird etwa dargestellt, dass das Anfeuern der Fußballmannschaft schnell zu rassistischen Einstellungen und Übergriffen führen könne.

Neue Fahne ist bereits gehisst

Rassismus? Nationalismus? Gewalt? Röder schüttelt den Kopf. „Ich bin doch nur Fußballfan.“ Wie es scheint, wühlten sich die Fahnen-Diebe durch die Hecke der Nachbarin, kletterten an der Regenrinne in den ersten Stock auf den Balkon von Röder und rissen die Fahne samt Mast ab. Seit sieben Jahren und vier internationalen Turnieren wohnt der Rentner in dem Alten-Apartment. „So etwas ist hier noch nie passiert. Als Anwohner kann man richtig Angst bekommen. Was, wenn man die Balkontür kippt und die ins Wohnzimmer kommen, weil sie da was sehen?“

Der Forderung der Verfasser - „Bitte sparen Sie sich das Geld und uns die Arbeit, der Natur den Müll, und ersetzen sie die Fahne nicht durch eine Neue“ - widersetzt sich Röder. Die neue Fahne ist bereits gehisst.

von Björn Wisker

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