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Experte: Sorgen auf hohem Niveau

Angst-Studie Experte: Sorgen auf hohem Niveau

Die OP sprach anlässlich der am Donnerstag vorgestellten Angst-Studie der R+V Versicherung mit Dr. Hans Onno Röttgers, Leitender Psychologe der Marburger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg.

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Dr. Hans Onno Röttgers ist Angst-Experte.

Quelle: Nadine Weigel

OP: Ab wann wird Angst krankhaft?

Dr. Hans Onno Röttgers: Grundsätzlich gilt: Angst ist zunächst nichts anderes als ein Gefühl, das uns vom ersten bis zum letzten Tag begleitet. Wenn Menschen und Tiere keine Angst hätten, würden sie übermäßige Risiken eingehen. Sobald ein Mensch durch seine Ängste einen hohen Leidensdruck hat oder Angst vor Situationen oder Tieren hat, die nicht angemessen ist, liegt eine psychische Störung vor. Wer vor einer harmlosen Spinne plötzlich schreiend wegläuft, handelt zum Beispiel objektiv unangemessen. Wer nicht mehr aus dem Haus oder in die Uni geht, weil er Angst vor dem Versagen hat, verhält sich ebenfalls objektiv nicht angemessen.

OP: Welche Rolle spielt die Erziehung dabei?

Röttgers: Schlechte Erfahrungen und Erziehung spielen eine erhebliche Rolle. Wer schonmal vom Hund gebissen wurde, hat vielleicht Angst vor Hunden - unabhängig von seiner Erziehung. Aber man kann Angstmodelle lernen: Wenn die Mutter ständig vor fremden Leuten warnt, kann sie Ängste anerziehen. Auch wenn Kinder ohne sichere Bindung zu Vater oder Mutter aufwachsen und sich oft allein gelassen oder überfordert fühlen, können sie später krankhafte Ängste entwickeln.

OP: Wie wird Angst behandelt?

Röttgers: Psychotherapie, konkret Verhaltenstherapie, ist das erste Mittel der Wahl. Es gibt auch Medikamente gegen Ängste, das sind zum Beispiel Anti-Depressiva. Was wir nicht empfehlen, höchstens im akuten Notfall, sind so genannte Angstlöser, wie Benzodiazepine, gegen die Symptome. Sie haben erhebliche Nebenwirkungen und können süchtig machen.

OP: Die Deutschen haben am meisten Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, so die aktuellen Studienergebnisse: Ist das ernst zu nehmen, oder klagen die Deutschen einfach auf hohem Niveau ?

Röttgers: Als politisch interessierter Mensch sage ich: Das sind Ängste und Sorgen auf hohem Niveau. Aber jeder einzelne Befragte, der diese Ängste äußert, hat sie tatsächlich. Das muss ich ernst nehmen. Es hilft den Menschen, die sich um ihre Existenz sorgen, wenig, dass es den Menschen in Afrika viel schlechter geht. Psychologisch betrachtet dürfen diese Sorgen nicht abgewertet werden. Auch Reiche können unter Existenzängsten leiden. Und da kommen wir wieder zur Defintion: Sobald die Angst nicht angemessen ist, ist dies ein Fall für den Psychologen.

OP: Mit welchen Ängsten kommen Patienten zu Ihnen?

Röttgers: Viele haben Agoraphobien, also Angst vor öffentlichen Plätzen. Sie haben Angst, dass sie im Notfall auf dem überfüllten Platz, im Bus oder Zug keine Hilfe erhalten. Menschen mit Panikstörungen und Sozialphobien kommen ebenfalls zu uns in die Therapie. Studierende, die Angst haben, Referate zu halten oder Menschen, die vor anderen nicht sprechen oder gar essen können, weil sie Angst haben, sich zu blamieren. Es gibt Menschen mit unterschiedlichen spezifischen Störungen und solche mit generalisierten Angststörungen. Patienten, die ständig in Anspannung leben, deshalb Schlafprobleme haben und sehr nervös und schreckhaft sind.

OP: Gibt es auch Menschen ohne Angst?

Röttgers: Nein. Es gibt aber Menschen, die weniger ängstlich sind als die meisten. Es kommt vor allem bei Männern vor, dass einige behaupten, sie kennen keine Angst. Die haben aber Angst, Angst zu haben. Angst schützt uns auch vor Gefahren, daher ist es gut, dass Lebewesen Angst empfinden.

von Anna Ntemiris

Hintergrund

Bilder von rollenden Panzern in der Ukraine, blutigen Kämpfen in Syrien oder Ebola-Kranken in Westafrika beherrschen die Nachrichten. Doch auf die konkreten Ängste der Deutschen haben sie offenbar wenig Einfluss: Die Menschen hierzulande geben sich insgesamt entspannt wie seit 20 Jahren nicht mehr. „Die Deutschen sind in einem Stimmungshoch“, sagt Rita Jakli von der R+V-Versicherung, die seit 23 Jahren mehr als 2400 Bundesbürger zu ihren Ängsten befragt – und nun in fast jedem Bereich einen Rückgang der Sorgen beobachtet.
Das Vertrauen in die Wirtschaftskraft Deutschlands ist wieder gewachsen, die Angst vor Arbeitslosigkeit – vor allem im Westen – gesunken. Doch trotzdem ist da etwas, das mehr als die Hälfte der Menschen weiterhin umtreibt: die Sorge, dass angesichts steigender Lebenshaltungskosten nicht genug im Portemonnaie bleibt, und die große Furcht vor dem, was kommt, wenn Alter, Krankheit und Pflegebedürftigkeit nahen.
Sind diese Sorgen im Vergleich zu anderen europäischen Staaten angebracht und realistisch? Passende Studien aus anderen Ländern fehlen. Ziehe man jedoch den Euro-Social-Survey heran, sei deutlich, dass in Deutschland die Sorge ums Geld besonders ausgeprägt sei und man im Streben nach sozialer Sicherheit auf Augenhöhe mit skandinavischen Ländern, den Niederlanden, Belgien und Frankreich stehe, sagt der Politologe Professor Manfred Schmidt (Universität Heidelberg). Vor allem ersteres sei wohl auch historisch bedingt – Erfahrungen der Hyperinflation in der Weimarer Republik und der Währungsreform 1948 säßen tief.
Dennoch: „Die Deutschen sind kein Volk von Angsthasen, sondern reagieren mit berechtigter Sorge auf aktuelle Ereignisse und Probleme“, betont Schmidt. „Die meisten Ängste sind wirklichkeitsnahe Reaktionen auf die Top-Themen der Politik und der öffentlichen Debatte.“ So seien im vergangenen Jahrzehnt nicht nur die Preise für Strom, Kraftstoffe oder Nahrungsmittel um bis zu 70 Prozent gestiegen – sondern dem Einzelnen bleibe auch durch höhere Steuern, Sozialabgaben und Umlagen für Umweltschutz weniger Bares.
Hinzu kommt die Angst vor schwerer Krankheit und Pflegebedürftigkeit – und die ist vor allem weiblich. „Frauen haben wegen ihrer höheren Lebenserwartung auch ein viel höheres Pflegerisiko. Außerdem tragen sie bei der häuslichen Pflege in der Regel die Hauptlast und wissen deshalb, wie nervenaufreibend und kostspielig die Situation ist“, sagt Jakli von der R+V.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz wertet das als Zeichen für mangelndes Vertrauen in die neue Pflegereform . „Es ist eine Katastrophe, dass die Angst der Menschen vor Pflegebedürftigkeit genauso groß ist wie vor Naturgewalten“, sagt Stiftungsvorstand Eugen Brysch.
Real begründet ist auch das erneute Auseinanderdriften im Lebensgefühl zwischen Ost und West: Die Angst vor Jobverlust ist im Osten Deutschlands deutlich höher. „Ein Blick in die Arbeitslosenstatistik vom Juli zeigt, dass diese Angst begründet ist“, sagt Jakli. Während im Osten fast jeder Zehnte arbeitslos war, lag die Quote im Westen bei nur knapp sechs Prozent.
Und auch wenn Ukraine und Syrien weit weg scheinen: Leichte Zuwächse gab es auch bei der Angst vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung. Gut ein Drittel der Deutschen fürchtet dies. Schmidt glaubt dennoch nicht, dass die bereits vor zwei Monaten erhobenen Werte angesichts der jüngsten Entwicklungen nach oben geschnellt wären. „Die Deutschen sind ausgesprochen pazifistisch orientiert und wissen, dass der Westen keine großen militärischen Konflikte riskieren wird.“

von Andrea Barthélémy (dpa)

Umfrage

Anne-Marie Grebe, Sozialpädagogin aus Marburg: Um mich selbst habe ich wenig bis keine Angst. Da ich gläubige Christin bin, weiß ich, dass Gott mich beschützt.
Wenn ich Angst habe, dann bezüglich meiner Kinder und Enkel. Um meine Familie und ihr Wohlergehen sorge ich mich am meisten.

Markus Bär, Schweißer aus Marburg: Mir macht Gewalt Angst. Zwar kommt es in Marburg glücklicherweise selten zu Gewalttaten, doch deutschlandweit scheinen die Zahlen zu steigen.
Ich würde mir wünschen, dass die Menschen auch ohne Auseinandersetzungen miteinander auskommen.

Laura Medina, Studentin aus Marburg: Ich versuche mir keine Gedanken um Ängste zu machen. Natürlich gibt es Momente, die mich ängstigen wie zum Beispiel. riskante Überholmanöver auf der Autobahn oder ähnliches. Dabei geht mein Puls in die Höhe. Die positiven Dinge in meinem Leben überwiegen jedoch. 

Susanne Walda, kaufmännische Angestellte aus Marburg: Der Ukraine-Konflikt löst Angst in mir aus. Besonders die Ohnmächtigkeit mit der wir den Konflikt nur betrachten können, macht mir zu schaffen.
Ich hoffe, dass eine Lösung gefunden wird. Die Sache geht auch uns in Deutschland etwas an.

Andre Rompf, Student aus Marburg: Die internationale politische Lage, besonders die im Irak, macht mir Sorgen. Ich hoffe, dass sich die Situation dort relativ schnell beruhigt und kein Krieg ausbricht.
Auch der Ausbruch der Ebola-Epidemie in Afrika gibt mir zu denken.
(Umfrage: Andreas Spielmeyer)

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