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Experten warnen vor Chemie im Fleisch

Ernährung Experten warnen vor Chemie im Fleisch

Medikamenten-Alarm in Fleischprodukten: Immer häufiger werden in der Tiermast Präparate eingesetzt, die auch für Menschen langfristig gefährlich sein können. Marburger Mediziner warnen vor Antibiotika-Resistenzen.

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Vor allem im Fleisch von Geflügel ist zuletzt verstärkt eine hohe Antibiotika-Belastung nachgewiesen worden. Stammt das Fleisch aus der Massentierhaltung,
ist es Wissenschaftlern zufolge garantiert Antibiotika-belastet – und sei es nur in Rückständen, was auf Dauer trotzdem gesundheitsgefährdend sei. 

Quelle: Ingo Wagner

Marburg. Mittags strömen Massen in die Mensa. Sowohl auf den Lahnbergen als auch am Erlenring. Es sind Studenten, Professoren und Gäste, die dort ihre Pause verbringen. „Im Semester gehen pro Tag zwischen 5000 und 6000 Essen über die Theke“, sagt Martin Baumgarten, zuständig für den Verpflegungsbetrieb des Studentenwerks. Vor allem die Fleischesser unter ihnen - jährlich verzehrt jeder Deutsche im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch - sind besorgt über etwaige Lebensmittel-Verunreinigungen. In Großversorgungseinrichtungen wie der Mensa versichert man: Nur schadstofffreies Fleisch wird serviert. „Krankmachende Bakterien sind im Fleisch nicht mehr vorhanden, aber wenn man bedenkt, dass 92,6 Prozent des Geflügels aus der Massentierhaltung mit bis zu acht verschiedenen Antibiotikapräparaten gefüttert werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Fleisch Rückstände aufweist“, entgegnet Professor Reinier Mutters, Leitung der Krankenhaushygiene am Marburger Institut für Medizinische Mikrobiologie.

Auch der Fleischatlas, eine Analyse des BUND, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, zeigt, dass bis zu zwei Drittel der Masthähnchen in Massentierhaltungsanlagen gegenüber bestimmten Antibiotika Resistenzen ausbilden, die auch für Menschen gefährlich sein können. Der Anteil von in der Tierhaltung eingesetzter Antibiotika ist mittlerweile doppelt so hoch wie jener in der Humanmedizin. Dadurch konsumiert der Mensch ungewollt Antibiotika über seine Nahrung. „Wenn Antibiotika in geringen Dosen und dazu über einen zu langen Zeitraum konsumiert werden, werden auch gesunde Bakterien des Menschen resistent“, sagt Professor Mutters.

Thomas Sander, tätig im Einkauf des Studentenwerks, schaut neben der Qualität auch auf die Preise, schließlich sei das Budget der Mensa begrenzt. Allerdings seien sie „keine Schnäppchenjäger“, so Sprecherin Franziska Busch. „Wir haben keine wechselnden Lieferanten, sondern verlassen uns auf die Altbewährten.“ Die Zulieferer der Mensa, wie etwa Fleisch- und Wurstwaren Werner Sauer, werben mit Transparenz und lassen ihren Kunden auf Wunsch Videos zukommen, auf denen zu sehen ist, wie ihre Produkte verarbeitet werden.

Trotzdem prüft Franz-Josef Barthelt, der Küchenchef, die Produkte bei jeder neuen Anlieferung die Kühlkette und die Sensoren: Darunter fällt die Konsistenz, Farbe und Struktur des Fleisches. Entspräche es nicht den Qualitätsansprüchen, würde es wieder zurückgeschickt. „Im Übrigen nehmen wir Essproben, die wir zwei Wochen aufbewahren. Sollten Beschwerden kommen, können wir den Weg des Produkts zurückverfolgen“, erläutert Barthelt.

Ähnlich geht auch Karsten Wetzlar, Inhaber des Marburger Restaurants „Pfeffer und Salz“, das bekannt für ihr „Dry Aged Beef“ ist, vor. „Fleisch ist erstmal eine Wissenschaft“, antwortet er auf die Frage, wie er die Schadstofffreiheit seiner gelieferten Warte kontrolliert. Natürlich ließe auch er sich Zertifikate aushändigen, aus denen der Weg des Fleisches hervorgehe. Zuzüglich würde er jede Lieferung mit seinem geschulten Auge selbst prüfen.

Antibiotika bei Tierzucht? „Unvermeidbar“

Anja Püchner, Geschäftsführerin des Bauernverbandes Marburg erklärt: „In der Tierzucht ist es kaum vermeidbar Antibiotika einzusetzen. Doch dabei wird sowohl das Tier als auch das Produkt im Auge behalten.“ Was ist mit dem Wohl des Endkonsumenten - des Menschen? „Esse ich bei Halsschmerzen ein Stück Fleisch, dann behandle ich die Halsschmerzen, denn durch das Fleisch nehme ich Antibiotika auf“, erläutert Professor Mutters. Dies träfe auf Fleisch aus Massentierhaltungen zu, da dieses mit Antibiotika gefüttert werden müsse, um Massenerkrankungen zu vermeiden, sagt er.

Auch wenn garantiert ist, dass die Konsistenz des Fleisches und auch die Temperaturen in Ordnung sind. Stammt das Fleisch aus der Massentierhaltung ist es im Grunde unmöglich antibiotikafrei zu sein - es sei denn der Hersteller zertifiziere das Fleisch als antibiotikafrei, sagt Wissenschaftler Mutters. Letztlich sei nur in Biofleisch kein Antibiotikum enthalten. Auch Gemüse rät der Mikrobiologe gut zu waschen. Sei es mit natürlichem Dünger - Tiermist, gedüngt worden, sei auch das Gemüse schadstoffhaltig.

von Katharina Stürzl

Hintergrund

1094 Tiere verzehrt ein Deutscher im Durchschnitt während seines Lebens. Darunter sind vier ganze Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Insgesamt sind das rund 60 Kilogramm pro Jahr und Kopf.1700 Tonnen Fleisch pro Jahr, enthalten in Deutschland pro Kilogramm 170 Milligramm Antibiotika, so eine Untersuchung der Naturschutzorganisation BUND.

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