Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Ey Mann, wo ist meine Ehefrau?

Kuriose Taxigeschichten Ey Mann, wo ist meine Ehefrau?

Kundiger Stadtführer und wichtiger Transporteur: Taxifahrer übernehmen häufig nicht nur die Rolle des stillen Fahrers. Unternehmer Herbert Brunett berichtet von einem abwechslungsreichen Gewerbe.

Voriger Artikel
Gehörntes Vieh kann gefährlich werden
Nächster Artikel
Polit-Pensionär ist jetzt „Schlossherr“

Taxi-Schlange am Marburger Hauptbahnhof.

Quelle: Nadine Weigel

Wehrda. In einem runden Behälter stehen die Regenschirme – Fundstücke in zahlreichen Formen und Farben. Was Reisende auf den Rücksitzen der fünf Limousinen verlieren, findet sich irgendwann in der Taxi-Zentrale von Herbert Brunett wieder. Ein Sammelsurium an Brillen, Taschen, Handys, Fotoapparaten, Ausweisen und und und... Abgeholt wird längst nicht alles. Manche Kunden vergessen sogar ihre Frau, scherzt Brunett. Geschehen ist dies bei einer Fahrt zum Bahnhof. Der Mann in Eile, schaute auf dem Beifahrersitz lediglich in seinen Sachen, ob er denn wirklich alles bei sich hatte. Dass seine Ehefrau gar nicht auf der Rückbank Platz genommen hatte, bemerkte er erst, als er am Zielort angekommen war.

Bekannt wie ein bunter Hund: die "Taxi-Oma"

Herbert Brunett ist ein alter Hase im Geschäft. Übertroffen wird er höchstens noch von Henriette Ziesse, einer ehemaligen Mitarbeiterin, die ihm heute in der Zentrale einen Besuch abstattet. Bekannt war sie lange Zeit im Marburger Umland als die „Taxi-Oma“. Gerne würde sie noch fahren, sagt die 80-Jährige und erinnert sich an ihre Zeit hinter dem Steuer. „Einmal hat sie einem Gast die Brille abgenommen, als dieser nicht zahlen wollte“, erinnert sich Lydia Brunett und ergänzt: „Ich fand das damals ganz schön mutig von ihr.“ Dass Gäste nicht bezahlen können oder wollen, komme immer mal wieder vor, sagt Herbert Brunett. Mit der Zeit habe man als Taxifahrer jedoch einen Blick für solche Situationen – Berufsanfänger müssten da häufiger Lehrgeld bezahlen.

( Herbert Brunett, die "Taxi-Oma" Henriette Ziesse und Lydia Brunett, Foto: Dennis Siepmann)

Und wie sieht es mit aggressiven Kunden aus? Das komme auch schon mal vor, sagt Herbert Brunett, aber seine Taxen würden lediglich bis zehn Uhr abends fahren, weswegen weit weniger Fahrgäste alkoholisiert seien, was später in der Nacht häufig zu Problemen führe.

Ärger habe es hingegen in letzter Zeit mit „Kollegen“ gegeben. In Marburg gehen zahlreiche Mietwagenfirmen ihren Geschäften nach ( siehe Hintergrundkasten). Probleme gibt es immer wieder an den offiziellen Taxistandplätzen, die von der Stadt ausgewiesen werden müssen.

An diesen Haltestellen dürfen nur Taxen stehen, die eine offizielle Konzession erhalten haben (in Marburg sind es 30 Fahrzeuge). Mietwagen dürfen an diesen Plätzen nicht stehen. Als ein Mitarbeiter von Brunett einen anderen Fahrer darauf angesprochen habe, dass dieser sich mit seinem Fahrzeug unerlaubterweise auf einem Taxistandplatz befinde, kam es zu einer Handgreiflichkeit. Brunetts Fahrer wurde dabei verletzt. Traurig findet Brunett diese Zustände und wünscht sich auch mehr Engagement des Ordnungsamts, das für die Kontrollen an den Taxiständen zuständig sei.

Blutkonserven und medizinsches Material

Wer glaubt, dass Taxen nur Menschen befördern, der irrt. Auch wichtige Post wird geliefert. Manchmal sogar medizinisches Untersuchungsmaterial und Blutkonserven. Für einige Menschen ist das Taxi sogar so etwas wie Zuhause. Herbert Brunett erzählt von Stammkunden, die die Zeit im Taxi zum Beispiel dazu nutzen, sich umzuziehen oder den Fahrgastraum in ihr persönliches Büro verwandeln. Sogar den Wäschedienst habe man bereits für einen Kunden übernommen. Es gibt aber natürlich Grenzen bei der Hilfe. Fahrer sollten immer stutzig werden, wenn sie zu einem Baumarkt bestellt werden, meint Brunett. Da könne es passieren, dass der Besteller glaubt, einen günstigen Helfer für die Renovierungsarbeiten im fünften Stock gefunden zu haben. Ein Kunde habe mal verlangt, die neu erworbene Matratze auf dem Taxidach festzumachen – dem Wunsch des Kunden konnte in diesem speziellen Fall jedoch nicht entsprochen werden.

Abwechslungsreich sei der Beruf allemal, sagt Brunett. Zuletzt habe der Taxiunternehmer in Marburg verzweifelt nach einem Internetcafé gesucht, um dem Wunsch seines Fahrgastes gerecht zu werden. Schließlich ist der Kunde ja König. Taxifahrer sind immer auch Stadtführer. Wo gibt es die beste Pizza, wo kann man am besten tanzen gehen? Oftmals hilft da eine Internetrecherche der Zentrale.

Und wohin ging die weiteste Fahrt? Lydia Brunett überlegt kurz und sagt: „Eine Mitarbeiterin hatte mal eine Tour über Belgien, Luxemburg und Ludwigshafen zurück nach Marburg.“ Lange Strecken sind für viele Fahrer eine willkommene Abwechslung, erklärt Herbert Brunett und berichtet in diesem Zusammenhang von einer Fahrt zum Frankfurter Flughafen. „Hast du die Flugtickets auch wirklich eingesteckt?“, ertönte es plötzlich auf halber Strecke. „Wieso denn ich? Ich dachte du hast sie eingepackt!“

Herbert Brunett, Zeuge dieser Unterhaltung, wendete sein Taxi daraufhin und fuhr das Pärchen wieder zurück zu ihrer Wohnung. Den Flieger bekamen sie dann übrigens doch noch.

von Dennis Siepmann

HINTERGRUND

Unterschiede zwischen Mietwagen und Taxi:

  • Mietwagen müssen ihre Aufträge über die Zentrale bekommen und auf Nachfrage ihren Besteller nennen. Nach jeder Fahrt muss der Mietwagen zur Leitstelle zurückkehren.
  • Taxiunternehmen sind Teil des öffentlichen Nahverkehrs und haben deshalb eine Beförderungspflicht.
  • Der Taxi-Preis für eine Fahrt wird von der Stadt vorgegeben. Das Fahren nach Taxameter ist vorgeschrieben.
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr