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Experte: Auch kleine Pflegeheime rechnen sich

Marburg Experte: Auch kleine Pflegeheime rechnen sich

Das Thema Altenpflege sorgt in Marburg schon lange für Zündstoff.  Sozialgerontologe Rolf Gennrich sagt nun,  dass auch kleine Wohnformen finanzierbar sind.

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Mehr als 120 Zuhörer kamen am Donnerstag zur Veranstaltung der Grünen zum Thema Leben im Alter.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg.  Kein Beamer, kein mobiles Mikrofon: Die technischen Probleme im Stadtverordnetensitzungssaal machten dem Referenten, Sozialgerontologe Rolf Gennrich,  am Donnerstagabend zu schaffen: „Ich komme mir vor wie eine Hausfrau, die alle eingeladen hat und der Braten dann verbrannt ist. Wie soll ich Ihnen jetzt sagen, wie der Braten geschmeckt hätte“, sagte Gennrich den mehr als 120 Zuhörern.

Dennoch wurden Gennrichs Positionen und Zukunftsvorschläge für das Leben im Alter deutlich. Gennrich, früherer Referent beim Kuratorium Deutsche Altershilfe und jetziger Geschäftsführer des Instituts für Altenwohnbau und Qualitätsmanagement in  Solingen, sagte: Zwar werden in der Mehrzahl der Pflegeeinrichtungen ältere Menschen „verwaltet“, doch gebe es mittlerweile enorme Ansätze zur Qualitätsverbesserung. „Die Sensibilität ist da.“ Weiter: „Wir brauchen Pflegeheime, wo kein älterer Mensch Angst hat, einzuziehen“, so Gennrich. Seine konkreten Forderungen: In Pflege- und Altenheimen sollten Bewohner beispielsweise selbstbestimmt entscheiden können wo, wann,  wie und was sie essen. Sie sollten über das Menü entscheiden oder an der Zubereitung mitwirken können. Stattdessen würden ältere Menschen auch von sich den Weg in die Enge wählen: „Am liebsten in den Rollator. Der Rollator ist auch so eine Volkskrankheit“. Barrierefreies Wohnen sei gefragt: Da habe die Städtebaupolitik einiges nachzuholen. „Wir haben die demografische Entwicklung verpennt.“

Gennrich plädierte auch für kleinere Wohnheime, die von Genossenschaften und Initiativen geführt werden und als Hausgemeinschaften konzipiert sind. Die Bewohner werden als Mitgenossen eingebunden. Er nannte dabei eine Reihe von beispielhaften Projekten im In- und Ausland, bei denen die Träger ihre Heimgröße reduziert haben oder ihre Struktur gänzlich veränderten. „Es ist schmerzhaft von 80 auf 60 Plätzen zu gehen, aber es müssen Anreize geschaffen werden“, sagte er im Hinblick auf die wirtschaftlichen Bedingungen.

„Das Problem ist die Finanzierung“, räumte Gennrich ein. Kommunen hätten kein Geld, um solche Projekte zu stemmen. Dennoch rechnen sich seiner Auffassung nach auch kleine Einrichtungen – wenn man nicht mit der Pflege, sondern mit den Immobilien Gewinn machen will. „Kapazitätsorientierte Arbeit“ laute der Schlüssel zum Erfolg. „Der Mitarbeiter kommt nur, wenn man ihn braucht. Man muss den Personalbedarf justieren“.

Ambulante Pflege müsste in einem stationären Heim als Dienstleister einziehen. „Es ist eine Frage der Zeit, bis die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Pflege aufgehoben werden“. Der Sozialdezernent des Kreises Dr. Karsten McGovern (Grüne), der die anschließende Diskussion moderierte, fragte den Experten nach der Rolle der städtischen Gesellschaften. Der Referent antwortete: Diese hätten es – etwa durch tarifrechtliche Bedingungen – schwerer solche vorbildhaften Projekte umzusetzen, es liege aber in ihrer Verantwortung.

Im Gespräch mit der OP erklärte Gennrich, dass er nicht gegen die tarifliche Bezahlung von Mitarbeitern sei.  Allerdings müssten Mitarbeiter bereit sein, flexibel zu  sein und anders eingesetzt zu werden. Wenn Bewohner sich selber ihr Essen kochen, müsste etwa Küchenpersonal eine andere Aufgabe erhalten.

Zur derzeit aktuellen Frage in Marburg, ob die städtische Altenhilfe am Richtsberg ein 80er Heim neu bauen sollte, sagte Gennrich: Grundsätzlich wären auch zwei 40er-Heime in zwei Stadtteilen unter einer Leitung möglich und ratsam. Um die Kosten zu decken, müssten Mieter wie Cafés, ambulante Dienstleister oder Apotheken in die Pflegeheime einziehen. Aber auch anderer Wohnraum könnte dort geschaffen werden. „Dann lohnt es sich“.

Diese Vorschläge hörten McGovern sowie die Marburger Grünen-Sozialexpertin, Dr. Christa Perabo, gern. Mit Spannung wird derzeit das Gutachten des Kuratoriums Deutsche Altershilfe zur Frage erwartet, welche Größe die Marburger Altenhilfe künftig wählen sollte. Die Grünen bestehen auf kleine dezentrale Pflegeeinrichtungen, der Koalitionspartner SPD favorisierte bisher ein Heim mit 80 Plätzen, weil nur dieses ökonomisch sinnvoll sei.

von Anna Ntemiris

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